Niu-t’ou Fa-jung: Erwacht und dennoch dunkel


L
Die Natur des Herz-Geist kommt nirgendwo her
Was nützen Wissen und Ideen?
Ursprünglich nicht eine Wahrheit
Warum also von Praxis reden?

Kommen und gehen ohne Ende
Suchen ohne zu finden,
Lieber nichts tun
Sodann scheint Frieden auf.

Die Vergangenheit ist leerer Raum
Wissen ist der Verlust des Ursprungs.
Verbreite dein Licht über die Welt
Erwacht und dennoch dunkel.

aus: Niu-t’ou Fa-jung, „Der Gesang des Herz-Geist“

Brich ab das Lernen, so bist du sorgenfrei! Sind denn „Jawohl!“ und „Recht gern!“ wirklich einander so fern? Sind denn das Gute, die Schlechtigkeit wirklich einander so weit? „Wem andere Menschen sich beugen, dem musst auch du dich beugen“: Welch Öde doch! Und kein Ende noch! Die Menschen alle sind ausgelassen, als säßen sie zechend beim Opferfest, als stiegen sie auf zu den Frühlingsterrassen. Ich allein liege noch still, kein Zeichen hab ich gegeben, gleich einem kleinen Kinde, das noch nie gelacht hat im Leben; bin schwankend, bin wankend, als hätt ich die Heimat verloren. Die Menge der Menschen hat Überfluss; nur ich bin gleichsam von allem entblößt. Wahrlich, ich habe das Herz eines Toren, so dunkel und wirr! Die gewöhnlichen Menschen sind hell und klar; nur ich bin trübe verhangen. Die gewöhnlichen Menschen sind strebig-straff; nur ich bin bang-befangen. Ruhelos gleich ich dem Meere; verweht, ach, bin gleichsam ich ohne Halt. Die Menschen machen sich nützlich all, nur ich bin halsstarr, als ob ich ein Wildling wäre. Nur ich bin von den andern Menschen verschieden – der ich die nährende Mutter verehre. (Tao Te King, Vers 20)

MDas ist so ein beliebtes Klischee, das so ganz an ein anderes Klischee erinnert: „Mens sana in corpore sano.“ (ein gesunder Geist in einem gesunden Körper) Und es ist ebenso falsch. Der Ursprungstext des römischen Dichters lautete: „Beten sollte man darum, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei.“ Und das war absolut satirisch gemeint. Das Klischee besagt jedoch: Ein kranker Mensch kann keinen gesunden Geist haben. Und ein Mensch, der von sich sagt: „Wahrlich, ich habe das Herz eines Toren, so dunkel und wirr!“, kann unmöglich der erleuchtete Autor des Tao Te King sein. Und  Niu-t’ou sagt „Erwacht und doch dunkel“, nachdem er gerade gesagt hat: „Verbreite dein Licht über die Welt!“ Wie soll das gehen? – Es geht nur so.

„Was nützen Wissen und Ideen?“ fragt Niu-t’ou und sagt weiter: „Ursprünglich nicht eine Wahrheit – warum also von Praxis reden? Kommen und gehen ohne Ende, Suchen ohne zu finden.“ Er spricht von den Menschen und dem Zustand der Welt. Es ist immer ärger geworden und alles scheint auf einen gigantischen Kollaps zuzuströmen. Und wenn Warren Buffett tatsächlich gesagt haben sollte: „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen.“, dann würde ich dem ersten Teil zustimmen, dem zweiten Teil jedoch entschieden widersprechen: Es wird keine Sieger geben, nur Verlierer. Das wird das Ergebnis sein von „Kommen und gehen ohne Ende, suchen ohne zu finden.“

„Lieber nichts tun – sodann scheint Frieden auf.“ Diese Welt ist ein einziges Wunder und die Manifestation einer unfassbaren Intelligenz – bis wir Menschen mit unserem Spatzenhirn anfingen, diese Welt auszuplündern und zu zerstören und das mit derselben brutalen Ignoranz, die wir in unserer unglaublichen Arroganz dem IS vorwerfen. Worin unterscheiden wir uns eigentlich von diesen „Barbaren“? Etwa durch unsere Kultur und unser dümmliches Geschwätz? Wir sind so unfassbar primitiv und blöd. Wieviel besser wäre es um uns und die Welt bestellt, wenn wir Niu-t’ous Rat folgen würden und mit unserem Rumgemache aufhören würden! „Lieber nichts tun – sodann scheint Frieden auf.“ Warum? Weil sich dann wieder die Natur des Herz-Geist, der von nirgendwo herkommt, in ihrer eigenen Intelligenz entfalten kann. Dazu wäre jedoch erst einmal die Erkenntnis des Lao Tse erforderlich, die um das eigene Nicht-Wissen weiß und die verehrende Hingabe an „die nährende Mutter“.

B

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Eine Antwort zu Niu-t’ou Fa-jung: Erwacht und dennoch dunkel

  1. Susanne schreibt:

    Alles Denken sind Ideen, geboren aus dem erlernten Wissen. Die Welt erscheint Dir so, wie Du sie dir mit deinem Wissen denkst. Wenn Erscheinungen tatsächlich immer polar existieren müssen, weil das eine ewige Wahrheit ist, was ist dann einer, der den Krieg nicht haben will ?
    Oder, ist die Polarität Krieg und Frieden nur eine ausgedachte Idee ? Und das was tatsächlich immer passiert wird nur dadurch in meinem Kopf zu einer Polarität ?

    „Was nützen Wissen und Ideen ?“

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