Alan Watts: Das Elend des Selbstbewusstseins

 WDer Mensch ist ein selbstbewusster und deshalb selbstkontrollierender Organismus, wie aber kann er je jenen Aspekt seines Selbst kontrollieren, der das Kontrollieren ausübt? Alle Versuche, dieses Problem zu lösen, scheinen in einem Wirrwarr zu enden, ob auf individueller oder sozialer Ebene. Auf individueller Ebene manifestiert sich dieser Wirrwarr in etwas, was wir akutes Selbstbewusstsein nennen, wenn ein öffentlicher Redner sich etwa selbst frustriert, indem er sich bemüht, gut zu reden. Auf sozialer Ebene manifestiert es sich als ein Verlust an Bewegungsfreiheit, der mit jedem Versuch, Handlungen durch Gesetz zu regulieren, zunimmt. Mit anderen Worten, es gibt einen Punkt, jenseits dessen Selbstkontrolle eine Form von Lähmung annimmt – als versuche ich, einen Ball gleichzeitig zu werfen und ihn den ganzen Flug über in der Hand zu behalten.

aus: Alan Watts, „Dies ist ES“

CouéDa gab es mal vor ungefähr 100 Jahren einen Apotheker, der einer Sache auf die Spur gekommen zu sein glaubte, die heute im weitesten Sinn unter dem Namen „Positives Denken“ bekannt und gleichzeitig, nicht zu Unrecht, in Verruf geraten ist. Man wirft den Positiven Denkern vor, die Verdrängung zu fördern, sich alles schön reden zu wollen und so die Augen für den dunklen Pol der Welt zu verschließen und darüber hinaus den Glauben an die Machbarkeit der Dinge zu verstärken. Wenn man die Zeugnisse über das Wirken aus der damaligen Zeit liest, scheint Monsieur Coué ziemlich großen Erfolg gehabt zu haben. Und irgendwie hab ich den starken Eindruck, dass Coués Epigonen ihren Herrn und Meister nicht so recht verstanden haben.

Das Kernstück von Coués Empfehlung war, jeden Abend und jeden Morgen bis ans Lebensende in seinem Bett folgenden Satz ungefähr 20 mal hörbar zu sagen: Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser. In diesem Satz sind keine Millionen zu entdecken, die man haben will, nicht das neueste schicke Auto, nicht die Frau des besten Freundes und auch nicht die Heilung von Rheuma, Bauchschmerzen, Potenzstörungen, Schüchternheit oder was es sonst noch für Misslichkeiten geben könnte. Coué hatte bemerkt, dass die Leute sich ständig negativ programmieren und sich dann das Blaue vom Himmel herunterwünschen. Sein Schlüsselsatz wurde ganz mechanisch gesagt, ganz ohne Glauben und Hoffnungen, etwa so wie in der katholischen Kirche das „Ave Maria“ von den alten Frauen heruntergeleiert wird. Die Worte sollen das kontrollierende Selbstbewusstsein umgehen und tief in das Unbewusste fallen. Dadurch werden immer wieder die negativen Programmierungen neutralisiert und die Blockaden aufgelöst sowie Platz geschaffen dafür, dass sich die Selbstheilungskräfte wieder ungehindert entfalten können und sich das Leben wieder frei in seinem ursprünglichen Sinn entwickeln kann. Wer sich weiter über Coué informieren will, dem sei sein Grundlagenbuch über seine Erkenntnisse zum Herunterladen als PDF empfohlen. Im Netz gibt es weitere sehr empfehlenswerte Hinweise zu finden.

„Der Mensch ist ein selbstbewusster und deshalb selbstkontrollierender Organismus, wie aber kann er je jenen Aspekt seines Selbst kontrollieren, der das Kontrollieren ausübt? Alle Versuche, dieses Problem zu lösen, scheinen in einem Wirrwarr zu enden.“ sagt Alan Watts. Coué umgeht das Problem einfach, indem er sich nicht an das kontrollierende Selbstbewusstsein wendet, sondern gleich an das Unbewusste, das allem Anschein nach ausgesprochen kooperativ zu sein scheint. Wer Lust hat, Coués Methode mal zu testen, der überprüfe sie einfach. Kostet nix und macht keine große Mühe:

„Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser.“ Auf dem kleinen Bild von Coué kann ich nur sagen, dass er sehr viel vergnüglicher aussieht als sein Zeitgenosse Freud. „Mit dem Hute in der Hand, kommst du durch das ganze Land.“

F
Also nehmt das gefälligst nicht so ernst!

 

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2 Antworten zu Alan Watts: Das Elend des Selbstbewusstseins

  1. Marianne schreibt:

    Ich würde sagen, dass ich ständig mit meinem Unterbewusstsein kooperiere … Mit irgendwelchen Affirmationen „hypnotisieren“ kann ich es allerdings nicht – es folgt eigentlich gar nicht meinem Kontrollbedürfnis – führt eher (gefühlt) ein Eigenleben.
    Besonders die Bilder, die es in der Nacht und in der Aufwachphase am Morgen hervorbringt, finde ich bemerkenswert, manchmal auch weg-weisend …
    Und … irgendwas ist da schon dran an dieser Positiv-Denk-Geschichte, wenn man das einfach als Ritual begreift, wie es offensichtlich von seinem „Erfinder“ gedacht war. (Danke übrigens für diese Fortbildung – war mir bisher noch nicht bekannt!).

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  2. Elwood schreibt:

    Beim Überfliegen des PDF’s sind mir doch so einige Wünsche und Hoffnungen in Verbindung mit der Suggestion aufgefallen und “besser” ist ja auch schon eine Wertung, aber warum nicht.
    Ich probier’s es ja auch seit längerem mit der Suggestion: “Es ist weder gut noch schlecht”. Das wirbelt mir so schöÖn meine Vorstellungen durcheinander. Und ein schlichtes MUuUu, da kann es mir schon mal passieren, dass es mir den Boden unter Füßen weghaut.

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