Tauler/Linji: Lasst alles Wissen fahren


LTUnser Herr sagte: „Eines ist not!“ Welches ist nun dieses Eine? Dieses Eine besteht darin, dass du erkennest dein Nichts, das dein Eigen ist, erkennest, was du bist und wer du aus dir selber bist. Lasst darum fahren alles, was ich selbst und alle Lehrmeister je gelehrt haben, alles, was sie über Wirksamkeit und Beschauung, über erhabene Betrachtung gesagt haben, und lernt allein dieses Eine, dass euch das werde: dann habt ihr gut gearbeitet. Meine Lieben! Wer allein dahin käme, diesen Grund der Erkenntnis seines eigenen Nichtsseins zu erreichen, der hätte den nächsten, kürzesten, den geradesten, sichersten Weg zur höchsten und tiefsten Wahrheit gefunden, die man auf Erden erreichen kann.

Schüler des Weges, ein paar Glatzköpfe graben auf der Suche nach überweltlicher Weisheit in ihrem Inneren. Das ist falsch! Wenn man Buddha sucht, verliert man Buddha. Wenn man den Weg sucht, verliert man den Weg. Wenn man den Patriarchen sucht, verliert man den Patriarchen. Tugendhafte Mönche, täuscht euch nicht! Es ist mir egal, ob ihr die Sutren und ihre Kommentare versteht. Ich bin auch nicht daran interessiert, ob ihr Könige oder Minister der Regierung seid. Es ist mir wurscht, ob ihr so fließend wie ein Wasserfall sprechen könnt und ob ihr klug seid. Ich möchte nur, dass ihr echte Einsicht gewinnt. Übende des Weges, selbst wenn ihr einhundert Sutren und Kommentare klar versteht, könnt ihr einen gewöhnlichen Menschen nicht übertreffen, der keine künstlichen Sorgen mehr kennt.

KP

Ungefähr 500 Jahre liegen zwischen Linji Yixuan und Johannes Tauler und viele Kilometer. Einig sind sie sich trotzdem in ihrer Ablehnung allen Wissens. Gestern hatte ich u.a. das Video mit Gerald Hüther reingestellt mit seiner harten Kritik am Schulsystem. Wer es noch nicht angeguckt hat, ich kann es sehr empfehlen. Auch hier geht es darum, die Unsinnigkeit der reinen Anhäufung von Wissen aufzuzeigen. Sogar der Marburger Bund, erzählt Hüther, will Medizinstudenten, die sich für das Medizinstudium eignen und nicht welche, die den Numerus Clausus erfüllen. Ich würde hier allerdings sagen, nicht für das Medizinstudium, sondern für den Beruf des Arztes eignen. Hüther weist sehr richtig darauf hin, dass unsere unsägliche Schulpolitik Folgen hat, die sich blockierend und destruktiv bis hinein in den politischen wie in den privaten Raum auswirken. Mein Elternhaus habe ich eher in Erinnerung als so eine Art Behörde. Das Wort Familie würde mir dagegen nicht unbedingt dazu einfallen. „Familie“ – Internat – „Familie“ – Internat oder Richard Kimble auf der Flucht. Hier noch einmal das Video mit dem wundervollen Gerald Hüther:


Eine Folge dieser Bildung von oben sehen wir in der Trennung des sog. säkularen und des sog. spirituellen Bereichs. Ich habe schon verschiedentlich Mails erhalten, in denen darüber geklagt wurde, dass in einem offensichtlich spirituellen Blog politische Themen oft einen breiten Raum einnehmen würden. Ich kann dazu nur sagen, dass dies kein „spiritueller“ Blog ist. Dies ist einfach mein ganz privater Blog, in dem ich mir erlaube, die unselige Trennung von säkular und spirituell zu ignorieren. Wer jetzt meint, ich sollte mir mal die Idee des Gottesstaates vor Augen halten, in der die Trennung von Kirche und Staat nicht vorkäme, dem kann ich nur sagen, dass im sog. Gottesstaat, das, was man das Spirituelle nennen könnte, überhaupt nicht vorkommen darf. Die Verfolgung der Sufis im Islam oder der Mystiker im Christentum mögen hierfür als Beispiel dienen. Ich bin sehr für die Trennung von Kirche und Staat, weil es sich hier in Wirklichkeit zweimal um Obrigkeit handelt, die sich einmal einen säkularen und einmal einen religiösen Anstrich gibt.

