Yau-SchanYa: Wer führt wen in die Irre?


MEin Mönch fragte Meister Yau-Schan Ya: „Wie kann es ein Mensch fertigbringen, sich nicht von seiner Umwelt in die Irre führen zu lassen?“

„Was hat die Umwelt mit dir zu tun?“, fragte der Meister. „Wie kann sie dich überhaupt hindern und hemmen?“

„Eben das ist die Frage, die ich nicht lösen kann“, klagte der Mönch.

„Im Grunde genommen bist es du selbst, der dich in die Irre führt“, meinte der Meister.

aus: Ernst Schwarz, „Die Glocke schallt, die Glocke schweigt“
BSprechen Meister und Mönch dieselbe Sprache? Was meint der Mönch mit der Umwelt, die einen in die Irre führen kann? Und was meint der Meister, wenn er der Umwelt die Fähigkeit abspricht, jemanden in die Irre führen zu können?

Die Geschichte scheint mir die Personifizierung einer dualistischen und einer nondualistischen Grundhaltung zu sein. Wenn der Mönch das Gefühl hat, dass er weder vorn noch hinten durchblickt, muss es dafür einen Grund geben und dieser Grund muss zwangsläufig außerhalb seiner Person liegen. Wenn es nicht irgendwelche Götter oder Dämonen sind, die da ihr Unwesen treiben, dann ist es halt die Umwelt bzw. sind es die Mitmenschen. Irgendjemand muss schließlich schuld daran sein, dass er so hilflos herumirrt. Na ja, vielleicht sind es auch die Gene oder die Eltern, die Lehrer, die Pfaffen oder die Politiker. Die üblichen Verdächtigen halt. Auf jeden Fall ist er, der Mönch, völlig unschuldig, und wenn er unschuldig ist, muss es ein Zweites geben, das schuldig ist.

Davon erzählt auch der Sündenfall in der Genesis. Als Gott Adam zur Rede stellt, warum er vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen gegessen habe, antwortet der: „Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben und so habe ich gegessen.“ Und Gott, der Herr, sprach zu der Frau: „Was hast du da getan?“ Die Frau antwortete: „Die Schlange hat mich verführt und so habe ich gegessen.“ Da sprach Gott, der Herr, zur Schlange: „Weil du das getan hast, bist du verflucht …“ Na ja, Gott scheint auch nicht vom Kaliber eines Yau-Schan Ya gewesen zu sein, scheint auch ein Dualist gewesen zu sein, sonst hätte er wohl zu Adam und Eva gesagt: „Erzählt mir hier nur keinen Quatsch!  Was hat die Schlange mit euch zu tun? Wie kann sie euch überhaupt verführen?“

Da ist kein Zweites. Ich fresse ja für mein Leben gern Pralinen. Und wenn dann jemand kommt und mir Pralinen anbietet – hach, ich bin ja so leicht zu verführen! Einem „trockenen“ Alkoholiker empfiehlt man immer dringend, keinen einzigen Tropfen Alkohol mehr zu sich zu nehmen und tunlichst den Kontakt zu Alkoholikern zu meiden, er würde sonst sofort wieder rückfällig werden. Immer ist es das Thema „Verführung“ durch „ein Zweites“. Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich es bin, der zur Praline greift, weil sie mir einfach gut schmeckt und mir meine Bedenken für einen wundervollen Moment scheißegal sind. Niemand kann mich verführen, wenn ich nicht verführt werden will.

„‚Im Grunde genommen bist es du selbst, der dich in die Irre führt‘, meinte der Meister.“ Ja doch, Meistäää.
A

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Eine Antwort zu Yau-SchanYa: Wer führt wen in die Irre?

  1. Susanne schreibt:

    Ich erschaffe mir meine Umwelt selbst, nach Maßgabe meines Glaubens und Intellekts. Da ich schlafe und diese von mir erschaffene Illusion dermaßen perfekt ist, gehe ich ihr selbstverständlich immer wieder auf den Leim. Wie sollte ich sonst in einem Film „überleben“ können, wenn ich ihn nicht als real empfinde ?

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