Liä Dsi: Der Weg zur Unsterblichkeit


LVor alters gab es einen Mann, der predigte, dass er den Weg zur Unsterblichkeit kenne. Der Fürst von Yän sandte einen Boten, um in seinen Besitz zu kommen. Der war nicht rasch genug, sodass der Prediger vorher gestorben war. Da ergrimmte der Fürst von Yän über seinen Boten und wollte ihn hinrichten lassen. Ein Diener, der seine Gunst hatte, machte jedoch Einwendungen und sprach: „Was die Menschen am meisten fürchten, ist der Tod; was sie am meisten wichtig nehmen, ist ihr eigenes Leben. Jener nun hat sein eigenes Leben verloren; wie wäre er imstande gewesen, Eure Hoheit vom Tode zu retten!“ So wurde der Bote nicht hingerichtet.

Es war ein Meister Tsi. Der hatte auch jenen Weg lernen wollen. Als er nun hörte, dass der Prediger gestorben sei, da schlug er sich an die Brust und bedauerte es. Meister Fu hörte das, lachte über ihn und sprach: „Was er lernen wollte, war doch, nicht zu sterben. Nun ist jener Mensch selbst gestorben; das bedauern kann nur einer, der nicht weiß, worin er Unterweisung suchte. Meister Hu sprach: „Meister Fu’s Worte sind nicht richtig. Es gibt Menschen, die besitzen Überlieferungen, die sie doch nicht ausführen können. Und es gibt andere, die sie ausführen könnten, aber die Überlieferung nicht besitzen. Im Lande We lebte ein tüchtiger Rechenmeister. Als sein Tod herannahte, teilte er seine Kunst zum Abschied seinem Sohn mit. Sein Sohn behielt seine Worte, aber er konnte sie nicht anwenden. Ein anderer fragte ihn darum, und er sagte ihm die Worte seines Vaters. Der Frager benutzte die Worte und wandte die Überlieferung an, sodass er es dem Vater gleichtat. Warum also sollte es unmöglich sein, dass der Verstorbene ein Mittel zum Leben hätte verkündigen können!“

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

Ich lass mal die Frage außen vor, ob es so etwas gibt wie den Weg zur Unsterblichkeit, und konzentriere mich auf die Frage, um die es im zweiten Teil des Textes geht. Es gibt ja böse Zungen, die behaupten, dass Leute, die nichts zustande bringen, in ihrer Not halt Lehrer werden. Irgendwas muss man ja schließlich werden. Und die bösen Zungen singen gerne das garstig Lied: „Wer es kann, tut es. Wer es nicht kann, lehrt, wie man es tut.“ Und man könnte diese Gemeinheit dann noch fortsetzen in dem Satz: „Und wer nicht lehren kann, wie man es tut, der lehrt, wie man lehrt, wie man es tut.“

Um dieses Thema geht es bei den drei ehrwürdigen Meistern Tsi, Fu und Hu. Tsi glaubt, dass derjenige, der etwas lehrt, es auch umsetzen kann. Fu ist der Meinung, dass nur der etwas lehren dürfe, der das, was er lehrt, auch selbst umsetzen könne; anderenfalls hätte er einfach keine Ahnung und dürfte also auch nichts lehren. Hu hingegen widerspricht Fu und weist darauf hin, dass der Lehrer, das, was er lehrt, nicht selbst umsetzen können müsste. Er könne dennoch ein höchst nützlicher Lehrer sein. Damit lässt Liä Dsi nun den werten Leser alleine, vermutlich deshalb, damit dieser sich gefälligst selbst sein Urteil bilde.RIch musste bei diesem Thema an den Ratgeber des Dieter Korp denken, ohne den ich mich früher nicht in meinen geliebten R4 gesetzt habe. Damals konnte ich mich mit seiner Hilfe ja durchaus noch aus der einen oder anderen Notlage befreien. Dieter Korp hätte mir sicher wunderbar selbst helfen können, aber der stand mir leider nicht zur Verfügung. Zur Verfügung stand mir nur ein Buch, das selbst überhaupt nichts konnte. Und obwohl das so war, konnte es mir immer wieder aus der Patsche helfen. Ich kann also dem Herrn Hu durchaus zustimmen. Auch vollkommene Nichts-Könner können Wissen vermitteln. Hab ich ja in der Schule oft genug zu ertragen gehabt. Das Blöde ist nur, dass diese Nichts-Könner nicht im mindesten befähigt sind, festzustellen, ob das Wissen, das sie da so perfekt weitergeben, irgendetwas taugt. Insofern kann ich auch der Sichtweise des Herrn Fu beipflichten, während mir der Herr Tsi mit einem ausgesprochenen Kinderglauben gesegnet zu sein scheint.

