Erich Mühsam: Du bist nichts, Dein Volk ist alles?


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Es ist in aller Eindeutigkeit so, dass wo Gesellschaft besteht, für den Staat kein Raum ist, wo aber der Staat ist, er als Pfahl im Fleische der Gesellschaft steckt, ihr nicht erlaubt, Volk zu bilden und gemeinschaftlich ein- und auszuatmen, sie stattdessen in Klassen trennt und dadurch verhindert, Gesellschaft zu werden.

aus: Erich Mühsam, „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat – (Untertitel: Was ist kommunistischer Anarchismus?)“

Dein Volk? Wer ist denn „das Volk“? Da gibt es die einen, die mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“ vorgeben, tatsächlich das Volk zu repräsentieren. Auf der anderen Seite ist das Volk immer wieder von den Regierenden in Haft genommen worden, um irgendwelche individuellen Einzelinteressen durchzuboxen. Irgendwelche Statistiken werden bemüht, um den Nachweis zu erbringen, dass es doch wenigstens ein beachtlicher Anteil dieses Volkes sei, der genau das will, was sie auch wollen. In einer Diktatur macht man sich nicht einmal diese Mühe. Da muss jeder Volksgenosse eine Fahne aus dem Fenster hängen und wer das nicht tut, hat sich zumindest verdächtig gemacht und wird fürderhin ganz genau beobachtet. Ich hab schon in der Schule dieses „Wir“ gehasst. Jetzt wollen wir mal das Lied „Hoch auf dem gelben Wagen“ singen. Mich hatte keiner gefragt, ob ich „Hoch auf dem gelben Wagen“ singen will, ich gehörte einfach zu diesem ominösen „Wir“, das das zweifelsfrei will. Komisches Volk.


Erich Mühsam benützt noch die Begriffe „Gesellschaft“ und „Staat“. Das, was ich im letzten Abschnitt „Volk“ nannte, war ja wohl eher der „Staat“, der sich die Maske der Volksvertretung aufsetzte. Nichts dürfte verkehrter sein. Worin sich nun bei Mühsam die Begriffe „Volk“ und „Gesellschaft“ unterscheiden, ist mir beim Lesen der Zeilen nicht ganz klar geworden. Das Volk, das gemeinschaftlich ein- und ausatmet … da hat es mich ja dann doch gerissen. Was ist denn das? Turnvater Jahn fällt mir ein und ein „Jetzt wollen wir mal … Knie gebeugt und Arm gestreckt … und eins … und zwei …“ Soll das das Volk ausmachen? Bei „Volk“ fallen mir eher etwa die Bayern ein oder die Friesen, also Menschen, die seit Generationen „auf der gleichen Scholle“ (pfui: Nazisprech!) eine mehr oder weniger gemeinsame, gewachsene Kultur entwickelt haben. „Gesellschaft“ wären dann einfach Menschen, die in einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gegend leben. Das könnte also durchaus auch eine Multikulti-Gesellschaft sein.

Der Begriff „Staat“, wie ihn Erich Mühsam gebraucht, ist für mich wie dieses „Wir“ eine reine Schimäre. Nach zwei verloren gegangenen Kriegen sagte mein Vater immer wieder: „Der Staat ist der größte Verbrecher.“ Dabei war er die meiste Zeit seines Lebens ein treuer Staatsbüttel. „Der Staat“ kann jedoch gar kein Verbrecher sein, da es ihn als Wesenheit nie gegeben hat. Ebenso ist es mit diesem „Wir“. Erich Mühsam war wohl so etwas wie ein kommunistischer Anarchist bzw. Anarchosyndikalist.

AFür mich hat das letztendlich herzlich wenig mit der wirklichen Idee des Anarchismus zu tun, die sich aus meiner Sicht nur durch den Einzelnen verwirklichen lässt. Eine Haltung, die Mühsam entschieden ablehnte. So schrieb er 1933 ein Jahr vor seiner Ermordung durch die Nazis in „Die Befreiung der Gesellschaft vom Staat – (Untertitel: Was ist kommunistischer Anarchismus?):

Entschiedene Abgrenzung aber ist geboten gegenüber den nur individualistischen Anarchisten, die in der egoistischen Steigerung und Durchsetzung der Persönlichkeit allein das Mittel zur Verneinung des Staats und der Autorität erblicken und selbst den Sozialismus wie jede allgemeine Gesellschaftsorganisation schon als Unterdrückung des auf sich selbst ruhenden Ich zurückweisen.

Mir scheint, da hat er den Individualistischen Anarchismus  gründlich missverstanden. Für mich endet das Konzept mit seinem imperativen Mandat, das Erich Mühsam vorschwebte, doch letztlich wieder in so etwas, das man Herrschaft nennen könnte. Ich jedenfalls will weder von einer Regierung noch von der Gesellschaft noch vom Volk noch von einem Syndikat noch von sonst irgendeinem „Wir“ beherrscht werden. Ich will nun mal partout „Hoch auf dem gelben Wagen“ dann singen, wenn mir danach ist. Da bin ich ziemlich eigen. In meiner Badewanne z.B., da kann ich das wunderbar losschmettern. Und in meiner Badewanne möchte ich nicht unbedingt ein Syndikat versammelt haben. Da würde ich echt Platzangst kriegen.

S

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2 Antworten zu Erich Mühsam: Du bist nichts, Dein Volk ist alles?

  1. Sybille Krainz schreibt:

    …. in Deiner Badewanne bist Du Kapitän .~~~~~

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  2. robertknoche schreibt:

    Hat dies auf Freiheit, Familie und Recht rebloggt und kommentierte:
    Das Volk besteht aus vielen Einzelpersonen, welche erst zusammen das Volk ausmachen. Deshalb ist jeder einzelne Mensch wichtig!

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