Meister Eckhart: weder Gott noch Geschöpf


EBei meiner Geburt, da wurden alle Dinge geboren, und ich war Ursprung meiner selbst und aller Dinge, und hätte ich gewollt, so wäre ich nicht entstanden und alle Dinge wären nicht entstanden. Und wäre ich nicht, dann wäre auch Gott nicht. Dass Gott Gott ist, dafür bin ich der Ursprung. Und wäre ich nicht, dann wäre Gott nicht Gott. Dies muss man nicht unbedingt wissen.

Ein großer Meister lehrt, sein Durchbrechen sei edler als sein Ausfließen, und das ist wahr. Als ich aus Gott herausfloss, da sagten alle Dinge: Gott ist. Aber das kann mich nicht selig machen, denn hierbei bekenne ich mich als Geschöpf. Hingegen beim Durchbrechen – da stehe ich losgelöst von meinem Willen und vom Willen Gottes, von allen seinen Werken und von Gott selbst; da stehe ich oberhalb von allen Geschöpfen. Da bin ich weder Gott noch Geschöpf, ja, da bin ich das, was ich war und bleiben werde, jetzt und für immer. Dabei erfahre ich ein Gepräge, das mich hinaufbringt über alle Engel. Dieses Gepräge gibt mir einen solchen Reichtum, dass Gott mir nicht mehr genügen kann mit all dem, was er als Gott ist und mit allen seinen göttlichen Werken, denn in diesem Durchbrechen erhalte ich es, dass ich und Gott eins sind. Dort bin ich, was ich war. Dort erhalte ich weder etwas hinzu noch verliere ich etwas. Denn da bin ich das unveränderliche Wesen, das alles verändert. Hier findet Gott keine Stätte im Menschen, denn der Mensch erhält aufgrund dieser Armut, was er ewig gewesen ist und immerdar bleiben wird. Hier ist Gott eins im Intellekt, und das ist die innerste Armut, die man finden kann.

Wer diese Rede nicht versteht, der mache sich deswegen in seinem Herzen keine Sorgen. Denn solange der Mensch dieser Wahrheit nicht gleich wird, so lange wird er diese Rede nicht verstehen, denn sie ist unverdeckte Wahrheit, wie sie unvermittelt aus dem Herzen Gottes kommt.

So zu leben, dass wir es ewig einsehen, dazu helfe uns Gott. Amen.

aus: „Meister Eckhart, „Predigt über die Armut

LIch fürchte ja weniger wie Meister Eckhart, dass sich jemand Sorgen macht, weil er diese Rede nicht versteht, ich fürchte vielmehr, dass sich jemand keine Sorgen macht, weil er glaubt, alles bestens verstanden zu haben. Dieser imaginäre Jemand wird sich vermutlich auch nicht durch Eckharts Hinweis beeindrucken lassen, dass niemand  diese Rede verstehen wird, solange er nicht der darin enthaltenen Wahrheit gleich geworden ist. Ich hatte kürzlich Huang-po u.a. mit dem Satz zitiert: „Geist wird durch Geist übertragen, und zwischen ihnen besteht kein Unterschied.“ Das ist exakt dasselbe, auf das Meister Eckhart verweist.

Es ist wirklich erstaunlich, dass Meister Eckhart für seine Formulierungen nicht auf dem Scheiterhaufen gelandet ist. „Dieses Gepräge gibt mir einen solchen Reichtum, dass Gott mir nicht mehr genügen kann mit all dem, was er als Gott ist und mit allen seinen göttlichen Werken, denn in diesem Durchbrechen erhalte ich es, dass ich und Gott eins sind.“ Das ist Häresie und Blasphemie und stellt darüber hinaus – und das ist das Schlimmste – auch noch die Mittlerrolle des Pontifex Maximus und seiner Mafiosi in Frage. Wer der von Meister Eckhart angedeuteten Wahrheit gleich geworden ist, benötigt keine Kirche mehr. Er ist so arm geworden, dass er überhaupt nichts mehr benötigt.

Noch einmal Meister Eckhart über die innere Armut.

 

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13 Antworten zu Meister Eckhart: weder Gott noch Geschöpf

  1. Georg Alois schreibt:

    Lieber Herr Nitya, das ist ja ein schönes Geschenk!!!, Meister Eckhart am frühen Morgen…….. das ist mein Lieblings, Allerliebstes, seine Worte. Und wir sollten nicht vergessen, dass es mutige Frauen waren, die Beginen, die alles aufgeschrieben haben was er gepredigt hat. (wie ich schon mal erwähnte: diejenigen, die wirklich was zu sagen haben ……………) Die Kirche hat ja sogar das Nachdenken über Meister Eckhart unter Strafe gestellt. Er hat sich durch seinen natürlichen Tod dem Scheiterhaufen entzogen.
    Und bitte erlauben Sie mir, auf meine Lieblingsaussage von ihm zu verweisen, es ist diese absolut geniale Beweisführung, die zu „Gott“ führt, in der Predigt über die „Abgeschiedenheit“.

