Karl Renz: du bist das Verhaftetsein selbst


OuroborosWahrlich – du allein bist die Wahrheit.
Unveränderlich, unbewegt, eins,
der Beschaffenheit nach Freiheit.
Du kennst weder Anhaftung noch Abneigung.
Warum begehrst du trotzdem und leidest darunter?

aus: Dattatreya, „Avadhuta Gita“ [1.19]

Aus einem „Okay“ wird immer wieder ein „nicht Okay“. Damit musst du klar kommen. Selbst, wenn man es „Vorherbestimmung“ nennt, versucht man damit nur, es zu kontrollieren, denn die Freiheit und der Frieden, der sich daraus ergibt, dass man es als Vorherbestimmung auffasst, hängt von der Idee ab. Also, egal was du tust, du machst dich damit von der Idee der Vorherbestimmung abhängig. Du kannst da nicht rauskommen. Nicht möglich.

Die Nichtverhaftung haftet so sehr an der Nichtverhaftung. Wenn ich gefragt werde, was man da machen kann, sage ich: Sei völlig verhaftet mit dem, was du bist, sei dieses absolute Sein. Denn du kannst nicht nicht verhaftet sein mit dem, was du bist, weil du das Verhaftetsein selbst bist. Du kannst nicht hinter dir lassen, was du bist.

In vollkommener Identifikation gibt es nur noch DAS, wo weder Verbundenheit noch Getrenntheit sein können. Die absolute Identifikation – dass du DAS bist – kann nicht gemacht werden – noch kann sie kommen. Du wirst nicht durch irgendwelches Verstehen zu DEM, nicht indem du wählst und nicht durch irgendeine Erfahrung. Du warst DAS, bist es und wirst es immer sein. Weil du DAS nicht nicht sein kannst. Das ist alles. Also sei ES!

aus: Karl Renz, „Eight Days in Tiruvannamalai“

Mir sagt die Übersetzung von Wolfgang Schöllhorn mehr zu und scheint passender zu sein zum Text von Karl Renz:

D

Wahrlich, du allein bist die Wirklichkeit,
frei von Veränderung,
unbewegt das Eine im Zustand völliger Freiheit.
Anhaftung und Loslösung betreffen dich nicht.
Warum schaffst du dir Sorgen mit deinen Begierden?

„Anhaftung und Loslösung betreffen dich nicht“ klingt für mich verständlicher als „Du kennst weder Anhaftung noch Abneigung.“ Abgesehen davon, dass Loslösung und Abneigung nun wirklich nicht dasselbe sind, scheinen mir in der ersten Version das Vorhandensein von Anhaftung und Loslösung gewissermaßen „erlaubt“ zu sein, während sie in der zweiten Version völlig unbekannt zu sein scheinen. Dies kann dann leicht so verstanden werden, dass Anhaftung etwas ist, das man baldmöglichst eliminieren sollte.

Karl Renz sagt: „Du kannst nicht nicht verhaftet sein mit dem, was du bist, weil du das Verhaftetsein selbst bist. Du kannst nicht hinter dir lassen, was du bist.“ Was du bist? Wieso was du bist? Wieso bin ich das Verhaftetsein? Hat nicht Gautama Buddha gesagt, dass alles Leiden vom Verhaftetsein herkäme? Da müsste mir jetzt ein Buddhist beispringen: Hat denn Buddha je Leidfreiheit versprochen, wenn man seine Anhaftungssucht in den Griff bekäme? Oder war das einfach eine simple Feststellung: „Anhaftung bedeutet Leiden. Aber niemand ist ohne Anhaftung. In den Griff bekommen, ist auch Anhaftung.“

Wir wollen ja bloß die dämliche Leiderei loswerden. Also nehmen wir den heiligen Kampf gegen die Anhaftung auf. Was für ein Witz! Ganz oben seht ihr den berühmten Ouroboros. Da führt doch tatsächlich direkt vor seiner Nase die Anhaftung einen verführerischen Tanz auf. Aber der Ouroboros wandelt auf dem Pfad der Tugend und lässt sich nicht verführen. Also beißt er zu und versucht, die Anhaftung auf diese Weise tot zu kriegen. „Au!“ schreit er alsbald! Er hat vergessen, dass der Schwanz sein Schwanz ist und hat sich selbst gebissen.

Karl: „Die absolute Identifikation – dass du DAS bist – kann nicht gemacht werden – noch kann sie kommen. Du wirst nicht durch irgendwelches Verstehen zu DEM, nicht indem du wählst und nicht durch irgendeine Erfahrung. Du warst DAS, bist es und wirst es immer sein. Weil du DAS nicht nicht sein kannst. Das ist alles. Also sei ES!“ Lass deine albernen Versuche, irgendetwas nicht sein zu wollen! Aber auch diese albernen Versuche sind DAS! Also wer das nicht witzig findet, der hat einfach keinen Humor. Aber auch das ist DAS!

H

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8 Antworten zu Karl Renz: du bist das Verhaftetsein selbst

  1. Elwood schreibt:

    „Warum schaffst du dir Sorgen mit deinen Begierden?“

    klingt für mich auch versöhnlicher als „Warum begehrst du trotzdem und leidest darunter?“
    Hat mehr fragendes beobachten, weniger verbotenes: Siehe die Erwartungen erschaffen erst die Sorgen, sind aber auch Teil des Spiels.
    „Warum begehrst du trotzdem und leidest darunter?“, erzeugt in mir Wiederstand, „Du depperter Depp Du, Du erzeugst Dein eigenes Leiden, das darf nicht sein.“

    Aber Depp Sein ist auch nicht schlimm, ist meine Erfahrung. Kann eine große Erleichterung sein.

