Huang-po: Geist ist nicht Geist


B

Der Geist des Bodhisattva gleicht der Leere, und er lässt von allem ab. Wenn Gedanken an die Vergangenheit nicht festgehalten werden, bedeutet dies Ablassen von der Vergangenheit. Wenn Gedanken an die Gegenwart nicht festgehalten werden, ist dies Ablassen von der Gegenwart. Werden Gedanken an die Zukunft nicht festgehalten, bedeutet das Ablassen von der Zukunft. Das ist das völlige Ablassen von der dreifachen Zeit.

Seit jener Zeit, da der Tathāgata dem Kāshyapa den Dharma anvertraute, bis heute wurde der Geist durch den Geist übertragen; es war immer der gleiche Geist. Die Übertragung der Leere kann nicht durch Worte geschehen. Eine Übermittlung durch Worte kann nicht der Dharma sein. Geist wird durch Geist übertragen, und zwischen ihnen besteht kein Unterschied. Übermittlung und Empfang der Übertragung sind eine selbstverständliche Art der geheimnisvollen Verständigung, so dass tatsächlich nur wenige sie empfangen konnten. In Wahrheit ist es so: Geist ist nicht Geist und die Übermittlung nicht wirklich Übermittlung.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

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So stellen sich das die –isten ungefähr vor: Irgendso’n Typ hat ’ne Erleuchtung oder ’ne heiße Begegnung mit dem alten Herrn über den Wolken und weiß ab sofort, wo der Hase im Pfeffer liegt. Dieses unschätzbar kostbare und geheime Wissen gibt er nun an seine Adepten weiter und nur an sie, die es wiederum an ihre Adepten weitergeben werden. So entstehen dann die berüchtigten Linien, mit denen dann das heitere Spiel „Meine Linie ist besser als deine“ gespielt werden kann.

Huang-po räumt mit diesem ganzen Schwachsinn gründlich auf. Aber wer hört schon auf die Aufräumer!  Zuerst räumt er auf mit dem, was unter dem Geist des Bodhisattva verstanden wird. Das ist nix Besonderes. Huang-po sagt: „Der Geist des Bodhisattva gleicht der Leere, und er lässt von allem ab.“ Was er nicht sagt, ist: Ein Bodhisattva denkt nicht mehr. Das führt er dann ganz penibel aus, damit sich da ja kein Missverständnis einschleicht: „Wenn Gedanken an die Vergangenheit nicht festgehalten werden, bedeutet dies Ablassen von der Vergangenheit. Wenn Gedanken an die Gegenwart nicht festgehalten werden, ist dies Ablassen von der Gegenwart. Werden Gedanken an die Zukunft nicht festgehalten, bedeutet das Ablassen von der Zukunft. Das ist das völlige Ablassen von der dreifachen Zeit.“ Um es kurz zu machen: Es geht nicht ums Nicht-Denken, sondern ums Nicht-Festhalten. Bodhisattvas sind schließlich keine Idioten. Sie kleben nur an nichts.

Dann räumt Huang-po mit dieser sog. Übertragung oder Übermittlung auf. Er sagt: „Geist ist nicht Geist und die Übermittlung nicht wirklich Übermittlung.“ Wenn Geist nicht (einmal) Geist ist, sondern überhaupt kein Ding, wie sollte dieses Nicht-Ding übertragen oder übermittelt werden können? Übermittelt werden können Postpakete oder Worte oder Lehren, also Dinge. Wo kein Ding, da keine Übermittlung.

Ja aber …? Huang-po sagt: „Geist wird durch Geist übertragen, und zwischen ihnen besteht kein Unterschied.“ Wenn es zwischen „Sender“ und „Empfänger“ keinen Unterschied gibt, dann geschieht „Übermittlung“. In Wirklich ist da kein Sender und kein Empfänger und auch keine Übermittlung. Da ist einfach nur Unterschiedslosigkeit. Das ist das ganze Geheimnis. Amen.

K

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2 Antworten zu Huang-po: Geist ist nicht Geist

  1. Marianne schreibt:

    Aus konstruktivistischer Sicht ist jede Übertragung von Erkenntnis (Geist, Inhalten …) absurd: Erkenntnis entsteht im erkennenden Subjekt, da wird nichts transportiert!

    Dennoch können gute Lehrer offenbar den Prozess des Erkennens bei ihren Schülern befördern. Niemand steigt in ein Auto (Flugzeug), das ein Azubi zusammengeschraubt hat. Wir fühlen uns sicherer, wenn es der Meister gemacht hat. Und … aus manchen Azubis wird irgendwann auch ein Meister.

    Ich selbst bin einmal in meinem Leben (vor vielen Jahren) einem Menschen begegnet, in dessen Gegenwart sich (in meinem Erleben) mein Bewusstsein geweitet hat. Diesen Prozess habe ich nicht so erlebt, als hätte er etwas „gemacht“. Es war subjektiv eher so, als hätte unser Austausch in mir eine (bis dahin ungenutzte) Möglichkeit ent-wickelt …

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    • Nitya schreibt:

      „Wir fühlen uns sicherer, wenn es der Meister gemacht hat.“ Tja, das ist ja das Schlimme. Du solltest unbedingt einmal in ein Flugzeug steigen, das ein Azubi zusammengeschraubt hat. Was meinst du, welch ungeahnte Erkenntnismöglichkeiten sich durch diese Schocktherapie eröffnen würden!😀

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