Worum geht es nun denen, die sich so vehement gegen die sinnlose Anhäufung von Wissen wenden? Tauler nannte es die Erkenntnis des eigenen Nichtsseins. Linji verwies in dem kleinen Text oben auf den Menschen, der keine künstlichen Sorgen mehr kennt. Künstliche Sorgen macht sich ein Mensch, der weit davon entfernt ist, das eigene Nichtssein überhaupt in Betracht zu ziehen. Noch einmal Karl Renz und seine Formulierung: „Du warst DAS, bist es und wirst es immer sein. Weil du DAS nicht nicht sein kannst.“ Das was du nicht nicht sein kannst, ist das, was Tauler Nichtssein nennt. Schon die alten Ägypter wussten um dieses „Ich war, bin und werde sein. „Eine Einsicht, zu der Einzelne zu allen Zeiten an allen Orten immer wieder gelangt sind und die fast immer durch die Herrschenden unterdrückt wurde. Diese Einsicht scheint also politisch äußerst relevant zu sein und höchst gefährlich für die jeweiligen Machthaber. Und genau deshalb muss dieser Blog mindestens so politisch wie spirituell sein.

E

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8 Antworten zu Tauler/Linji: Lasst alles Wissen fahren

  1. fredo0 schreibt:

    fein das !!!

    es gibt keinen Unterschied …
    auch keinen Unterschied im Unterschiedenen …
    nur Worte und Gedanken , die ( scheinbar bestehende ) Objekte streicheln …
    auch Politik oder Religion ist so ein ( scheinbares ) Objekt der Wortbetrachtung …

    von all den Objekten ( ohne jegliche Besonderung vor einem anderen Objekt ) ist Politik und Religion einfach gar fein geeignet für einen „gepflegten Schwatz“ mit Freunden , da ein jeder von ihnen betroffen ist … damit entsteht mit ihnen ein common sense …
    dieser Schwatz gelingt aber auch recht erfolgreich mit denen , die da anders „meinen“ …
    es ist zwar alles nur Welle auf dem Ozean … keine hat eine die andere Welle überragende Bedeutung ( als Welle ) …
    und doch …
    entlocken uns die 12 Meter Wellen im Norden von Oahu besonderes Entzücken …
    so wie uns die in der Luft liegenden massiven Veränderungen des momentanen Lebensumfelds allesamt berühren …
    Denn auch wenn wir uns ( womöglich ) gegründet sehen im Ewig-Unwandelbaren , sind wir doch gerade auch diejenigen , die dieses Ewig-Unwandelbare auch im sich ewig Wandelnden durch Teilname (Aufmerksamkeit ) würdigen können …

    Ich saß einst ( ob als Auszeichnung oder Strafe vermag ich nicht zu sagen😉 ) am Frühstückstisch von Herrn Balsekar , zusammen mit einigen , die da wohl öfters saßen …
    es war mir dann große Freude dem Schwatz in dieser Runde folgen zu können ( trotz meines poor Englisch ) …
    wer vermuten würde , es ginge um „Spirituelles“ unter den „Erwachten“ dort … der irrt … es ging um Politik , Politik ; und Sport … und durchaus engagiert … und in entspannter Runde um diverse „schmutzige Witze“ … auch unter Beteiligung der gleichfalls mitfrühstückenden Mädels … fein das … es hat mir , als damaliger Rookie des „Erwachens“ , mehr „Wahrheit“ gezeigt , als all die Erbauungen von der Kanzel der Satgesänger es je vermocht hätten … ( und es hat nicht zuletzt meine Hochachtung vor diesem kleinen bescheidenen , so wohltuend normalen , indischen Ex-Banker wachsen lassen , ihn als einen im wahrsten Sinne des Wortes höchst gewöhnlichen ( unheiligen ) Menschen zu erleben )