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Herr Georg Alois,

      fein, dass es noch ein paar Menschen gibt, die sich freuen können, wenn ihnen etwas von Meister Eckhart begegnet. Seine Predigt über die Abgeschiedenheit ist auch ganz wundervoll, das kann ich sehr nachfühlen, dass Sie das berührt. Eine Beweisführung halte ich allerdings schlechterdings für unmöglich.

      Übrigens, ich glaube der Ältere darf dem Jüngeren das Du anbieten. Da ich keine Ahnung habbe, welches gesegnete Alter Sie schon erreicht haben, gehe ich mal davon aus, dass ich mit 74 der Ältere bin. Also biete ich mal an.🙂

      In meinem Greisen-Alter wird man mit diesem Sie und Du leicht tüdelig.

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      • Georg Alois schreibt:

        Ich bedanke mich für das Du! Sieben Jahre bist Du also älter und …….weiser! Aber bitte erlaube mir, dass ich hin und wieder das Sie benutzen muss, wenn mir ein Artikel von Dir besonders gut gefallen hat.
        Und trotz alledem, für mich ist die Predigt über die Abgeschiedenheit so gnadenlos logisch-schön, dass ich da immer nur lachen muss vor Freude! Klaro ist das keine allgemein gültige „Beweisführung“. Es sind ja immer die selben Hinweise: „Klappe halten!“ Mehr gibt es ja wirklich nicht zu sagen, oder?
        Der „Geist“ ist abgeschieden vom Denken. (Denken = ich, ich = Vorstellungen.) Im Grunde genommen, Scheiß einfach.
        Ich möchte Dir einen kleinen „Schwank“ aus meinem Leben erzählen. Ich bin mal, „gegen meinen Willen“ sozusagen, einem Guru, Meister, oder wie man das nennen mag, begegnet. Ich hatte von all dem „erleuchtet sein/wollen“ keine Ahnung. Ich wollte diese Person provozieren, d.h. herausfordern zum Diskutieren mit meinem Wissen über „Spiritualität“.
        Diese vollkommene Stille die in ihm herrschte ……………….. BUM ! Da stand mein Verstand still.
        Danach war alles anders, nur das „Holz hacken und Wasser holen“ ist natürlich geblieben.
        Und meinem Charakter entsprechend liebe ich die Mystiker. Den Lobgesang!
        Sonnige Grüße aus Portugal!
        Dein Georg

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Georg Alois, seit wann hat Weisheit was mit dem Alter zu tun? Das „Sie“ „darfst“ du gerne benützen, wann immer dir danach ist.

        „‚Klappe halten!‘ Mehr gibt es ja wirklich nicht zu sagen, oder?“ Na ja, „Klappe halten!“ haben sie auch zu uns in der Schule gesagt. Ein bisschen mehr muss da ja schon noch sein beim Meister Eckhart, auch wenn es nur zwischen den Zeilen steckt, sonst würdest du wohl kaum vor Freude lachen können. Meister Eckhart war mein erster Meister, den ich mit 18 verschlungen habe, auch wenn ich damals kaum etwas verstehen konnte. Aber ich war einfach fasziniert von ihm.

        Was deinen „Guru“ betrifft, erinnert mich das sehr an die Geschichte, die hier mal erzählt habe: https://satyamnitya.wordpress.com/2010/11/16/heinz-butz/

        Im Moment kann ich dir sogar aus Hamburg einen sonnigen Gruß schicken!

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  2. Savitri schreibt:

    Ich liebe Meister Eckhart auch…
    Wer weiß, ob er nicht irgendwo unterwegs von einem Kirchenmafiosi „um die Ecke gebracht wurde“, was viel weniger Aufsehen als eine öffentliche Hinrichtung verursacht hätte…
    Schön, dass wir ihn heute noch – besonders hier – lesen können!

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Savitri,

      so habe ich das auch in Erinnerung. Ich glaube, Eckhart sollte mal wieder beim Papst antanzen. Er machte sich auf den Weg, soll aber nie angekommen sein. Schon verdächtig, dass es darüber keinerlei Bericht gibt. Scheint sich einfach in Luft aufgelöst zu haben. Wäre er ein alter Lama gewesen, hätte ich dieses Verschwinden ja vielleicht noch für möglich halten können. Aber so …

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  3. Eno Silla schreibt:

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    • Nitya schreibt:

      So ein Hübscher! Und schon unterwegs?

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,
        dieser hübsche Schmetterling flatterte am Sonntag um mich herum, nachdem ich mich auf einer Wiese niedergelassen hatte und in aller Abgeschiedenheit dann eine ganze Weile faul in der Sonne saß. Er ließ sich immer wieder in meiner Nähe in der Sonne wärmen und für dieses Foto gestattete er mir ihm relativ nahe zu kommen.
        Möge der Schmetterling ein Lächeln in Dein (Euer aller) Gesicht zaubern, wie mir am Sonntag Nachmittag!

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      • Nitya schreibt:

        Ich liebe deine kleinen Geschichten vom Wegesrand.

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  4. satya schreibt:

    Absolut! Danke

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  5. Nitya schreibt:

    B

    Bussard beim Brüten

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