Niútóu Fǎróng: Die leuchtende Stille ist Von-selbst-So


K

Im Gehen und Kommen, im Sitzen und Stehen,
Hör einfach auf, etwas festzuhalten,
Wo keine Richtung zu bestimmen ist,
Wie könnte es da Kommen und Gehen geben?

Kein Sammeln ist nötig und kein Zerstreuen,
Es gibt weder langsam noch schnell.
Die leuchtende Stille ist Von-selbst-So,
Das ist nicht zu erklären, da gibt es nichts zu erreichen.

Im Geist gibt es nichts, das vom Geist verschieden wäre,
Darum ist es auch nicht nötig, Begierden abzutöten;
Ihre Natur ist leer, also verschwinden sie von selbst,
Wenn du ihr Auf und Ab einfach geschehen lässt.

aus: Niútóu Fǎróng, „Das Gedicht Xīn Míng“

K1

Ich verallgemeinere mal ein bisschen und sage: Westliche Manager kriegen bei Zeilen wie diesen von Niútóu Fǎróng die Krise. Einfach alles geschehen lassen, ist für sie gleichbedeutend mit dem Untergang des Abendlandes oder wie der Gipfel spätrömischer Dekadenz. Erst wenn sie vor den Trümmern all ihrer Bemühungen stehen, vor den vielen gewonnenen Schlachten, die ihnen immer wieder nur eines ins Gesicht schreien, dass sie dabei sind, den großen Krieg zu verlieren, was eigentlich von allem Anfang an absehbar war, kommen sie vielleicht auf die Idee, einen scheelen Blick gen Osten zu werfen und es mal mit einem Zen-Seminar für Manager zu versuchen. Aber, wie Alan Watts gestern schon betonte, pflegen gewohnheitsmäßige Dualisten – und Manager sind nun mal gewohnheitsmäßige Dualisten – selbst aus einem Zen-Seminar eine Methode zur Steigerung der Effektivität ihrer Bemühungen zu machen. Aber damit sind sie wahrlich nicht allein.

Was Niútóu Fǎróng in seinem Gedicht Xīn Míng beschreibt, hat absolut nichts mit dem zu tun, was üblicherweise unter Religion, Esoterik, New Age-Ideologien und dergleichen verstanden wird. Es ist auch nicht, wie Raoul Vaneigem es beschrieb, Flucht „in jene gängigen, als Selbstverwirklichung getarnten Kapitulationen, die der Raubtierinstinkt, der gesellschaftliche Erfolg, der Rückzug in die Mystik, die apokalyptische Exaltiertheit des Grand Soir, des Ragnarök oder der religiösen Präpotenz sind, die sich aus der Wut speisen, uns mitsamt der Welt, die alles auf den entscheidenden Tag des Todes gesetzt hat, zu zerstören.“ Es ist schlicht das, was sich ganz von selbst offenbart, wenn das Anhaften an dualistische Anschauungen aufgehört hat. Weder liegt es in der Hand einer sog. Person, ob dualistische Anschauungen als Illusionen durchschaut werden noch wann und ob überhaupt dieses Anhaften an ihnen je aufhört. Sollte es durchschaut werden, wäre dies ist der Tod des Managers – und gleichzeitig seine Wiederauferstehung. Dann wäre der Manager ein Manager, der weiß, dass er nicht der Manager ist. Das wäre die beste Voraussetzung dafür, dass er als Manager hervorragend arbeiten kann.

K2

Die Bilder stellen natürlich nicht Niútóu Fǎróng dar, sondern diesen wundervollen Neem Karoli Baba. Also, der Neem Karoli Baba hat nix mit dem Text zu tun – oder alles. Mir war einfach danach, nach all den dämlichen Politikervisagen in den letzten Tagen mal wieder ein intelligentes Gesicht vor mir zu haben.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Niútóu Fǎróng: Die leuchtende Stille ist Von-selbst-So

  1. Susanne schreibt:

    Ich be-/verurteile all diese Manager und Politiker. Ich bin verantwortlich für meine Urteile. Die Menschen sind immer das, was ich denke, dass sie sind. Und sie sind auch genau so, wie ich von ihnen denke.
    Ich hafte an diesem Denken, welches mein Leid erzeugt. Mein Leid ist unmittelbar verknüpft mit meinem Denken. Wer bestimmt was ich denke ? Wer bestimmt meine Urteile ?
    Nicht-Anhaftung kann ich nicht „machen“, warum also eine „Karotte“ daraus machen ? Ich bin also dem Anhaften an meine Urteile „ausgeliefert“. Warum will ich unbedingt verurteilen ?

    Gefällt 1 Person

  2. Eno Silla schreibt:

    Lieber Nitya,
    da hast du ja mal wieder einen sehr schönen Beitrag geschaffen und dieses Zitat von Niútóu einfach nur klasse!
    Da bleibt ja überhaupt nichts mehr zu schreiben, da ist ja alles drin und dennoch finden sich die Finger auf der Tatatur wieder und sie schreiben und schreiben und schreiben…
    Es ist einfach schön, diese Worte wieder und wieder zu lesen, die wie ein Finger weisen auf (was?)… -verpufft:

    Gefällt mir

  3. Als ehemaliger Senior Manager in einem Weltkonzern und jemand, der munter und absolut unfreiwillig zwischen Dualität und Nonduälitie (so schreibt man das!🙂 ) hin- und herwechselt, sich aber mittlerweile damit abgefunden hat, freuen mich zwei Dinge:

    a) daß du jeden Tag schöne, weil nachfühlenswerte Dinge schreibst, und
    b) daß du meinen Satguru Maharajji (Neem Karoli Baba) hier drinne hast.

    Danke!🙂
    Norbert

    Gefällt mir

  4. Pingback: Von der Anstrengung, ein Mänätscha zu sein | indogermanisch.com

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s