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  2. Susanne schreibt:

    Ich kann in den Worten von Linji und Tauler keine politische Botschaft herauslesen. Auch in anderen Texten von spirituellen Meistern (z.B. Osho) finde ich keine Hinweise darüber, dass gesellschaftliche Veränderungen, also Veränderungen im illusorischen Aussen, notwendig sind für mich. Ich lese eigentlich immer nur, das Aussen ist das Abbild meines Innen. Kann also das Aussen wirklich nicht in Ordnung sein ? Kann ich das Innen wirklich erkennen, wenn ich dabei nach Aussen blicke ?

    Liebe Grüsse
    Sanne

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    • fredo0 schreibt:

      Das innen kann nicht „erkannt“ werden , werte Susanne … einfach , weil es ein „Innen“ nicht gibt , in einem „etwas-jemand“ …
      Die Vorstellung des „Etwas-Jemand“ erschafft erst auch die Vorstellung eines Innen und Außen.
      Diese Illusion zeigt sich sowohl im womöglich „politischen“ Außen , wie auch im „spirituellen“ Innen … kein Unterschied in beidem …

      auch nicht nötig es zu verachten oder (bewusst) zu ignorieren …
      dies wäre letztlich nur eine Haltung der Lebendigkeitsvermeidung.
      „Lebendig“ ist nicht das was sein sollte ( in unserer Erwartung ) , sondern stets das , was da gerade beliebt , ins Leben (des Jetzt) zu treten .
      Damit auch alles Zerstörerische und Abstoßende.
      Denn ohne dies … letztlich … auch kein Wandel .
      “ der Mist der Gegenwart ist immer der Dünger der Zukunft “ … (schrieb mal der fredoo)
      ohne kollidierene Galaxien und explodierende SuperNovä kein Universum …

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  3. Susanne schreibt:

    „Lasst alles Wissen fahren“
    bedeutet für mich auch alles Wissen fahren zu lassen, welches ich über meine (Aussen)welt angesammelt habe. Also nicht nur jegliches spirituelles Wissen, sondern auch all mein politisches, wirtschaftliches und soziales Wissen.

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  4. Brigitte schreibt:

    Ich hab das Video von Osho eben zufällig angeklickt. Und fange an zu lachen. Es geht mir genau so wie damals in der Kirche bei einem Gottesdienst. Es war in dieser Konfirmandenzeit, wo man in die Kirche musste. Ich bekam während der Predigt einen Lachanfall und kriegte mich die ganze Zeit nicht mehr ein. Es war zu komisch. Wie konnte man das ernst nehmen. Das geht doch gar nicht. Früher als ich erstmals über Osho las, wurde ich furchtbar wütend. Ein Abgedrehter dachte ich. Und heute seh ich diesen „Typ“ und fang an zu schmunzeln. Was für ein ver-rückter Kerl. Ich hab Lust mit ihm am Meer Sandburgen zu bauen, und sie dann lachend wieder kaputt zu hauen. Wir erfreuen uns an diesem köstlichen Spiel. Dann setzen wir uns in den Sand, schauen gemeinsam aufs weite Meer und die untergehende Sonne am Horizont. Und beide sind wir ganz still, und tauchen ein in diesen Moment erhabener Schönheit und Lebendigkeit.

    Was hat das nun mit all dem angehäuften Wissen zu tun? Nichts. Alles, was ich je zu wissen glaubte, habe ich vergessen. Ich bin ein Nichtsnutz. Oder wie Böll sagen würde: „Ich bin ein Clown und sammle Augenblicke.“

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