Liä Dsi: Und die Moral von der Geschicht …


LYang Dschu sprach: „Bequeme Wohnung, schöne Kleider, feine Speisen und schöne Frauen: Wer diese Dinge hat, was braucht der mehr zu begehren? Wer diese Dinge hat und dennoch mehr begehrt, der ist eine unersättliche Natur; eine unersättliche Natur aber ist wie eine Made im Haushalt der Welt.

(Was man zum Beispiel) Pflichttreue nennt, ist keineswegs ausreichend, dem Herrn, dem man dient, Ruhe zu verschaffen; aber sie ist vollständig ausreichend, das eigene Ich in Gefahr zu bringen. Uneigennützigkeit ist keineswegs ausreichend, den Nebenmenschen zu nützen; aber sie ist vollständig ausreichend, das eigene Leben zu schädigen.

Wenn erst die Oberen Ruhe finden, ohne auf die Pflichttreue angewiesen zu sein, dann wird der Ruhm der Pflichttreue verblassen; wenn erst die Nebenmenschen ihren Nutzen finden, ohne auf ihre gegenseitige Uneigennützigkeit angewiesen zu sein, dann wird der Ruhm der Uneigennützigkeit aufhören.

Dass Fürsten und Untertanen miteinander Ruhe finden und die Mitwelt und das eigene Ich miteinander Ruhe finden: Das war der Sinn des Altertums.

aus: Liä Dsi, „Das wahre Buch vom quellenden Urgrund“

GEi der Daus! Das klingt aber nicht sehr christlich! Das erinnert mich eher an „Der Einzige und sein Eigentum“ von Max Stirner als an die Bergpredigt von Jesus. Liä Dsi spießt hier mit spürbarem Wohlbehagen die Tugenden der Pflichttreue und der Uneigennützigkeit auf. Er hat’s anscheinend so gar nicht mit Moral. Lao Tse schreibt im Tao Te King, Kap. 38: „Wahrlich: Wer das Tao verliert, ist nachher tugendhaft. Wer die Tugend verliert, ist nachher gerecht. Wer die Rechtlichkeit verliert, ist nachher sittsam. Wohl! Die Sittsamkeit ist eine Verkümmerung von Lauterkeit und Treue; des Haders Anfang ist sie.“ Der hatte es auch nicht mit der Moral. Beide hatten es mit dem Tao und nur mit dem Tao. Und wenn das Tao im Bewusstsein der Menschen mal verschüttgegangen war, war alles verschüttgegangen, was bedeutet, dass sämtliche Maßnahmen, wieder einen einigermaßen erträglichen Zustand herzustellen, ins Leere gehen mussten. Da brauchen wir nur die ungeheure Gesetzesflut anschauen, die die ganze menschliche Gesellschaft niederdrückt und die nur der Lumperei Tür und Tor geöffnet hat. Das Tao benötigt weder ein Gesetzbuch noch eine Bibel.

Liä Dsi ist wie die anderen alten Taoisten ein Anarchist. Wenn du nicht beherrscht werden willst, dann schau, dass du deine Angelegenheiten selbst in Ordnung bringst. Wer sich auf die anderen verlassen muss, ob „Oberer“ oder „Nebenmensch“, ist schon verlassen, vor allem von allen guten Geistern. Das bedeutet nicht, dass ein Taoist nicht einem Hilfsbedürftigen helfen würde. Aber wenn er es tut, dann nicht aus Pflichtgefühl oder „wegen der Nachbarn“, sondern einfach aus Mitgefühl.

 

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11 Antworten zu Liä Dsi: Und die Moral von der Geschicht …

  1. Danke, lieber Nitya!
    Dieser Beitrag gab mir eine wichtige Antwort. Grad der Anfang hat mich begeistert. Einer der Unersättlich ist, ist wie die Made im Haushalt der Natur! Dieser eine Satz, sagt soviel aus und fasst das zusammen, wodrüber ich mir die letzten Tage Gedanken machte.
    Herzlichst
    Wiebke

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  2. Sybille Krainz schreibt:

    … N i t y a …. i bin ja aus’m schwäbischen vor 45Jährchen nach Österreich ausgewandert …und inzwischen kenn ich auch manche Dialektbesonderheiten ….
    … hab‘ jetzt nochmal gegoogelt und im österreichischen Wörterbuch wird es mit weichem B ..also B o c k e r l f r a ß geschrieben …..dazu gibts Sagen u. Legenden ….imGrunde heißts nichts anderes als bei irgendeiner Situation ..v e r r ü c k t zu w e r d e n …..
    …. ich hab es eher von Pocken abgeleitet und hab‘ angenommen daß ich dann einen pockennarbigen Ausschlag bekomme … na ja … es is jo g’hupft wie g’sprungen ….beides ist nicht erstrebenswert …. lG. Sybille 👀

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