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  2. Marianne schreibt:

    Ich empfinde das Wort „Identifikation“ in diesem Zusammenhang irreführend: SICH mit ETWAS identifizieren führt nicht heraus aus der dualen Denke … „Hingabe“ gefällt mir persönlich da besser. Und … Hingabe geschieht, wenn sie geschieht …

    Das Konzept des Nicht-Anhaftens und die „4 edlen Wahrheiten“ des Buddha beschäftigen sich mit der Überwindung des Leids durch „De-Konstruktion“, wie man heute vielleicht sagen würde, das sind keine Aussagen über das Absolute, sondern über die Mechanismen unbewusster Identifikationen und deren Auflösung … In dem Zusammenhang empfinde ich sie als nützliche und stimmige Konzepte.

    Leute damit zu konfrontieren, wie „blöd“ sie sind, scheint mir pädagogisch nicht besonders klug …
    https://satyamnitya.wordpress.com/2016/01/21/wie-bloed-du-bist/

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  3. Nitya schreibt:

    Also da muss ich jetzt auch noch meinen Senf dazu geben. Ich bin ein bekennender Depp. Ikkyu ein bekennder blinder Esel. Und wenn ich mein Gedächtnis jetzt sehr abquälen würde, fallen mir bestimmt noch ein paar Idioten ein. Was habt ihr bloß dagegen, ein depperter Depp zu sein? Das seid ihr ohnehin allesamt. Und wer glaubt, das nicht zu sein, der … der … das sag ich jetzt lieber nicht, was das für einer ist.

    Guckt euch mal diesen depperten Gautama Buddha an! Jahrelang hat er sich mit jedem Scheiß abgequält und wollte unbedingt irgendwas erreichen. Und dann kapierte er, was für ein depperter Depp er war und konnte sich endlich entspannen.

    Und wenn Dattatreya fragt: „Warum begehrst du trotzdem und leidest darunter?“ bzw. „Warum schaffst du dir Sorgen mit deinen Begierden?“, dann vermute ich mal, weiß er, wovon er spricht und war wahrscheinlich genauso ein depperter Depp wie Buddha und der Rest der Menschheit.

    Und pädagogisch …? Wer will denn pädagisch sein? Wer will denn wen manipulieren und disziplinieren und nach seinem Bilde formen? Sind wir Gott, der all diese Verbrechen begangen haben soll?

    „Ich will so bleiben, wie ich bin! – Du darfst!“ Und was bin ich? Ein depperter Depp. Und wenn ich erkannt habe, dass ich ein depperter Depp bin, bin ich immer noch ein depperter Depp. Ein depperter Depp, der weiß, dass er ein depperter Depp ist.

    Na und?

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    • fredo0 schreibt:

      me too !
      I am a Depp … what else ?
      was blieb ? …. tja …. letztlich nur die totale Deppness …

      „Es ist so schön ein Depp zu sein. Nix muss mehr anders sein …“😀

      Selbst wenn da ab und an ein Anflug von Klugscheißeritis auftaucht …. es geht vorbei …
      und es bleibt … ein Depp … mir gut vertraut … mitlerweile ….

      Es wäre ein Fehler zu glauben , dass mir diese gelegentlich formulierten „Klugheiten“ quasi rund um die Uhr zur Verfügung stünden.
      Im stinknormalen Alltag ist da in Selbstbetrachtung nur noch höchst simple denkerische „Fähigkeit“ verortbar. Manchmal dünkt es mir fast in Richtung beginnende Senilität.
      Ein simple Fähigkeit , die mit depperter Deppness gar vortrefflich formuliert ist.

      Erst wenn ein Konfrontation mit einem Thema stattfindet , wie zum Beispiel hier in Nityas Blog , beginnt manchmal eine „innere Anlehnung“ ( ich nenne es reichlich pompös die aktivierte Nabelschnur zum Eigentlichen ) und Worte entfließen . ( und manchmal bleibts auch bei der rein staunenden Deppness )
      Ich , als erster Leser , bzw. Zuhörer , bin dann selbst oft genug erstaunt , was es da so wortet aus diesem AlltagsDepp …

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    • Elwood schreibt:

      mene „weise“ depperte Frou sacht immmer: “ Es gibt die, die es machen und die, die es mit sich machen lassen.“
      Wenn ich in mich schaue, sehe ich beide in mir. So kann von außen mich keiner zum Deppen machen. Diesen Glauben schleppe ich nur seit meinen Trotzalter mit mir rum. Ich bin schon immer ein Depp und dat bleibt och so. Die große Erleichterung ist, dass das auf alle zutrifft, ob man es weiß oder nicht.

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    • Marianne schreibt:

      Ich bin ein Depp …
      Ich bin kein Depp …
      Ich bin sowohl ein Depp als auch kein Depp …
      Ich bin weder ein Depp noch kein Depp…

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  4. Stille schreibt:

    Nichts ist wirklicher,als die Wirklichkeit!:-))

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