Willy Brandt: Wir wollen mehr Demokratie wagen.

W
Am Montag erschien in „Kulturzeit“ auf 3sat ein Beitrag zur Geopolitik. Dabei wurde Bezug genommen auf den amerikanischen Marineoffizier Alfred Thayer Mahan, der im 19. Jhd. die grandiose Idee hatte, dass man die See beherrschen müsse, wenn man die globale Macht erringen bzw. behalten wolle. Die Idee war schon damals nicht ganz neu und auch nicht besonders genial. Sie liegt gewissermaßen für jeden machtgeilen Idioten auf der Hand. Und wenn Lord Acton den Satz prägte: „Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut.“, dann kann ich nur sagen, dass derjenige, der Macht um der Macht willen erringen will, bereits in irgendeiner Weise eine Klatsche haben muss. Korrupt zu sein, ist dann nur noch ein Mittel der Wahl. Andere Mittel könnten sein: Gewalt, Verleumdung, Manipulation, Bestechung, Versklavung, Drohungen, Folter und was es sonst noch für niedliche Mittelchen gibt.

Natürlich musste ich an Egon Bahr denken und seinen Ausspruch: „In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.“ Ob das nur in der internationalen Politik so ist, will ich mal dahingestellt sein lassen. Ich unterstelle Egon Bahr, diesem engen Weggefährten von Willy Brandt, nicht, dass er hier ein Loblied auf die herrschenden Verhältnisse singen wollte. Er wollte nur auf den bedauerlichen IST-Zustand der Welt aufmerksam machen. In seiner Regierungserklärung am 28.10.1969 sagte Willy Brandt den berühmten Satz: „Wir wollen mehr Demokratie wagen.“ 24 Jahre nach Kriegsende und CDU/CSU-geprägter Bundespolitik ein geradezu unerhörter Satz. Ein Fenster wurde aufgestoßen und frische Frühlingsluft hereingelassen. Mehr Demokratie wagen, hieß für uns seinerzeit, dass es nicht mehr in erster Linie um Macht und Machterhalt gehen sollte, sondern um die Menschen und ihre Anliegen.

NDas alte Denken leistete seinerzeit heftigen Widerstand. Rainer Barzel scheiterte zwar mit seinem Misstrauensvotum und auch mit seinem Versuch danach, die Wahlen zu gewinnen. Aber der Widerstand endete nicht mit dem Sieg von Willy Brandt. Und wenn wir uns die politische Landschaft heute anschauen, dann scheint es so, als würden die alten Mächte wie eh und je fröhliche Urständ feiern. Allerdings hat sich die Welt weiterverändert. Sie steuert immer mehr auf einen Zustand zu, der das Leben auf diesem Planeten für alle seine Bewohner zu Wasser, zu Lande und in der Luft immer schwieriger macht. Wir sind mehr denn je dabei, den Ast abzusägen, auf dem wir alle sitzen. Wir alle, ob angebliche Täter oder angebliche Opfer.

Wir wollen mehr Demokratie wagen. Willy Brandt meinte damit vermutlich weniger, dass man dem dummen Volk ein paar mehr Freiheiten einräumen sollte, sondern, dass die Menschen sich zunehmend verantwortlich fühlen sollten für sich selbst und die Welt, in der sie lebten. Veränderung muss an der Basis geschehen. Jede Hoffnung, dass sie von oben her herabgesandt wird, ist eine absolute Illusion. Man sagt, der Fisch stinke immer vom Kopf her. Wie wär’s denn, wenn auch das Gegenteil wahr wäre? Wenn es auch an der Basis immer nur um mehr Macht und mehr Besitz ginge? Wenn nicht nur „die da oben“ den Zustand der Welt zu verantworten hätten, sondern eben auch die, die sich so gerne „wir sind das Volk“ nennen. Vielleicht läuft es ja wirklich nur auf diesen Gandhi-Satz hinaus: „Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünscht für diese Welt!“ Für diese Welt, für die da oben und alle anderen. Leider scheint für viele das Spiel so zu laufen, dass sich gefälligst alle anderen ändern sollen – außer sie selbst. Das ist einfach infantil und es sieht so aus, als müssten die Menschen in ihrer Gesamtheit endlich diesen Sprung machen, erwachsen zu werden, oder sie werden bald überhaupt nichts mehr zu machen haben.

A
Alfred Thayer Mahan,
„der Clausewitz der See“
Da kann er sich was drauf einbilden.

Wartet nicht darauf,
dass Bernie Sanders es schafft.

 

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6 Antworten zu Willy Brandt: Wir wollen mehr Demokratie wagen.

  1. Eno Silla schreibt:

    Ich habe bereits gestern und heute auch wieder im Radio eine kleine Meldung gehört. Sehr kurz wurde darüber berichtet, dass Präsident Obama einen bestimmten Etat aufstocken läßt, der es ermöglicht mehr Waffen und Material in Europa und auch um Russland herum abzulagern und auch mehr gemeinsame Manöver durchzuführen. Damit soll der Russischen Aggression gegen Verbündete begegnet werden. Insgsamt seien dafür mehr als 3,5 Milliarden Dollar vorgesehen…
    So eine Meldung wird einfach so verbreitet, als sei es ganz normal: Die Russen sind aggressiv und die Amerikaner sind die Schutzmacht, die ihren Verbündeten selbstlos zur Seite steht. Diese Meldung wurde mit keinem Wort kommentiert.
    Mir wurde auf der Stelle schlecht! Kotzübel!

    Diesen kleinen Film hat mir eine Freundin zugeschickt, nach dem Anschauen gings mir wieder etwas besser:

    Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen
    Und schrieen sich zu ihre Erfahrungen,
    Wie man schneller sägen könnte, und fuhren
    Mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen,
    Schüttelten die Köpfe beim Sägen und
    Sägten weiter.
    Bertolt Brecht

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  2. Brigitte schreibt:

    „[…] Jede Hoffnung, dass sie von oben her herabgesandt wird, ist eine absolute Illusion.“

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  3. robertknoche schreibt:

    Hat dies auf Freiheit, Familie und Recht rebloggt und kommentierte:
    Echte Demokratie wird es in keiner kapitalistische Regerung geben, da die Regierung auf ihren Machtanspruch verzichten muss.

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