Eines habe ich bei allen drei Meistern vermisst: Was ist mit dem Lernwilligen? Was nützt das schlaueste Buch, wenn es niemand liest? Was nützt der Weiseste unter den Weisen, wenn ihm niemand zuhört oder falls ihm tatsächlich zugehört wird, wenn ihn niemand versteht? Da hätte Buddha sein Blümchen stundenlang hochhalten können und alle hätten sich nur angeschaut und „Hä?“ gedacht. „Hä, wie jetzt?“ Nicht zu vergessen ist auch noch die Möglichkeit, dass der Lernwillige sich das gewünschte Wissen selbst aneignet, dass er also ganz ohne Meister, Lehrer, Bücher auskommt. Soll’s ja auch geben. Andererseits – wir haben ja fast alles, was wir zu wissen glauben, irgendwo vorgefunden und keiner von uns fängt ganz bei Null an. Aber ich kann es drehen und wenden, wie ich will, für mich ist der Lernwillige die wichtigste Figur im Spiel. Wenn ich an den Fürsten von Yän denke, kann ich nur sagen: Bei dem war Hopfen und Malz verloren. Da ist das Leben so gnädig und lässt den Prediger des Weges zur Unsterblichkeit sterben und der Fürst von Yän versteht nur Bahnhof. Ich sag’s ja: Die Figur des Lernwilligen ist die wichtigste Figur im Spiel, im Positiven wie im Negativen.
J

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6 Antworten zu Liä Dsi: Der Weg zur Unsterblichkeit

  1. Elwood schreibt:

    Da ist für mich wieder dieser Streitsatz drin, der jahrelang zwischen meiner Frau und mir Probleme bereitete:“ Wo ein Wille,ist auch ein Weg.“
    Heute formuliert er sich für mich so: „Wo Wille auftaucht, ist auch die Führung.“

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    • Elwood schreibt:

      Obwohl mir das Bild, dass ich von meiner Frau hatte, mehr Ikkyu als Guido Westerwelle glich, hat dieser Satz immer sehr negative Gedanken in mir ausgelöst, Ich hasste ihn.
      Bis ich merkte, dass dieser Satz und auch mein Hass auf ihn, selbst zur Führung wurde.
      Er war zum Koan für mich geworden, ohne dass meine Frau das vieleicht beabsichtigt hatte. Ein Wille war aufgetaucht.

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    • Nitya schreibt:

      Klar, kennen wir wahrscheinlich alle, lieber Elwood: „Wenn er nur wollen würde, der Junge., dann könnte er es noch zu was bringen.“ Und der Junge hasste diesen Satz natürlich. Er wollte einfach wollen, wenn er wollte, und nicht dann, wenn die anderen wollten, dass er wollte.

      Ich will mir jetzt jedenfalls noch einen Kaffee machen und es ist mir wurscht, ob du gerade willst, dass ich das will oder nicht.🙂

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  2. fredo0 schreibt:

    Nur eine Bemerkung …
    die im folgenden des Taoismus oft wörtlich ( bzw. materialistisch ) gemeinte Suche nach der Unsterblichkeit ( und die Behauptung seines „Erreichens“ durch bestimmte Personen ) ist so falsch nicht , halt nur missverstanden ….
    im Enttarnen des „Eigentlichen“ , diesem AHA , zeigt sich nix anderes wie das Unsterbliche ( das mit der -keit lassen wir mal unter den Tisch fallen ). Und da sich gleichermassen zeigt , dass ich DAS BIN , ist Unsterblichkeit durchaus „erreicht“ ( wenn man so will ) . Wenn es auch bedeutet dass es niemanden gibt , der sie nicht „erreicht“ hätte .
    Somit war der alte Prediger womöglich gar kein Lügner .
    Er hatte nur etwas gefunden , was nicht vor-zeigbar ist , sondern nur be-hinweist werden kann .
    Wenn dann so ein Fürst in nur materialistisch zu verstehen vermag , tja , dumm gelaufen für den Fürsten …

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    • Nitya schreibt:

      Ja, machmal halten sich derartige Missverständnisse über Jahrtausende. Unzählige Quacksalber versprachen und versprechen mit ihren dubiosen Mittelchen, wenn schon nicht das ewige Leben, so doch ein sehr hohes Alter. Ein paar hundert Jährchen dürfen es dann schon sein. Der Taoismus vor allem der späteren Zeiten war für dieses Missverständnis offenbar sehr empfänglich.

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  3. Eno Silla schreibt:

    Kleine Maus träumt von Unsterblickeit:

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