Linji: Meine Aussagen haben keine Grundlage.


LWas hetzt ihr herum und jault wie ein blinder Schakal, wenn ihr doch Löwen seid? Schüler, ihr atmet nicht entschlossen genug aus! Ihr sucht ständig nach etwas im Äußeren und vertraut nicht dem, was ihr bereits seid. Ihr zitiert verbrauchte Aussprüche der Altehrwürdigen, ihr lehnt euch ans Yin und hängt am Yang und seid unfähig, irgendetwas selbst zu erreichen. Wenn ihr auf Umstände trefft, dann haltet ihr daran fest. Trefft ihr auf Staub, dann bleibt ihr daran haften. Ihr habt kein Maß zum Beurteilen, weil ihr von Zweifeln angefüllt seid.

Schüler des Weges, nehmt die Lehre dieses Bergmönches nicht einfach an. Warum nicht? Meine Aussagen haben keine Grundlage. Sie sind wie Bilder, die nur vorübergehend auf den leeren Himmel gemalt sind. Sie sind wie gezeichnete Figuren.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

S„Ihr sucht ständig nach etwas im Äußeren und vertraut nicht dem, was ihr bereits seid.“ Na, was seid ihr denn? Etwa Löwen, wie Linji sagt? Nein, ihr seid blinde Schakale, solange ihr nicht dem vertraut, was ihr bereits seid, was ihr immer schon wart, bevor ihr überhaupt in der Lage gewesen seid, entschlossen oder unentschlossen ein- oder auszuatmen! Stattdessen glaubt ihr allen möglichen Meinungen von euch oder anderen, allen möglichen Vorstellungen oder Gefühlen und glaubt, damit besonders authentisch zu sein. Da weiß man, was man hat!

„Schüler des Weges, nehmt die Lehre dieses Bergmönches nicht einfach an. Warum nicht? Meine Aussagen haben keine Grundlage. Sie sind wie Bilder, die nur vorübergehend auf den leeren Himmel gemalt sind. Sie sind wie gezeichnete Figuren.“ Nicht nur die Lehre dieses Bergmönches, sondern jede Lehre und ganz besonders die, die eurer tiefsten Überzeugung nach die reine Wahrheit ist. Was immer ihr wahrnehmt, ist es nicht. Denkt nur an so ein harmloses Beispiel wie das der optischen Täuschungen. Viel mehr getäuscht werdet ihr noch durch eure eigenen Meinungen. Euren Meinungen kommt ihr übrigens leicht auf die Schliche: Sie existieren immer da, wo ihr meint, dafür oder dagegen zu sein. Und den Beweis für die Richtigkeit der eigenen Meinung sucht ihr nur allzu gern, wenn nicht in eurer Logik, so doch in eurer Wahrnehmung.


„Meine Aussagen haben keine Grundlagen.“ Was für ein Geschenk ist dieser Satz! Da gibt es nichts, worauf ihr euch berufen könntet! Und was für Linji gilt, gilt selbstverständlich auch für die „verbrauchten Aussprüche der Altehrwürdigen“ und, man höre und staune, auch für die verbrauchten Ausspüche von euch und von mir. Und dann bringt Linji diesen geradezu poetischen Vergleich: „Sie sind wie Bilder, die nur vorübergehend auf den leeren Himmel gemalt sind.“ Oder wie ein Zeichen im Sand am Meeresstrand, das von der nächsten Welle wieder weggespült wird. Nichts zum Festhalten.

Und was bleibt? Vertraut dem, was ihr bereits seid.

NNisargadatta: Als ich meinen Guru traf, sagte er zu mir: „Du bist nicht das, wofür du dich hältst. Finde heraus, was du bist. Beobachte das Gefühl ‚Ich bin‘, finde dein wahres Selbst.“ Ich befolgte seine Worte. Ich verbrachte meine ganze freie Zeit damit, mich in Stille zu beobachten – was für ein Unterschied und so schnell! Ich brauchte nur drei Jahre, um meine wahre Natur zu erkennen.

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6 Antworten zu Linji: Meine Aussagen haben keine Grundlage.

  1. Eno Silla schreibt:

    Was bin ich denn bereits?

    Dieser Mann sagt: „Ich bin Muslim.“:

    Ich bin.

    Sonst nix!
    (alles andere ist viel zu anstrengend! habs ausprobiert.🙂 )

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    • fredo0 schreibt:

      und selbst dieses „ich bin“ …..
      ist es nicht eine Art letzter Rettungsanker ?

      müsste es doch möglicherweise so formuliert werden :
      „ichBIN ! ja schion … : das „BIN“ als BIN jedoch von einem „ich“ vermutet , da es dieses BIN nicht in Frage zu stellen vermag“ .
      denn welche Wahrheit hätte selbst dieses BIN , außer das sie nicht in Frage gestellt werden kann …
      selbst da also , nur indirekt …
      keine Wahrheit als Wahrheit … nur Hinweis … im Unergründlichen …
      und doch mögliche Heimat … eine Heimat im Undefinierbaren … wenn einfach nichts anderes ersehnt werden kann … „Wahrheit“ jedoch nur ( indirekt) im Ausgeschlossenen

      Und doch … eingekuschelt im Undeutbaren lässt es sich gar fein atmen … einatmen … ausatmen … was gäbe es mehr zu feiern … werter Wandergenosse …🙂

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Fredo,

        jedes Wort ein Anker (das Wort Rettung lass ich mal weg), oder nur ein kleiner Angelhaken, ausgeworfen ins Nichts der erscheinenden Welt.
        Trifft es auf einen Wandergenossen (sehr schönes Wort!) langt es vielleicht für ein anregendes Pläuschen im Vorübergehen. Das macht sie doch so wertvoll, diese für sich genommen bedeutungsleeren Worte, für diese flüchtigen Begegnungen, die über ein Du ein Ich erschaffen und Wahrheit und (Un)Sinn, in diesem mysteriösen Lebensspiel SEIN…
        Einatmen und ausatmen und über einen guten Witz lachen – ein glückliches Leben!
        Das feiere ich sehr gern mit Dir!

        Liebe Grüße

        Eno

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  2. chantaltalia schreibt:

    Lüsterw._50p.JPG
    “Sie sind wie Bilder, die nur vorübergehend auf den leeren Himmel gemalt sind.”
    Gerade mal so gesehen. Weiss aber nicht, ob es auch hier erscheint.🙂

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  3. chantaltalia schreibt:

    Oh, leider nicht!!!
    Dann ist es halt leeres Bild. Passt ja auch irgendwie.

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