Linji: von nichts abhängen


KVon den Anhängern des Weges, die von überall her kommen, um mich zu treffen, stand nicht ein einziger vor mir, der von nichts mehr abhing. Dieser Bergmönch schlägt, was immer sie anbringen. Wenn sie von ihren Händen abhängen, schlage ich die Hände. Wenn sie von ihrem Mund abhängen, schlage ich auf ihren Mund. Wenn sie von ihren Augen abhängen, schlage ich auf die Augen. Niemand ist bis heute allein und in Freiheit vor mich getreten. Ohne Ausnahme sind alle gefangen von den abgenutzten Hilfsmitteln der Männer alter Zeiten. Dieser Bergmönch hat den Menschen keinen einzigen Dharma zu geben. Alles, was ich tun kann, ist, Krankheiten heilen und Fesseln lösen.

Schüler des Weges, die ihr von überall herkommt: Versucht, ohne jede Abhängigkeit zu kommen! Wenn euch das gelingt, werde ich diese Sache mit euch erörtern. Fünf Jahre, ja zehn Jahre sind vergangen, aber nicht ein einziger Mensch ist auf diese Weise erschienen. Alle hängen von Gräsern und Blättern ab wie Geister, die sich an Bambus und Bäume hängen. Sie sind in der Tat die Geister wilder Füchse. Sie kauen auf der trockenen Scheiße herum, die alte Meister hinterließen. Blinde Idioten! Sie verschwenden die Opfergaben aus den zehn Richtungen und behaupten: „Ich habe meinem Zuhause entsagt!“ Doch ihr Verständnis bleibt armselig.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

GDen möchte ich sehen, der von nichts mehr abhängen würde! Also wenn ich eine Liste meiner Abhängigkeiten anfertigen sollte, säße ich bestimmt den ganzen Tag an dieser Liste und würde es doch nicht geschafft haben, sie zu vollenden. Also nur ein Beispiel: Ich bin abhängig von einer Raumtemperatur von 25° C. Der Heizungsinstallateur, der mir das so einrichtete, war ein Türke und hatte volles Verständnis dafür. Die Deutschen würden in der Regel eine wesentlich niedrigere Temperatur bevorzugen. Na und mein Kaffee. Ohne den geht ja gleich gar nichts. Und hinterher muss ich dann wieder pinkeln. Aber ich hör ja schon auf. Also, is nix mit „ohne jede Abhängigkeit“. Bei diesem schlagfreudigen Linji dürfte ich mich überhaupt nicht blicken lassen.
POder wäre auch das wieder ein Missverständnis wie kürzlich die Sache mit der Unsterblichkeit? Meint dieser Bursche am Ende gar nicht unsere physischen Bedingtheiten und Abhängigkeiten, von denen er wohl selbst in keinster Weise verschont gewesen sein dürfte, sondern – ich nenn das mal – unsere geistige Abhängigkeit von was auch immer? Zum Beispiel, und Linji drückt sich ja gerne etwas drastisch aus, kauen diese blinden Idioten von Schülern ewig und drei Tage auf der trockenen Scheiße herum, die die alten Meister hinterließen und dann glauben sie, jetzt hätten sie es. Als ob dieses Es ein Es wäre!

Linji sagt: „Dieser Bergmönch hat den Menschen keinen einzigen Dharma zu geben. Alles, was ich tun kann, ist Krankheiten heilen und Fesseln lösen.“ Linji bietet kein wie auch immer geartetes Es an, das man dann mit nach Hause nehmen und sich auf seinen Altar stellen könnte. Er heilt Krankheiten und löst Fesseln. Auch hier wieder dürften keine physischen Krankheiten gemeint sein, sondern die Krankheit des Geistes, der durch irgendwelche Vorstellungen gefesselt wurde und dadurch seine offene Weite verloren hat. Aber er sagt auch: „Fünf Jahre, ja zehn Jahre sind vergangen, aber nicht ein einziger Mensch ist auf diese Weise [ohne jede Abhängigkeit] erschienen.“ Die Gefahr ist daher riesengroß, dass auch sie aus seinen Worten trockene Scheiße machen, auf der sie den Rest ihres Lebens herumkauen und die sie zu allem Überfluss dann auch noch an ihre Schüler weitergeben werden. Etwa 600 Jahre später klagte Ikkyû Sôjun immer noch über die Idioten in der angeblichen Nachfolge Linjis:

