Ikkyû Sôjun: zu Rinzais „Vier Ansichten“

 

 MWer von Rinzais Schülern
Schert sich
Um die Wahre Überlieferung?
In ihren Schulen
Ist kein Obdach
Für den blinden Esel,
Der unterwegs
Mit Stab und Strohsandalen
Wahrheit findet.
Hier übt man Zen auf sicherem Boden,
Bequem zurückgelehnt,
Für eigenen Gewinn.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

tetra-klein

Die vier Ansichten der Wirklichkeit von Rinzai alias Linji sind uns wohlvertraut:

  1. Der Mensch (Subjektivität) ist vergänglich, die Welt (Objektivität) ist nicht vergänglich.
  2. Der Mensch ist nicht vergänglich, die Welt ist vergänglich.
  3. Mensch und Welt sind vergänglich.
  4. Weder Mensch noch Welt sind vergänglich.

Rinzai (Linji) sagte:

Manchmal nehme ich den Menschen weg, aber nicht die Umgebung.
Manchmal nehme ich die Umgebung weg, aber nicht den Menschen.
Manchmal nehme ich den Menschen weg und auch die Umgebung.
Manchmal nehme ich weder den Menschen weg noch die Umgebung.

Diese wohl von Nagarjuna stammenden Hinweise waren für Ikkyû so wichtig, dass er sie Rinzais Überlieferung nennt und sich in mehreren Gedichten auf sie bezieht. Eines davon steht oben.

Brigitte hat das kürzlich total auf den Punkt gebracht: „Alles was ich ausprobiert habe, dem [‚komischen Gefühl‘ der Unstimmigkeit] zu entkommen, zu verdrängen, zu kompensieren oder sonst wie aus der Welt zu schaffen, war ein Scheitern auf ganzer Linie.“ In Rinzais Schulen tummelten sich offensichtlich Massen von Schülern, die sich irgendetwas davon erhofften, wenn sie mit einem Abschlusszeugnis wieder gehen konnten, um dann vielleicht eine eigene Schule gründen zu können. „In ihren Schulen ist kein Obdach für den blinden Esel.“ Das, was Brigitte da von sich erzählt hat, bedeutet im Grunde Obdachlosigkeit. Obdach gibt es nur für die, die Konsonanz suchen, die irgendwo ankommen wollen, wo es so richtig gemütlich und mauschelig ist. Und wenn Osho von der Heimat in der Heimatlosigkeit spricht, dann meint er genau dieses Fehlen des Mauscheligen. Der blinde Esel findet unterwegs mit Stab und Strohsandalen Wahrheit. Nicht irgendeine Wahrheit, sondern nur Wahrheit. Wahrheit, wohin das Auge blicket. Wahrheit, nicht Glück, wie das kürzlich Durgesh Kaliananda anzubieten schien.

Im Mauscheligen übt man Zen auf sicherem Boden, bequem zurückgelehnt,
für eigenen Gewinn. Zum Beispiel für Glück. Oder ein gutes Karma. Oder wenigstens ein bisschen Bedeutung. Ikkyû scheißt auf jeden Gewinn. Er ist ein Getriebener, so wie sein Rinzai ein Getriebener war. Niemandes Verdienst, niemandes Versagen.

B

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6 Antworten zu Ikkyû Sôjun: zu Rinzais „Vier Ansichten“

  1. Savitri schreibt:

    noch eine interessante Ansicht hier:

    Gefällt mir

  2. Eno Silla schreibt:

    lebendigkeit

    ich bin
    da
    das pralle leben
    mit lachen und klagen
    nur vorstellungen wollen
    es anders

    ich bin
    da
    unausweichbar
    genau so wie
    ich bin sein
    ist

    Gefällt mir

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