Liä Dsi: Der barmherzige Räuber und der gerechte Wanderer

RIm Morgenland lebte ein Mann, der hieß Huan Scheng Mu. Er machte eine Reise und wurde unterwegs von Hunger überwältigt. Es war aber ein Räuber aus Hu Fu namens Kiu; der sah ihn und brachte ihm Wein und Speise hinab, um ihn zu stärken. Huan Scheng Mu stärkte sich dreimal; da konnte er wieder gehen und sprach: „Wer seid Ihr?“ Er sprach: „Ich bin ein Mann aus Hu Fu namens Kiu.“ Huang Scheng sprach: „O, bist du nicht ein Räuber? Wie kommst du dazu, mich zu speisen? Die Pflicht verbietet mir, deine Speise zu essen.“

Und er stützte beide Hände auf die Erde und wollte es wieder von sich geben. Aber es kam nichts heraus als Gegurgel. Darauf streckte er sich aus und starb. Der Mann aus Hu Fu war wohl ein Räuber; aber dass er jenen speiste, war nicht Raub. Dass jener nun, weil sein Wohltäter ein Räuber war, auch die Speise, die er ihm bot, als Raub ansah und sich weigerte, davon zu essen, beruht auf der Verwechslung von Name und Wirklichkeit.

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“
KWas will dieser Liä Dsi uns wohl mit dieser Geschichte sagen? Zunächst mal hab ich so den Eindruck, dass der Herr Liä Dsi hier sehr parteiisch ist. Er kann den dämlichen Wanderer einfach nicht ab und den großherzigen Räuber scheint er herzinniglich zu lieben. Erinnert mich an die Zeit, als ich in der Schule noch als Lehrer mein Unwesen trieb. Die „Streberleichen“ waren mir nicht nur als Mitschüler unsympathisch, sondern auch als ich mich eigentlich in der Lehrerrolle von Amts wegen über sie hätte freuen sollen. Den „Räubern“ unter ihnen dagegen war jedoch meine besondere Zuneigung gewiss.

Ich weiß nicht, ob ich die Story schon einmal erzählt habe. Aber was macht’s? Opas erzählen gern immer wieder dieselben Geschichten. Also, ich hatte da mal einen Türken in der Klasse, der so ein richtiger Rabauke war. Seine große Leidenschaft war es, einen griechischen Schulkameraden zu malträtieren. Dem Schulleiter kam das zu Ohren und er bestellte den Vater des türkischen Jungen zu sich ein. Da dieser aber kein Wort deutsch sprach, musste der Junge her und dolmetschen. Ich war Zeuge dieses Bikulti-Gesprächs und musste mich sehr beherrschen, damit ich nicht in ein homerisches Gelächter ausbrach. Ich hörte die anklagenden Worte des Schulleiters, hörte, wie der kleine Türke übersetzte, und sah das freudestrahlende Gesicht des Vaters. Zwischendurch grinste mich der kleine Rabauke vergnügt an und ich konnte nicht umhin, anerkennend zurück zu grinsen. Hinterher äußerte der Schulleiter seine ernsten Bedenken, ob der Dolmetscher seine Worte auch wirklich richtig übersetzt habe.

Die Bezeichnung „Gerechter“ wird häufig verwendet für die Wort- und Paragraphengläubigen, die sich ziemlich regelmäßig als die Unbarmherzigen erweisen. Die „Räuber“ haben oft diese Engherzigkeit nicht. Sie setzen sich nicht nur großzügig über irgendwelche Eigentumsvorbehalte hinweg, sondern ebenso über irgendwelche kleinlichen Bedenken, wem sie nun ihr Herz schenken können und wem nicht. Das soll jetzt keine romantische Helden-Verklärung sein, wie sie etwa einem Robin Hood zuteilwurde, sondern einfach ein Hinweis auf begrenzte und weniger begrenzte Bewusstseinszustände. Begrenzung hat immer etwas mit Angst zu tun, und Angst mit dem Streben nach Sicherheit und Gerechtigkeit. Je grenzenloser Bewusstsein wird, desto mehr erhöht sich das Potenzial für Freude, für Gastfreundschaft und Teilen, für Mitgefühl und Liebe, aber auch, wollen wir uns nichts vormachen, für all das, was die bürgerliche Gesellschaft verbietet und bestraft.

G

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