Rumi: Es ist Schmerz, der den Menschen leitet


Derwisch
Es ist Schmerz, der den Menschen bei jeder Unternehmung leitet.
Solange kein Schmerz für irgendetwas in ihm ist und keine Leidenschaft
und kein Sehnen nach der Sache in ihm aufkommt,
wird er niemals streben, diese Sache zu erreichen.
Ohne Schmerz bleibt diese Angelegenheit für ihn unerreichbar,
sei es Erfolg in dieser Welt oder Rettung in der nächsten.
Solange die Wehen nicht einsetzten,
begab sich Maria nicht zum Stamme des Palmbaumes.
Dieser Schmerz brachte sie zum Baum und der verdorrte Baum trug Früchte.
Der Leib ist wie Maria. Jeder von uns hat einen Jesus in sich.
Wenn bei uns Schmerz einsetzt, wird unser Jesus geboren.
Wenn keine Wehen kommen,
dann geht Jesus zu seinem Ursprung zurück auf demselben geheimen Pfad,
auf dem er gekommen war,
und lässt uns leer und ohne Anteil an ihm zurück.

Mevlana Jalaluddin Rumi

R

„Solange die Wehen nicht einsetzten, begab sich Maria nicht zum Stamme des Palmbaumes. Dieser Schmerz brachte sie zum Baum und der verdorrte Baum trug Früchte.“ Arthur Janov nannte es den Urschmerz, vor dem alle Menschen auf der Flucht sind, den sie nicht wahrhaben, nicht fühlen wollen. Es ist der Schmerz des Getrenntseins. Und das menschliche Bemühen, den so gefürchteten Schmerz zu verdrängen, wird einerseits von den Herrschern der Welt auf jede nur erdenkliche Weise unterstützt und andererseits von den Untertanen dankbar angenommen. Panem et circenses wieder und wieder bis zum Erbrechen. Wer uns das bietet, dem wollen wir willig dienen. Jesus sagte der Überlieferung nach in Gethsemane: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch von mir; doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!“ Der zweite Teil des Satzes wird von den Menschen nur allzu gern vergessen. Rumi sagt, dass der Baum keine Früchte tragen kann, wenn der Schmerz nicht in seiner ganzen Tiefe gefühlt wird. Und das bedeutet, dass das, was wir auf der ganzen Welt sehen können, bis zum bitteren Ende so weitergehen wird.

M

Wenn Rumi darauf hinweist, dass es der Schmerz ist, der den Menschen bei jeder Unternehmung leitet, dann würde ich ergänzen wollen: Es ist der unbewusste Schmerz, der abgelehnte Schmerz, der nicht gefühlte Schmerz, der auf die unterschiedlichste Weise jeden Tag blindlings ausagiert wird. Es ist dieser Schmerz, der die Menschen fühllose Maschinen werden lässt, der Beziehungen zerstört, Kriege entfesselt und auf geradezu bestialische Weise Menschen, Tiere, Pflanzen, die ganze Natur vernichtet. Ich werde nicht müde zu sagen, dass es absolut nichts bringt, mit dem Finger auf „die da oben“ zu zeigen, die angeblich an allem schuld seien. Die Ursache ist in jedem einzelnen Menschen zu finden. Marguerite Porète deutete gestern an, wohin der Weg geht: „Er allein ist es, der liebt – mich. Er ist und ich bin nicht mehr.“ Er oder nenn es das Tao oder wie immer du willst oder noch besser benenne es überhaupt nicht und sei es einfach.

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5 Antworten zu Rumi: Es ist Schmerz, der den Menschen leitet

  1. Marianne schreibt:

    Ohne Leidensdruck keine Veränderungsmotivation, hat auch schon der alte Sigi Freud gesagt. Schönes Thema!🙂
    Liebe nimmt den Schmerz an, versucht ihn nicht weg zu machen. Sie fühlt mit, ohne daran zu zerbrechen … und … auf wundersame Weise wird dann oft Heilung möglich.❤

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  2. fredo0 schreibt:

    „““… wird dann oft Heilung möglich.“““ schrieb Marianne …

    doch was meint hier „Heilung“ ?
    ein Verschwinden des Schmerzes im Ereignis ?
    oder ein Verschwinden von Schmerz per se ?

    und … es denkt in mir … ist der Schmerz erst dann wichtig und richtig , wenn er geheilt werden kann ?
    ist nicht der Schmerz als Schmerz , „in voller Blüte“ , nicht genauso >jetzt ( und richtig ) , wie ein als „geheilt“ ersehnter Schmerz ?
    ist nicht … eigentlich … dieses „zirrende“ Unangenehme im Schmerz nix anderes wie eine Form von HochSpannungsEnergie ?
    Eine „zirrende“ Energie , die uns allen in der Lust oder der Freude ja nicht eine Sekunde lang nach einer „Heilung“ suchen lässt ?

    gut … auch das Vermeiden und Ersehnen ist Teil des Spieles … ja … wohl … aber was sollte ich denn dann noch beitragen hier bei Nityas Gedanken-Pow-Wow ?

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    • Nitya schreibt:

      Hmm-pow-wow, da fällt mir wieder jener Redner ein, den ich vor Jahren mal erleben durfte. Voller Lampenfieber, voller Ängste, voller Gehemmtheit stotterte er ein paar Takte vor sich hin und das Publikum wandt sich unter Qualen oder Mitgefühl. Plötzlich fasste sich der Redner ein Herz, trat neben das Rednerpult und zeigte dem staunenden Publikum seine schlotternden Knie. Das Publikum spendete frenetischen Beifall, vielen liefen verstohlen oder völlig ungeniert die Tränen herunter – kurz, es war wie Weihnachten. Nach einer ganzen Weile des Räusperns und Schnäuzens, als sich alle wieder etwas gefasst hatten, trat der Redner wieder hinter sein Pult und hielt einen brillanten Vortrag. Ich nenne das Therapie vom Feinsten. Und das nicht nur für den Redner, sondern auch gleich mit für seine Zuhörer.

      Was für ein Schmerz zu Beginn! Was für ein verzweifelter Versuch, ihn zu verstecken! Dann die Einsicht in das völlige Scheitern dieses Versuchs. Und dann der todesmutige Schritt nach vorne in die Offenheit. Ecce homo! Coming-out. Und dann die befreiende Erlösung. Und statt der vielleicht erwarteten faulen Eier, flogen ihm alle Herzen zu.

      Ich weiß nicht, wie ich das anders nennen könnte als Heilung. Vielleicht nur für einen Augenblick. Vielleicht aber wirkt die Erfahrung nach und der Mut zur Selbstoffenbarung wächst und wächst mit jedem Mal mehr.

      Amen

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      • Brigitte schreibt:

        wunderbar … er konnte nicht entkommen angesichts der Totalität dieser Erfahrung. In diesem Moment brechen alle Dämme. Abwehrmechanismen und Masken fallen in sich zusammen. Dieses Geschehen ist in sich heilsam, denn es befreit von alten festsitzenden Strukturen und öffnet den inneren Raum für Ent-wicklung. Mit etwas „Glück“ fällt der ganze Film weg und er schaut seiner ursprünglichen Nacktheit ins Gesicht.

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      • fredo0 schreibt:

        oh ja … also doch so was wie heilung …
        und der gedanke , dass heilung nur „heilt“ , wenn sie nicht heilung sucht , sondern den schrecken der „schlotternden knie“ in selbst-offenbarung „trägt“ , also den schrecken nicht „heilend“ wegzuschieben versucht , sondern ihn in „offenbarung“ geradezu „feiert“ … ja … das gefällt mir …

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