Liä Dsi: Na so wat!


AEs war einmal ein Mann, der hatte eine Axt verloren. Er hatte seines Nachbarn Sohn im Verdacht und beobachtete ihn. Die Art, wie er ging, war ganz die eines Axtdiebes; sein Gesichtsausdruck war ganz der eines Axtdiebes; die Art, wie er redete, war ganz die eines Axtdiebes, aus allen seinen Bewegungen und aus seinem ganzen Wesen sprach deutlich der Axtdieb.

Zufällig grub jener einen Graben um und fand seine Axt.

Am anderen Tag sah er seinen Nachbarsohn wieder. Alle seine Bewegungen und sein ganzes Wesen hatten nichts mehr von einem Axtdieb an sich.

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“
GAlso jetzt mal Hand aufs Herz: Wer kennt das nicht von sich? Und wer kennt das nicht, wie man sich sowas baldmöglichst verzeiht, vergisst und zur Tagesordnung übergeht? Dabei ist es doch ein spannendes Phänomen. Was passiert da eigentlich? „Zigeuner stehlen einem die Wäsche von der Wäscheleine und wenn’s ganz dick kommt auch noch die Kinder.“ hieß es nach dem Krieg. Na und die Neger, die sich an unsere Weiber ranmachen! Und alles so schön im Brustton der Überzeugung. Und nichts hat sich geändert seit damals und es war auch schon vorher immer so. Wir wissen Bescheid. Wir lassen uns nichts vormachen. Wir doch nicht! Und der Türke, na das weiß man doch! Oder „die da oben“! Oder „die da unten“! Oder die Rechten, die Linken, die Nachbarn, die Fremden, die Flüchtlinge, die Männer, die Frauen, und überhaupt die Muttis, … Das ist toll: Gib bei Facebook irgendein Stichwort rein und jeder hat dazu eine Meinung. Jeder weiß Bescheid.

Also der Mann in Liä Dsis Geschichte, der seine Axt verbaselt hatte, konnte ja immerhin neu sehen. Das ist ja schon mal was. Wie oft geling uns das jedoch nicht und wir halten hartnäckig an einer unserer Lieblingsprojektionen fest. Da brauche ich bloß an unsere Politiker denken. Ich werf sie jetzt mal alle in einen Topf und sag: Mann, sind die doof!

Ich weiß nicht, worum es diesem Liä Dsi geht. Ich unterstelle ihm mal, dass er darauf hinweisen will, dass wir nichts sehen können, ohne unseren alten Scheiß darauf zu projizieren. Nicht einmal uns selbst! Wie wär’s denn mit einem kleinen Experiment zum Beginn der Woche: Gelingt es mir, wenigstens für einen Moment, zu sehen, ohne irgendwas auf das Gesehene zu projizieren?S

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Eine Antwort zu Liä Dsi: Na so wat!

  1. Marianne schreibt:

    Wie wär’s denn mit einem kleinen Experiment zum Beginn der Woche: Gelingt es mir, wenigstens für einen Moment, zu sehen, ohne irgendwas auf das Gesehene zu projizieren?

    Wahr-Nehmung (Sehen) ist immer auch Wahr-Gebung und ein Für-Wahr-Halten …
    Für mich geht es nicht darum, diese Begrenzungen unserer Erkenntnismöglichkeiten auszuschalten – was gar nicht möglich ist – sondern eher, bewusst damit umzugehen.
    Ein bekanntes Experiment dazu: https://www.youtube.com/watch?v=vJG698U2Mvo
    Hier steuert die eigene Konzentration (auf eine Aufgabe) und die Erwartungshaltung (niemand erwartet einen Gorilla im Basketballspiel ..) die selektive Wahrnehmung.
    Ein häufiger und bewusster Perspektivenwechsel scheint mir das beste Heilmittel gegen einseitige und festgefahrene Wahrnehmungsphänomene zu sein, z.B so: Angie meint es gut mit mir, sie sorgt für mein Wohl und das Wohl unseres Volkes … Sie meint es nicht gut mit mir … Sie meint es sowohl gut als auch nicht gut mit mir … Sie meint es weder gut noch schlecht mit mir (weil ich ihr egal bin …) Vielleicht fällt mir bei solcher Beschäftigung auf, dass Angie gar nicht meine „Mutti“ ist, was durchaus ein Perspektivenwechsel sein könnte …😉

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