Diese Männer marschieren
in der Buddha-Halle rum.
Mit Händen in Gebetshaltung
bringen sie Weihrauch dar,
benutzen den Fliegenwedel, die Klöppel
und einen Holzstuhl.
Wo ist Linjis wahre Überlieferung geblieben?
Ikkyû aus Japan schlitzt sich
in seiner tiefen Seelenqual den Bauch auf.

T

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16 Antworten zu Linji: von nichts abhängen

  1. Eno Silla schreibt:

    Ich liebe es abzuhängen. Am Liebsten irgendwo draußen in der Natur, aber auch zu Hause auf dem Sofa…
    Gerne habe ich ein in Buchform gepresstes Stück trockene Scheiße irgendeines alten Meisters dabei. Es ist gut damit dem schweifenden Geist eine Richtung zu geben, weg von den Sorgen und Nöten der so leicht sich in den Vordergrund drängenden Alltagswelt.
    Ich bin und genieße es. Ich bin, aber ich weiß nicht wer oder was, weshalb oder wieso…
    Ich bin und das zweifelsfrei, ansonsten könnte ich nicht abhängen und dann würd mir was fehlen, oder wohl eher nicht. Da ist die getrocknete Kacke, der von mir geliebten Meister, sehr oft eine wunderbare Eröffnung von Perspektiven, die aus der antrainierten Enge hinausweisen… Da schätze ich besonders den Karl Renz.
    Und wenn dann der Blick in die Landschaft geht und ein Schwarzspecht an einem Baumstamm auftaucht und sein Schnabel einen Trommelwirbel auf einem trockenen Ast hämmert, dann staune ich und bin ganz Staunen und ganz hier.
    Ja, ich bekenne: Ich bin! (und hänge gerne ab von nichts und allem).

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Eno,

      ich nehme mal an, du glaubst nicht an die getrocknete Scheiße vom Karl, sondern du genießt sie. Das wäre ja etwas ganz anderes als das, worüber sich Linji und Ikkyû so ereifern.

      Was nun das „ich bin“ betrifft, würde ich sagen: Wenn du mich hochnotpeinlich fragst, ob ich bin und ich nicht den Trick mit dem Schweigen zum Einsatz bringe, würde ich vermutlich sagen: Klar bin ich. Wwnn ich hier einfach so rumsitze, zum Fenster in die Bäume guck oder die Tasten des Notebooks bewege, ist der Gedanke „ich bin“ einfach nicht da. Der ist eigentlich nie da, es sei denn, ich denke darüber nach: Bin ich oder bin ich nicht? Das ist hier die Frage. Aber eigentlich ist es keine Frage.

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya,
        also dass ich an Worte glaube, glaube ich nicht, oder ich glaube und glaube nicht usw…
        L. und I. scheint das Ereifern aber auch einen Heidenspass gemacht zu haben, sonst hätten sies doch wohl nicht so ausschweifend zelebriert, glaube ich🙂 .
        „Ich bin“ ist eigentlich kein Gedanke, obwohl es natürlich auch ein Gedanke ist. „Ich bin“ ist dies, dieses was ist, ob Gedanke oder kein Gedanke, ob auf dem Scheißhaus sitzen oder Tee trinken. So muss ich nicht daran denken zu sein, sondern bin es, oder auch nicht (nun wollen wir nicht mit dem Glauben an Worte beginnen)! Insoweit stimme ich dir zu: „Es ist keine Frage.“

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      • Nitya schreibt:

        „L. und I. scheint das Ereifern aber auch einen Heidenspass gemacht zu haben, sonst hätten sies doch wohl nicht so ausschweifend zelebriert, glaube ich🙂 .“

        Lieber Eno, das macht aber auch einen Heidenspaß – obwohl – vielleicht ist es ja doch mehr nackte Verzweiflung. „Ikkyû aus Japan schlitzt sich in seiner tiefen Seelenqual den Bauch auf.“ Ich kann ihm das durchaus abnehmen. Aber Spaß machen kann es schon auch.

