Jed McKenna: keiner kann etwas sehen


N Bob: „Aber du behauptest doch, erleuchtet zu sein.“
Jed: „Im Kontext unserer gegenwärtigen Metapher behaupte ich, nicht im blindmachenden Rauch zu stehen. Man darf allerdings nicht vergessen, dass es in diesem Rauch – allen gegenteiligen Beteuerungen zum Trotz – keine Sicherheit gibt. Keiner kann irgendetwas sehen, und das Wichtigste von dem, was keiner sehen kann, ist die Tatsache, dass keiner etwas sehen kann. Manche Leute behaupten, sie könnten sehen, und wenn sie eine gute Geschichte erzählen und selbst daran glauben, können sie andere dazu bewegen, es auch zu glauben. Das dient Mayas Zwecken, und dem winken Belohnungen. Nahezu alle spirituellen Lehrer fallen in diese Kategorie – Blinde, die Blinde führen. Wenn du erst sehen kannst, erkennst du mühelos, wer es außer dir noch kann und wer nicht. Da gibt es nichts zu diskutieren.“
Bob: „Ich?“
Jed: „Was du?“
Bob: Ich stehe in diesem Nebel und tue so, als könnte ich sehen?“
Jed: „Natürlich.“
Bob: „Und du nicht?“
Jed: „Ich bin kein Lehrer. Ich habe keine Schüler. Ich habe keine Lehre.“
Bob: „Aber wo liegt dann der Unterschied? Du bist hier mit uns allen anderen. Du siehst, was jeder andere auch sieht.“
Jed: „Bin ich nicht und tu ich nicht.“
Bob: „Aber wir sind jetzt hier gerade zusammen. Ich sehe dich an. Du siehst mich an. Du siehst mich.“
Jed: „Du bist eine Fata Morgan, Bob. Ich sehe durch dich hindurch. Ich bin eine Fata Morgana, ich sehe durch mich hindurch. … Es ist alles eine Fata Morgana, ich sehe durch alles hindurch. Um etwas klar zu stellen: Dieser ölige schwarze Rauch ist nicht einfach nur das Medium, in dem das spirituell umnachtete Ego haust, es ist das Ego selbst, der Stoff, aus dem das Ego ist. Man darf keine Unterscheidung treffen zwischen dem Täuscher, der Täuschung und dem Getäuschten. Bis wir den egohaften Zustand begreifen, besteht keine wirkliche Chance, irgendwelche echten Fortschritte zu erzielen.“

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“

E„Ich bin kein Lehrer. Ich habe keine Schüler. Ich habe keine Lehre.“ Na ja, ich lass das mal dahin gestellt. Da unterhalten sich also zum einen ein spiritueller Lehrer und zum anderen einer, der angeblich oder tatsächlich keiner ist, über die Möglichkeit, sehen zu können. Wenn ich das richtig zusammenfasse, dann geht es dem Jed darum, klar zu stellen, dass die Chance, wirklich sehen zu können, solange nicht gegeben ist, solange nicht das Ego in seinen Aspekten als Täuscher, Täuschung und Getäuschter begriffen worden ist.

Der Täuscher will täuschen und kreiert eine Täuschung nach der anderen, eine raffinierter als die vorhergehende. Und er will der Getäuschte sein, der möglichst auf jede seiner perfekten Täuschungen hereinfällt. Der Täuscher ist der Getäuschte und behauptet gleichzeitig, nichts mit alledem zu tun zu haben. Weder will er die Verantwortung für seine Täuschungsmanöver übernehmen noch dafür, dass er es ist, der sich ständig selbst ans Bein pinkelt. Da spielt er lieber das unschuldige Opferlamm, das mit dem Finger auf irgendwelche imaginären Bösewichte zeigt.

Was passiert, wenn jemand für all dies die Verantwortung übernimmt? Die ständige Selbstbenebelung wird erkannt und kann sich auflösen. Ohne Nebel – klare Sicht.
S

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5 Antworten zu Jed McKenna: keiner kann etwas sehen

  1. Marianne schreibt:

    »Ich sehe was, was Du nicht siehst und das ist grün (blau, rot, gelb …)« ist ein Spiel, dass wir als Kinder (vor allem auf langen Autofahrten) gespielt haben. Nur der, der wusste, was er meint, war der Überlegene – alle anderen waren »dumm« und mussten raten. Manchmal dauerte das ganz schön lange, bis der Spielführer sein »geheimes Wissen« preis gab …
    Mir kommt es manchmal so vor, als würden Erwachsene dieses Spiel einfach weiter spielen und dann geht es halt um „Spirituelles“. Es hat auf jeden Fall Unterhaltungswert!😉

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    • Eno Silla schreibt:

      Den Eindruck habe ich auch beim Lesen der Bücher von Jed M. Ein Unterhaltsames Spiel. Und er bestätigt es in einem Satz am Ende des Buches „Spirituelle Dissonanz“:
      „Doch egal, wie du es auch spielst, letztlich ist es bloß ein verdammtes Spiel.“

      „Keiner kann irgendetwas sehen, und das Wichtigste von dem, was keiner sehen kann, ist die Tatsache, dass keiner etwas sehen kann.“

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    • Nitya schreibt:

      Da stelle mer uns wieder janz dumm: Eben hab ich den Satz jesehen: „Keiner kann irgendetwas sehen, und das Wichtigste von dem, was keiner sehen kann, ist die Tatsache, dass keiner etwas sehen kann.“ Hab ich nu den Satz jesehen oder nich?

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  2. Brigitte schreibt:

    Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn,
    wirf mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
    und ohne Füße kann ich zu dir gehen,
    und ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
    Brich mir die Arme ab, ich fasse dich
    mit meinem Herzen wie mit einer Hand,
    halt mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
    und wirfst du in mein Hirn den Brand,
    so werd ich dich auf meinem Blute tragen.
    (Rainer Maria Rilke, Das Buch von der Pilgerschaft 1902)

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