Karl Renz: Das „Ich“ benötigt immer Dualität.

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Ein Konzept, ein Geist braucht einen Bezugspunkt. Das „Ich“ benötigt immer einen relativen Bezugspunkt, weil es kein „Ich“ mehr geben würde, wenn es das Relative nicht gibt. Das „Ich“ kann nur in relativen Erfahrungen überleben. Es braucht immer einen Bezugspunkt zu etwas anderem. Es benötigt immer Dualität. Wenn es keine Dualität gäbe, könnte es nicht leben.

Selbst dadurch, dass es erleuchtet werden will, bestätigt es, dass da jemand ist, der nicht erleuchtet ist. Sein Versuch, aufzuwachen, bestätigt denjenigen, der nicht wach ist. Er versucht sich selbst zu verwirklichen und bestätigt damit denjenigen, der nicht verwirklicht ist. Und so versucht alles, was vom Handelnden oder Nicht-Handelnden kommt, zu überleben.

Der Geist, das zweifelhafte Ich, braucht immer zweifelhafte Handlungen, um als das überleben zu können, was ein zweifelhaftes Ich ist. Selbst zu behaupten, dass ich so aufrichtig bin, so ehrlich, dass ich nur für die Wahrheit lebe oder was auch immer. Das auch nur zu tun, bestätigt denjenigen, der es braucht. Fantastisch! Nur dadurch, dass du das tust, bestätigst du denjenigen, der dadurch überlebt. Das hört nie auf. Auf diese Weise verwirklichst du dich selbst.

Neti-Neti ist das Beste, war immer das Beste und wird immer das Beste sein. Der Hinweis auf den tief-tief-Schlaf ist auch gut. Tief-tief-Schlaf bedeutet, dass die absolute Abwesenheit von jemandem vorherrscht, der ist oder nicht ist und dass du trotzdem bist, was der tief-tief-Schlaf ist. Von dort geht die Gegenwart aus.

Dich als Präsenz zu kennen, als das, was keine Gegenwart braucht, um DAS zu sein, was ist. Das ist es, was du bist.

aus: Karl Renz: „Am I – I Am“

DU

Ich habe keine Ahnung, ob Ikkyû Sôjun sein Kôan in demselben Sinn hätte verstanden haben wollen, wie Karl Renz seine Behauptung, dass jedes „Ich“ für seine Existenz immer einen Bezugspunkt zu etwas anderem braucht. Der Ikkyû ist mit jedenfalls sofort eingefallen, als ich den Text vom Karl las. „Selbst zu behaupten, dass ich so aufrichtig bin, so ehrlich, dass ich nur für die Wahrheit lebe oder was auch immer. Das auch nur zu tun, bestätigt denjenigen, der es braucht. Fantastisch! Nur dadurch, dass du das tust, bestätigst du denjenigen, der dadurch überlebt. Das hört nie auf. Auf diese Weise verwirklichst du dich selbst.“ Warum behauptet das einer? Vermutlich weil er es sich oder andere glauben machen will. Und er sagt damit immer auch aus: Mich gibt’s!

Wenn Ikkyû sagt „Nur ein Kôan ist wichtig: du!“, dann sagt er damit auch etwas über sich und seine Existenz aus. Man könnte ja auch denken, Ikkyû ging es mit diesem Kôan um eines seiner Lieblingsthemen, um die blinde Shin etwa oder um einen der Knaben, die er so bewunderte. Vielleicht ist das so. Vielleicht ging es ihm aber auch um dieses unauflösbare Rätsel, gleichzeitig nicht zu sein und doch wieder sein zu müssen, nicht von der Welt und doch in ihr zu sein.

boot

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