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      • Eno Silla schreibt:

        Seelenqual ist das Beste, steht es doch in unmittelbarem Verhältnis zum Seelenglück.
        Und schließlich hat er sich doch den Bauch nicht aufgeschlitzt, sondern sich lieber mit seiner blinden Schönheit vergnügt, der alte Wortakrobat!

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      • Nitya schreibt:

        Na ja, wenn ich richtig unterrichtet bin, hat er ja ein paar Selbstmordversuche hinter sich gebracht.

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      • Eno Silla schreibt:

        Vielleicht hat er damit seine Frauen und Jungs rumgekriegt!

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  2. Eno Silla schreibt:

    Warte nicht darauf, dass der Mann im Schnee
    sich den Arm abschneidet –
    hilf ihm jetzt!

    Der Schmerz des Anhaftens aus Lust
    ist größer als ich dachte.
    Wind besänftigt meine Gedanken.
    Diese Lust ist mein endloses Koan.
    Ich bin unfassbar glücklich.

    Ikkyu

    Der Schmerz des Anhaftens aus Lust
    ist schon den einen oder anderen
    Sebstmordversuch wert

    Eno

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      • Eno Silla schreibt:

        Wenn ich jemanden meinen Meister nennen könnte,
        dann wäre es für mich Karl Renz.
        Zum Glück ist es nicht so und Karl läßt es nicht zu.
        Zum Glück ist er kein Meister.
        Sonst wäre ich möglicherweise verloren in dieser Sicht auf Karl Renz.
        Wäre ein Schüler, wäre jemand, der etwas zu lernen sucht.
        Zum Glück ist es nicht so.
        Karl Renz ist kein Meister und ich bin kein Schüler.
        Und doch liebe ich die Fähigkeit dieses Lautsprechers Karl Renz so lautzusprechen wie er es tut. Ich liebe diesen Lautsprecher, verrückt ich weiß, wie kann man einen Lautsprecher lieben? Ja, in Wirklichkeit ist es die Musik, die durch ihn erklingt, die direkt resoniert mit diesem Lautsprecher hier und ihn zum Schw(ei)ingen bringt…

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      • Nitya schreibt:

        Wenn ich jemanden meinen Meister nennen könnte,
        dann wäre es für mich Satyam Nitya.
        Zum Glück ist es nicht so und Nitya läßt es nicht zu.
        Zum Glück ist er kein Meister.
        Sonst wäre ich möglicherweise verloren in dieser Sicht auf Satyam Nitya.
        Wäre ein Schüler, wäre jemand, der etwas zu lernen sucht.
        Zum Glück ist es nicht so.
        Satyam Nitya ist kein Meister und ich bin kein Schüler.
        Und doch liebe ich die Fähigkeit dieses Lautsprechers Satyam Nityas so lautzusprechen wie er es tut. Ich liebe diesen Lautsprecher, verrückt ich weiß, wie kann man einen Lautsprecher lieben? Ja, in Wirklichkeit ist es die Musik, die durch ihn erklingt, die direkt resoniert mit diesem Lautsprecher hier und ihn zum Schw(ei)ingen bringt…

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      • Eno Silla schreibt:

        oder so!

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      • Ronny schreibt:

        „wie kann man einen Lautsprecher lieben?“ ich weiß es auch nicht, doch ich liebe meine lautsprecher in der küche. in den 90ern in einer manufaktur im main-taunuskreis, in kleiner werkstatt gebaut ( mit geiz ist geil – konnte die firma irgendwann dicht machen). hier werden die lautsprecher in ehren gehalten

        gerade halt ich ausschau nach guten und erschwinglichen BT-lautsprechern, zum verlieben mit rundem sound

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  3. Eno Silla schreibt:

    zu meinem Abschluß (für heute):

    „Von den Anhängern des Weges, die von überall her kommen, um mich zu treffen, stand nicht ein einziger vor mir, der von nichts mehr abhing.“

    wie könnte auch nur ein einziger von nichts abhängen?

    linji, du bist der einzige, der vor mir steht und von nichts abhängt!

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