Marguerite Porète: Er ist und ich bin nicht mehr.


Marguerite-PorèteDIE SEELE: Ich war so dumm, als ich noch versklavt war, dass ich es aus der Tiefe meines Herzens gar nicht ausdrücken kann. Und so lange ich ihnen [den Tugenden] untertan war, und so lange ich ihnen innigst gegeben war, da ließ mich die Liebe auf einmal voller Freude von ihr sprechen hören. Und wenngleich ich so einfältig war und gar nicht verstehen konnte, so berührte es mich dennoch so, dass ich die Liebe lieben wollte.

Und als die Liebe bemerkte, wie ich an sie dachte, da wies sie mich der Tugenden wegen nicht zurück. Sie befreite mich vielmehr aus ihrem niedrigen Dienst und führte mich in die göttliche Schule. Und da behielt sie mich ohne Gegenleistung, und da wurde ich durch sie erfüllt und gesättigt.

Denken bedeutet mir nichts mehr, auch Tun und Reden nicht. Die Liebe hat mich so emporgehoben – denken nützt mir da nichts mehr –, durch ihren göttlichen Anblick sind alle Wünsche verflogen. Denken ist bedeutungslos geworden, so wie auch mein Tun und Reden.

Iaus: Marguerite Porète, „Spiegel der einfachen, vernichtigten Seelen, die nur im Wunsch und in der Sehnsucht nach Liebe verharren“ (Buch)

Denken, Tun, Reden – sind geradezu die Grundpfeiler unserer menschlichen Weltordnung – und sie alle bedeuten der Begine Marguerite Porète in dem Moment nichts mehr, als sie der Liebe begegnet. Sie ist der Liebe in sich selbst begegnet. Diesen Moment drückt sie so aus: „Da ließ mich die Liebe auf einmal voller Freude von ihr sprechen hören. Und wenngleich ich so einfältig war und gar nicht verstehen konnte, so berührte es mich dennoch so, dass ich die Liebe lieben wollte.“ Kein Denken, kein Tun, kein Reden, sondern ein plötzliches Berührtsein von der Liebe, die nichts anderes kann und will als zu lieben.

Wie geht denn das, mag sich wohl mancher fragen, die Liebe lieben? „Denken nützt mir da nichts mehr.“ stellt Marguerite Porète fest und auch nicht das „Richtige“ tun oder reden. Nichts nützt ihr da mehr, und mit dieser Erkenntnis sind auch all ihre Wünsche verflogen, da Wünschen ja eines gemein ist: Sie tragen alle irgendeinen angenommenen Nutzen in sich. Und dann? Die Liebe lieben – sind das nicht schon wieder zwei: Jemand der liebt und etwas, das geliebt wird? Logisches Denken würde das sofort bestätigen, aber was, wenn dieses Denken verstummt ist? Marguerite Porètes Antwort auf solcherlei Fragen:

Solche Kraft hat sie mir verliehen als ein Geschenk des Liebenden, dem ich mich hingegeben habe, der will, dass ich ihn liebe, und den ich immer lieben werde. Ich habe gesagt, ich wolle ihn lieben: Ich lüge, dies bin nicht mehr ich. Er allein ist es, der liebt – mich. Er ist und ich bin nicht mehr.

Da ist kein Platz mehr für zwei. Grund genug für Mutter Kirche, sie als rückfällige Ketzerin zu verbrennen. Also bleibt mal schön im Denken, Tun und Quasseln, sonst holt euch am Ende noch dieser und jener.B

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6 Antworten zu Marguerite Porète: Er ist und ich bin nicht mehr.

  1. Nitya schreibt:

    Was von Kriegen übrig bleibt

    21.03.2016 | 44:04 Min. | Verfügbar bis 21.03.2017

    Irak, Syrien, Jemen – der Mittlere Osten geht in Flammen auf. Armeen aus aller Welt kämpfen im Hexenkessel der Weltgeschichte. Der Film zeigt, was geschieht, wenn Bomben gefallen und Raketen abgefeuert sind.

    http://mediathek.daserste.de/Reportage-Dokumentation/Was-von-Kriegen-%C3%BCbrig-bleibt/Das-Erste/Video?documentId=34256048&topRessort&bcastId=799280

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  2. Susanne schreibt:

    Ich glaube, dass diese Form der Liebe alles einschließt und nicht mehr unterscheidet in Gut und Böse. Da ist dann auch Platz für alle Kriege und Unholde dieser Welt.

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  3. Brigitte schreibt:

    Danke Nitya für den Link zum Film. Das bricht einem das Herz angesichts dieses unvorstellbaren Elends. Wie können diese Traumata je verarbeitet und geheilt werden. Sie wirken weiter in den nachkommenden Generationen und kein Ende in Sicht. Und wir sorgen und beklagen uns über Nichtigkeiten. Was muss noch passieren, damit diese sinnlosen Kriege mit diesen verheerenden Folgen, diese Macht- und Habgier, diese verblendeten Sicht- und Handlungsweisen, aufhören und die Menschen endlich aufwachen und diesen Wahnsinn beenden.

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    • Brigitte schreibt:

      Frage: Was gewinnt die Realität dadurch, dass sie sich ausdrückt?
      Maharaj: Was kann sie gewinnen? Überhaupt nichts. Aber es ist die Natur der Liebe, sich
      auszudrücken, sich zu bestätigen, Schwierigkeiten zu beseitigen. Haben Sie einmal verstanden, dass die Welt Liebe in Aktion ist, werden Sie sie mit ganz anderen Augen sehen. Doch vorher muss sich Ihre Haltung zum Leiden ändern. Leiden ist hauptsächlich ein Ruf nach Aufmerksamkeit, was in sich selbst ein Ausdruck der Liebe ist. Mehr als Glück wünscht sich die Liebe Wachstum, Erweiterung und Vertiefung des Bewusstseins und des Seins. Was auch immer dies verhindert, wird zur Ursache von Schmerz, und Liebe schreckt nicht vor Schmerz zurück. Sattva, die Energie, die für Rechtschaffenheit und eine gesunde Entwicklung arbeitet, darf nicht vereitelt werden. Wird sie behindert, dann wendet sie sich gegen sich selbst und wirkt zerstörend. Wann immer Liebe vorenthalten wird und dem Leiden erlaubt wird sich ausbreiten kann, wird Krieg unvermeidlich. Unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Kummer unserer Nachbarn bringt Leiden an unsere Tür. (Sri Nisargadatta)

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  4. Eno Silla schreibt:

    terroranschlag in belgien

    wir, die wir den terror in die welt tragen,
    wir empören uns, wenn dieser terror zu uns kommt.
    benutzen diesen terror, um weiteren terror in die welt zu tragen.
    ich halts nicht aus:
    aus meinem radio quilt eimerweise betroffenheitsschleim!

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