Seng-ts’an: Eins ist wie alles, alles wie Eins.


S
Winzig klein – wie groß:
Grenzen und Gräben zerbrochen, vergessen.
Riesig groß – wie klein:
keine feste Schranke.

Sein entspricht dem Nichtsein,
Nichtsein dem Sein.
Wo es nicht so ist:
keinesfalls darf man [dem] folgen.
Eins ist wie alles,
alles wie Eins.

aus: Seng-ts’an, „Hsin Hsin Ming

F

Ein Beispiel: Letzten Donnerstag war auf Panorama im Ersten (s. Mediathek – 18.02./21:45 Uhr) der Hamburger Onkologe Dr. Ulrich Fritz zu sehen, der aufzeigte, wie es sowohl vor wie auch nach der Verabschiedung des neuen Gesetzes zur Bekämpfung von Korruption im Gesundheitswesen Pharmavertretern, Apothekern, Rechtsanwälten und Ärzten möglich ist, ihre kriminellen Machenschaften zu betreiben. Seit der Veröffentlichung stehen zwei Bodyguards vor der Praxis und Dr. Fritz muss sich Sorgen um seine Familie machen. Alltag im Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland, und darüber sollte sich niemand Illusionen machen. Oh Heiliger Hippokrates!

Fritz sagt: „Das ist kaum auszuhalten!“ Ja, das ist es. Jedenfalls für die, die sich noch so etwas wie Mitgefühl für ihre Mitmenschen in dieser schrecklichen Welt bewahrt haben, in der Konkurrenz, Korruption, Mord und Totschlag zum alltäglichen Geschäft gehören. Bodyguards vor der Tür eines Menschen, der dieses schmutzige Spiel nicht mitspielen will und lange genug und aus guten Gründen dazu geschwiegen hat – deutlicher kann nicht gezeigt werden, wie es um uns bestellt ist. Schöne Neue Welt!

Können Menschen wie Seng-ts’an daran irgendetwas ändern? „Alle Worte sind dem Unbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen.“ sagt Shankara. Das ist eher an die Adresse sog. Sucher gerichtet. Diejenigen, die sich noch nicht einmal auf die Suche gemacht haben, werden vermutlich nur sagen: „Was soll der Scheiß!“ und sich dadurch so wenig irritieren lassen wie durch irgendein doofes Gesetz.

Die Zeilen von Seng-ts’an werden bei einem Sucher wahrscheinlich viele Fragen auslösen und zu allerlei Hypothesen führen. Bleibt zu hoffen, dass der Befreite, wenn er sie schon nicht benötigt, sie immerhin genießen kann. Aber vielleicht hatte die Niederschrift ja auch keinerlei „pädagogische“ Absicht, sondern war einfach das Lied, das Seng-ts’an aus lauter Spaß an der Freude vor sich hin trällerte?

 

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7 Antworten zu Seng-ts’an: Eins ist wie alles, alles wie Eins.

  1. Nitya schreibt:

    Ja, ja, die Welt ist schlecht:

    Krypto-Trojaner Locky wütet in Deutschland:

    http://www.heise.de/newsticker/meldung/Krypto-Trojaner-Locky-wuetet-in-Deutschland-Ueber-5000-Infektionen-pro-Stunde-3111774.html?hg=2&hgi=3&hgf=false

    Von wegen „die da oben“ sind alle Schweine! Wir sind die Welt, wir sind nicht die Welt, …..

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  2. Wolf Schneider schreibt:

    Hallo Nitya,
    »Alle Worte sind dem Umbefreiten nutzlos, da sie nur Vorstellungen erzeugen«, wie wahr, wie ernüchternd. Außer, dass Sätze, wie der hier von dir Zitierte, an der Grenze entlang schlendern, an der zwar ’nur‘ Vorstellungen erzeugt werden (also keine wirklich Einsicht), aber immerhin eine Tür zu wirklicher Einsicht sich öffnen kann, weil ein Satz wie dieser so krass und unverblümt sagt, was Sache ist.
    Und dann dein Hinweis auf den Antikurruptions-Kämpfer Dr. Fritz, der so sehr dein Mitgefühl und kämpferisches Engagement zeigt, indem er Vorstellungen (!) erweckt, Hoffnungen, in mir und anderen Lesern deines Blogs, dass ein Mutiger Einzelner gegen ‚das System‘ etwas ausrichten kann. Klar sind das nur Vorstellungen und Hoffnungen, und auch die Bilder der Panorama-Sendung, auf die du gelinkt hast, sind nur Bilder. Aber Bilder sind mächtig, Vorstellungen sind mächtig. Bilder erwecken Vorstellungen in uns. Das ist noch keine Einsicht, aber auf der Ebene der Bilder agieren wir, fühlen wir, leben wir, und das ist gut so. Ich schätze dein Engagement sehr. Das für die Einsicht (kompromisslos, absolut) und auch das über die Bilder, das sich für eine Verbesserung unseres Lebens in den diversen Vorstellungswelten einsetzt.
    Mit herzlichem Gruß
    Sugata

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    • Nitya schreibt:

      Lieber Sugata,

      wie sagte Èmile Coué, über den ich kürzlich mal wieder gestolpert bin: „Im Widerstreit zwischen Wille und Vorstellungskraft siegt letztere ausnahmslos.“ Vorstellungen erwecken wir ja ohnehin den ganzen Tag und insofern ist es vielleicht immer wieder ganz ratsam, einmal hinzugucken, welche Geister wir da rufen. Davon unberührt bleibt Shankaras Hinweis, dass da etwas jenseits aller Vorstellungen ist, das wir nur „erkennen“ können, wenn wir uns all unserer Vorstellungen enthalten, wie das Sengts’an unmissverständlich deutlich gemacht hat. Erkennen im Sinn von Sein. Dies wiederum bedeutet sicher nicht, dass Shankara oder Seng-ts’an keine Vorstellungen mehr gehabt hätten. Es bedeutet nur, dass sie sich über das Unvorstellbare keine Vorstellungen gemacht haben. Wozu auch? Wer das Unvorstellbare ist, muss sich darüber keine Vorstellungen machen.

      Ach ja, ganz herzlichen Dank für deine Erfahrungen, die du uns auf dem Connection-Blog im Zusammenhang mit euren neuen Mitbewohnern mitteilst. Das ist wirklich schön zu lesen.

      Herzlichst
      Nitya

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  3. Nitya schreibt:

    Wow, eben entdeckt: Punito hat ein Lebenszeichen hinterlassen!

    Lieber Punito, was für eine Freude!

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    • Eno Silla schreibt:

      wo denn, wo denn?
      ach da oben neben dem „gefällt mir“ button.
      sehr schön, dann ist bei ihm angekommen, dass er mir in den letzten tagen gelegentlich durchs hirn geisterte.
      sei herzlich gegrüßt lieber punito!

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    • Brigitte schreibt:

      Mir kam Punito auch in den Sinn. Just in dem Moment als ich Kodo S. las. Wie schön. Freu mich. Viele liebe Grüße auch von mir lieber punito.

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  4. Ingeborg schreibt:

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