Seng-ts’an: Hafte nicht einmal an diesem Einen

SSuche nicht nach der Wahrheit,
höre nur auf, Meinungen zu hegen.
Verharre nicht in dualistischen Anschauungen,
sei achtsam und folge ihnen nicht.
Gibt es auch nur eine Spur von Dies und Das, von Richtig und Falsch,
gerät der Geist in Verwirrung und verliert sich.
Obgleich jede Zweiheit aus dem Einen kommt,
hafte nicht einmal an diesem Einen.
Wenn der Geist auf dem Weg ungestört weilt,
kann nichts auf der Welt mehr verletzen.
Und wenn etwas nicht mehr zu verletzen vermag,
hört es auf, auf die alte Weise zu sein.

aus: Seng-Ts’an, „Hsin-hsin-ming “

G
„Hafte nicht einmal an diesem Einen!“ sagt Seng-ts’an, womit er im Grunde sagt: Hafte an gar nichts, nicht einmal an diesem Einen, ganz besonders nicht an diesem Einen! Schon in den beiden oft zitierten ersten Zeilen geht es um das Thema Haftung. Meinungen hegen, bedeutet, an Meinungen haften. Ohne dieses Anhaften an dualistischen Anschauungen offenbart sich alles ganz von selbst aus sich heraus. Und wenn ich versuchen sollte, an so etwas wie dem Einen zu haften, so kann es sich bei diesem Einen nur wieder um eine dualistische Vorstellung handeln. Das Haften an diesem Einen ist Gott sei Dank außer als Vorstellung völlig unmöglich.

Seng-ts’an sagt: „Wenn der Geist auf dem Weg ungestört weilt, kann nichts auf der Welt mehr verletzen. Und wenn etwas nicht mehr zu verletzen vermag, hört es auf, auf die alte Weise zu sein.“ Er hätte auch sagen können: Wenn der Geist auf dem Weg an keiner Vorstellung, an keiner Meinung, an keinem Gedanken mehr haftet … kann nichts auf der Welt mehr verletzen. Gestört wird der Geist nicht, wenn irgendwelche Vorstellungen, Meinungen, Gedanken auftauchen, sondern wenn er an ihnen kleben bleibt und sie für die einzig wahre Wirklichkeit hält. Ist der Geist dagegen einfach für alles durchlässig, dann „kann nichts auf der Welt mehr verletzen.“

Das ist nun wirklich eine Überprüfung wert. Die aktive Form des Klebens ist das Festhalten. Wer der Überzeugung ist, dass etwas sein ist, der hält das „Seine“ fest und will es nicht mehr hergeben. Wenn es ihm dann entrissen wird oder sonst wie abhanden zu kommen droht, klammert er sich umso fester an seinen vermeintlichen Besitz. Manche brechen sich lieber die Finger als loszulassen. Wenn es dann ums Sterben geht, wird es für die, die sich immer nur mit ihrem Körper identifiziert haben, richtig happig. Denen kann’s dann leicht gehen wie dem Brandner Kaspar:

 

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Eine Antwort zu Seng-ts’an: Hafte nicht einmal an diesem Einen

  1. Ingeborg schreibt:

    Ach,da geht mir ja, mal wieder, das Herz auf.

    Gefällt 1 Person

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