Jed McKenna: die hohe Kunst des Nicht-Findens


1Spirituelle Konsonanz ist es, wonach alle Sucher suchen, ein Ende des Unbehagens, nicht der Täuschung. Doch die Konsonanz, nach der sie suchen lässt, lässt sich nur in tiefer Bewusstlosigkeit finden, für die ein Schwinden der Dissonanz Voraussetzung ist. Es gibt so etwas wie echte Spirituelle Dissonanz, ein integrierter, natürlicher und überaus erstrebenswerter Zustand, doch Besinnlichkeit und stille Heiterkeit hat noch nie jemanden dorthin gebracht und wird es auch nie tun.

Wie ist es möglich, dass nur wenige in der Lage sind, das einzige zu finden, das nie verloren gehen kann? Es ist nicht einfach. Es fordert alles von uns, was wir haben, doch es ist das eine, worin sich der Mensch wirklich hervortut. Wir sind nicht so tapfer oder couragiert, wie wir gerne glauben, wir sind intellektuell nicht so gut bestückt, wie unsere Eitelkeit es uns glauben machen will, und gemäß unserer eigenen moralischen Einschätzung sind wir die niedrigsten aller Kreaturen. Doch es gibt eine Sache, die wir alle außergewöhnlich gut hinkriegen, und erst, wenn du ihrer ledig geworden bist, kannst du zurückblicken und erkennen, welch ein Wunder der Bewusstseins-Ingenieurwissenschaft die Selbsttäuschung wirklich ist.

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“


Sucher suchen das Ende des Unbehagens, nicht das Ende der Täuschung, sagt Jed McKenna. Wäre es anders, wären sie mehr an Dissonanz als an Konsonanz interessiert. Spirituelle Dissonanz bedeutet dieses „komische Gefühl“, dass da was nicht stimmen kann zwischen den liebgewordenen Annahmen und Gewohnheiten und dem Gefühl für die Stimmigkeit des Augenblicks. Stellen wir uns vor, wir lieben gegrillte Hähnchen und eine Flasche Rotwein und jemand zeigt uns, wo unsere Hähnchen herkommen. Wir wollten das bisher nicht so genau wissen, aber jetzt ist da mehr als ein komisches Gefühl, es ist ein Schock beim Anblick dieser furchtbaren Zustände. Vielleicht gelingt uns das sogar wieder weg zuschieben. Ein komisches Gefühl wird bleiben, selbst wenn wir den Rotwein vor dem Verzehr des Hähnchens runterkippen. Aber wer will schon mit dieser Dissonanz leben? Da macht ja die ganze Hähnchenfresserei keinen Spaß mehr. Also ab mit dem doofen Gefühl ins Unbewusste!

Darin, so Jed McKenna, sind wir nun wahre Meister, einzigartig unter der Sonne. Kein Tier macht uns dieses Kunststück nach. Aber wir zahlen einen hohen Preis für diese Kunst. Aufmerksam auf diesen Preis macht uns nur das, was Jed McKenna die Wahrnehmung der spirituellen Dissonanz nennt. Nun hängt alles davon ab, ob wir diese wahrnehmen wollen oder nicht. Wollen wir nicht, kann uns kein Gott und kein Engel und kein Guru und kein Buch und überhaupt rein gar nichts helfen. Mit „Wollen“ ist übrigens nicht ein persönliches Wollen gemeint, wie schon Arthur Schopenhauer wusste: „Der Mensch kann zwar tun was er will, aber er kann nicht wollen, was er will.“ Und für das, was Parabrahman genannt wird, macht dies auch keinerlei Unterschied. Das sog. Individuum allerdings hat den vollen Preis zu zahlen, ob das als gerecht empfunden wird oder als hundsgemein. Ob das ein Trost ist, wenn das Individuum zu wissen glaubt: „So oder so – ich kann nix dafür und wasche meine Hände in Unschuld?“ Aber ob das nun ein Trost ist oder nicht, den Preis muss das Individuum in jedem Fall zahlen.

