Alan Watts: ein Organismus-Umgebung-Verhältnis


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Es gibt [im Falle fortgeschrittener Einsicht] keinen separaten Verstand, der daneben steht und zusieht. Das Individuum fühlt sich nicht länger von seinen Sinneswahrnehmungen der Außenwelt wegedrängt, wie es auch nicht länger ein von seinen Gedanken weggedrängter Denker ist. Folglich erlebt es sich als identisch mit dem, was es sieht und hört, sodass sein subjektiver Eindruck mit der physikalischen Tatsache in Übereinstimmung kommt, dass der Mensch in erster Linie nicht ein Organismus in einer Umgebung ist, sondern ein Organismus-Umgebung-Verhältnis darstellt. Das Verhältnis ist gewissermaßen wirklicher als seine zwei Bezeichnungen, etwa wie die innere Einheit eines Stockes solider ist als die Differenz zwischen seinen beiden Enden.

Der Mensch, der sich diese Einheit vergegenwärtigt, ist nicht länger eine Falle, aufgestellt, um sich selbst zu fangen. Denn Selbstbewusstsein ist nicht länger ein Seinszustand mit zwei Seelen, welcher, zufällig genug, auch ein Zustand von Unentschlossenheit, Bibbern und psychischer Lähmung bedeutet. Zu so etwas kann Selbstbewusstsein werden, wenn wir versuchen, es dualistisch zu behandeln, wenn wir die Konventionen von Denken und Sprechen als wirklich nehmen, welche das „Ich“ vom „Selbst“ trennen, wie auch die Seele vom Körper, den Geist von der Materie, den Wissenden vom Gewussten. Voneinander getrennt ist das Selbst, das ich kenne, niemals das, welches ich kennen sollte, und das Selbst, das ich kontrolliere, niemals das, welches ich kontrollieren sollte. Im politischen Bereich manifestiert sich dieser Dualismus in der Trennung von Regierung oder Staat vom Volk, ein Phänomen, das sogar in Demokratien, in angeblich sich selbst regierenden Gemeinschaften, auftritt. Regierungen und Staaten müssen aber existieren, wenn die Menschen kein Gefühl mehr haben für die Solidarität mit anderen, wenn die menschliche Gemeinschaft nichts weiter ist als ein abstrakter Begriff für ein Kollektiv von Individuen – eines vom anderen getrennt, weil jedes von sich selbst getrennt ist.

aus: Alan Watts, „Dies ist ES“

AW

Das ist ein gutes Beispiel: „Im politischen Bereich manifestiert sich dieser Dualismus in der Trennung von Regierung oder Staat vom Volk.“ Wir da unten und die da oben. Alan Watts sagt: Das Verhältnis ist gewissermaßen wirklicher als seine zwei Bezeichnungen, etwa wie die innere Einheit eines Stockes solider ist als die Differenz zwischen seinen beiden Enden. Die Einheit zwischen Volk und Staat ist solider als die Differenz zwischen ihnen.

Und dann sagt er noch etwas sehr Bemerkenswertes: „Regierungen und Staaten müssen aber existieren, wenn die Menschen kein Gefühl mehr haben für die Solidarität mit anderen, wenn die menschliche Gemeinschaft nichts weiter ist als ein abstrakter Begriff für ein Kollektiv von Individuen – eines vom anderen getrennt, weil jedes von sich selbst getrennt ist.“

So, jetzt hat er es uns aber ganz dick aufs Butterbrot geschmiert. Wir sind verantwortlich dafür, dass Regierungen und Staaten überhaupt existieren müssen (!). Das erinnert sehr an das was Gandhi gesagt hat: „Wenn einmal das Leben der Menschen so vollkommen sein wird, dass es sich von selbst regeln wird, sind keine Repräsentanten mehr nötig. Wir werden dann eine aufgeklärte Anarchie haben. In einem solchen Staat wird jeder sein eigener Herrscher sein. Jeder wird sich dann so regieren, dass er seinen Nachbarn nie im Wege steht. Im idealen Staat wird also keine politische Macht vorhanden sein, weil überhaupt kein Staat mehr besteht.“

Anstatt also dafür zu sorgen, dass diese unselige Spaltung in uns endlich zu einem Ende kommt, indem sie von uns bewusst und vollständig angenommen wird, schimpfen wir lieber auf die Merkel und den Gauck und den Obama und vorsichtshalber schon mal auf die Clinton und den Trump und den und die … und sorgen so mit dafür, dass uns diese unselige Spaltung zwischen den Mächtigen und den Ohnmächtigen, den Reichen und den Armen bis in alle Ewigkeit erhalten bleibt. Wie heißt es so schön: „Anstatt über die Dunkelheit zu schimpfen, zünde ein Licht an!“ Das Licht der Bewusstheit bezüglich eines geradezu suchthaften Spaltens in ich und du und Müllers Kuh hilft vielleicht dabei zu sehen, dass sie alle in uns selbst sind – die da oben, die wir so verabscheuen. Und dies wiederum mag dabei dienlich sein, den anderen Aufruf Gandhis zu leben: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht von der Welt!“ Von „denen da oben“ und überhaupt von „den anderen“. Wir stellen ein Organismus-Umgebung-Verhältnis dar, sagt Alan Watts, und nicht einen von seiner Umgebung getrennten Organismus.

A

Kaum habe ich meine hartnäckige Erkältung hinter mir gelassen, hab ich mir gestern Abend einen Kreuzbandriss (Eigendiagnose) im rechten Knie angelacht. Einfach so beim Gehen in die Küche. Langsam geh ich völlig aus dem Leim. Ich bin mein Kreuzbandriss. Bin ich mein Kreuzbandriss? Ich bin der Schmerz. Bin ich der Schmerz? Ja, nein, jein, neti-neti. Halleluja!

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Eine Antwort zu Alan Watts: ein Organismus-Umgebung-Verhältnis

  1. doro schreibt:

    Das Verhältnis ist gewissermaßen wirklicher als seine zwei Bezeichnungen

    Die Umgebung ist nicht existent, ich bin nicht existent. Die „Wahrheit“ entsteht eher aus der Kombination. Erst, wenn zweimal Nichts zusammen kommt, entsteht eine Spur Wirklichkeit. Da schlägt mein armes Geistchen Purzelbäume. Und das erinnert mich sehr an Urknall.
    Oh je, lieber Nitya, vielleicht solltest Du mit Deinem Knie lieber zum Arzt humpeln? Ich hoffe, damit Du nicht mehr nur Schmerz bist. Ich wünsche herzlichst gute Besserung!

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