Alan Watts: Intellekt vs. Instinkt – das Dilemma der Dualisten


AIn gewissem Grad ist es sicherlich eine Manifestation des Anti-Intellektualismus, wenn das westliche Interesse an den Philosophen undReligionen Asiens in letzter Zeit merklich zugenommen hat. Anders als in der christlichen Lehre bieten diese einen Lebensweg, der vor allem Erlösung aus Konflikten und Ängsten anbietet. Ihr Ziel ist ein innerer Gefühlszustand, in dem Gegensätze wechselseitig kooperativ werden, anstatt sich wechselseitig auszuschließen, ein Zustand, in dem es keinen Konflikt mehr gibt zwischen Intellekt und Instinkt. Ihr Weltbild ist zentralistisch (oder um es technisch auszudrücken, „non-dualistisch“), und in einer solchen Welt existiert keine besondere Notwendigkeit, eher recht als unrecht zu haben oder eher zu leben als zu sterben.

Diesen Standpunkt zu übernehmen, fällt uns jedoch ziemlich schwer, aus dem einfachen Grund, dass wir Gegensätze gewöhnlich als sich wechselseitig ausschließend betrachten, wie etwa Gott und den Teufel. Deshalb besteht unsere Auffassung von Einheit und unsere Methode, Konflikte zu lösen, darin, eine der beiden Seiten einfach zu eliminieren. Mit anderen Worten, wir haben Schwierigkeiten, die Relativität oder wechselseitige Abhängigkeit der Gegensätze zu sehen. Aus diesem Grund läuft unsere Auflehnung gegen Auswüchse des Intellekts immer Gefahr, sich dem Instinkt auszuverkaufen. Dies aber ist die Methode eines gewohnheitsmäßigen Dualisten, das Problem des Dualismus zu lösen: ein Dilemma wird beseitigt, indem eines der beiden Hörner gekappt wird.

aus: Alan Watts, „Dies ist ES“
SDa haben wir im Moment und mal wieder auf der einen Seite das Pack, das angeblich nur von seinen niedrigsten Instinkten angetrieben wird und geradewegs in einen neuen Faschismus rennt, und auf der anderen Seite die Intellektuellen, die nach eingehender Analyse versuchen, die Schwierigkeiten der Gegenwart Schritt für Schritt zu lösen, aber in Wahrheit auch nichts anderes tun, als einen neuen Faschismus, die Neue Weltordnung zu installieren. Nein, haben wir nicht? Was haben wir denn dann? Also vielleicht habe ich ja Tomaten auf den Augen, aber ich sehe nur Stiere, die sich eines ihrer beiden Hörner abgesägt haben und nun wutschnaubend aufeinander zurasen. „Das Pack“ traut den „Großkopferten“ nur das Allerschlechteste zu und umgekehrt ist es kein bisschen besser. Kooperation Fehlanzeige – und schuld daran sind immer diese Untermenschen, diese anderen.

Kürzlich habe ich „da draußen“ von einem Roland Baba alias Aham Brahmasmi gelesen: „Jede Überprüfung durch eine scheinbar getrennte Person kann immer nur neue, dualistische Perspektiven hervorbringen, das Nichts als getrennt vom Alles erkennen und sich auf die scheinbare eine oder andere Seite schlagen. Kein Ausweg, keine Befreiung, kein Erwachen, keine Vereinigung, keine Desillusionierung ist möglich, weil die Trennung selbst schon Illusion ist! So fällt auch in der scheinbaren Befreiung, dem scheinbaren Erwachen nichts weg und kommt nichts dazu, denn Freiheit ist schon, genau hier, genau jetzt. Selbst die scheinbare Trennung fällt nicht weg, es wird nur erkannt, dass sie eine reine Vorstellung ist und schon immer war. Und zwar vom Ganzen, nicht einer scheinbar getrennten Person.“

Alan Watts sagt: „Dies aber ist die Methode eines gewohnheitsmäßigen Dualisten, das Problem des Dualismus zu lösen: ein Dilemma wird beseitigt, indem eines der beiden Hörner gekappt wird.“ Frage: Wer unter uns ist kein gewohnheitsmäßiger Dualist? Und was geschieht, wenn die Idee des Non-dualismus ins Bewusstsein von gewohnheitsmäßigen Dualisten gerät?

Noch einmal: „Selbst die scheinbare Trennung fällt nicht weg, es wird nur erkannt, dass sie eine reine Vorstellung ist und schon immer war. Und zwar vom Ganzen, nicht einer scheinbar getrennten Person.“ Eine Vorstellung vom Ganzen. Und wenn Vorstellung als Vorstellung erkannt wird, ändert das irgendetwas am scheinbaren Dilemma der scheinbaren Dualisten und ändert das irgendetwas an der einzigen ihnen scheinbar zur Verfügung stehenden Methode, eines der beiden Hörner zu kappen? Vielleicht, vielleicht, vielleicht, wenn auch sehr unwahrscheinlich. Das Ganze scheint an einer Auflösung des Dilemmas nicht sonderlich interessiert zu sein.

W

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Eine Antwort zu Alan Watts: Intellekt vs. Instinkt – das Dilemma der Dualisten

  1. Eno Silla schreibt:

    Wunderbares Dilemma (Tetralemma)!
    Als gewohnheitsmäßiger Dualist kann ich sagen:
    Aham Brahmasmi! (Und es interessiert keinen😉 )

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