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5 Antworten zu Jed McKenna: die hohe Kunst des Nicht-Findens

  1. Eno Silla schreibt:

    Ich bin nicht so tapfer und couragiert, wie ich gerne glauben möchte und intellektuell auch nicht so gut bestückt, wie es meine Eitelkeit mich glauben machen will. Das was nie verloren gehen kann zu finden, ist wohl deshalb so schwierig, weil es mir nichts gibt. Es ist ja schon immer was es ist. Ich möchte es aber irgendwo festmachen und begreifen, wie einen Schatz hüten. Ich suche aus dem Unbehagen zu entkommen, dass da keine Wahrheit ist, die ewig gültig alles überstrahlend mich in ewiger Glückseligkeit umfängt. Selbst Nicht-Finden ist es nicht. Der Dissonanz zu entkommen gelingt nicht. Kein Halt, der Fall endet nie, oder… Dissonanz ein erstrebenswerter Zustand? Darüber muss ich nachdenken, bzw. in mir hin und her bewegen – wunderbar (zum Glück gibt es Selbstäuschung), da hab ich ja wieder was zu tun!

    Hier noch etwas harmonisches Behagen:

    Ach ist das schön, wir Menschen sind zu soviel Großartigem fähig…
    Ist der Preis dafür all das Schreckliche, Krieg und Zerstörung…
    Immer alles?

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  2. Elwood schreibt:

    Ja.. ne, was will ich denn überhaupt?
    Was will ich nicht?
    Will ich denn überhaupt wissen?
    Wissen, dass meine Welt nur in meinem Kopf konstruiert ist?
    Was weiß ich dann überhaupt? –noch?- hab ich je gewußt?
    Was bleibt dann von meiner Besonderheit?
    Von meiner Intellejens hinter meinen Konstrukten?
    Was wird/ist dann mit meinen Unterscheidungen?
    Wer/Was bin ich dann?
    Kann ich bitteschön wieder zurück zu meinem Standpunkt?
    Aber dann bin ich ja auch nur so ein besonderLoser Wegschieber….
    Vielleicht versuch ich es mal mit Glauben…
    Oh Gott, ich glaub das wird nichts…
    Ach hätt ich doch nie angefangen – wissen zu wollen…
    Kann doch eh nichts wissen….
    Ach, was weiß ich…..
    Autsch……

    http://helsinki.at/projekte/wissen/image

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  3. Brigitte schreibt:

    „Sucher suchen das Ende des Unbehagens, nicht das Ende der Täuschung, sagt Jed McKenna. Wäre es anders, wären sie mehr an Dissonanz als an Konsonanz interessiert. Spirituelle Dissonanz bedeutet dieses “komische Gefühl”, dass da was nicht stimmen kann zwischen den liebgewordenen Annahmen und Gewohnheiten und dem Gefühl für die Stimmigkeit des Augenblicks.“

    Klar auf den Punkt gebracht. Aus meiner Sicht kann ich dem nur zustimmen.

    Dieses „komische Gefühl“ der Unstimmigkeit hat sich bei mir schon recht früh im Leben gezeigt. Es war wie ein ständiges Hintergrundrauschen oder wie ein unsichtbarer Graben, in den man jederzeit hineinfallen kann. Alles was ich ausprobiert habe, dem zu entkommen, zu verdrängen, zu kompensieren oder sonst wie aus der Welt zu schaffen, war ein Scheitern auf ganzer Linie. Ich konnte nichts dagegen tun. Irgendwann bricht es auf wie eine eitrige Wunde und ist nicht mehr zu leugnen. Deshalb kann ich nur dazu ermutigen, diesem latent wirkenden Unbehagen keinesfalls auszuweichen, sondern auf den Grund zu gehen.

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    • Nitya schreibt:

      „Deshalb kann ich nur dazu ermutigen, diesem latent wirkenden Unbehagen keinesfalls auszuweichen, sondern auf den Grund zu gehen.“

      Ich fürchte, da hilft auch keine Emutigung. Es ist genau, wie du schreibst: „Alles was ich ausprobiert habe, dem zu entkommen, zu verdrängen, zu kompensieren oder sonst wie aus der Welt zu schaffen, war ein Scheitern auf ganzer Linie.“ Keine Wahl. Es geschieht oder es geschieht nicht.

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