Liä Dsï: Der Geist der Tiefe ist das ewig Weibliche


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Das Unerzeugte ist vermutlich einzig. Das Unwandelbare wallt im unendlichen Raum hin und her, ohne dass es in seinem Pfade an eine Grenze käme. Im Buch des Herrn der gelben Erde steht:

Der Geist der Tiefe stirbt nicht.
Er ist das ewig Weibliche.
Beim Ausgang des ewig Weiblichen
Liegt die Wurzel von Himmel und Erde.
Endlos drängt sich’s und ist doch wie beharrend.
Der es wirkt, bleibt ohne Mühe.

Darum ist das, was alle Wesen erzeugt, unerzeugt; was alle Wesen wandelt, unwandelbar. Von ihm geht in Freiheit alles Zeugen aus, von ihm alle Wandlung, von ihm alle Form, von ihm alle Farbe, von ihm alle Erkenntnis, von ihm alle Stärke, von ihm alle Abnahme, von ihm alle Ruhe. Wollte man es aber als Zeugen, Wandlung, Form, Farbe, Erkenntnis, Stärke, Abnahme, Ruhe bezeichnen, so wäre das falsch.

aus: Liä Dsï, „Das wahre Buch vom Quellenden Urgrund“

Kürzlich wollte ich eine Anarchiegruppe auf VK installieren. VK ist eine Internetplattform ähnlich wie Facebook, nur dass sie nicht von den Amis zur Verfügung gestellt wird, sondern von den Russen. Musste ich natürlich gleich ausprobieren. Also, Anarchie. Ich stieß bei meinen Internetspaziergängen auf ein Interview der „Graswurzelrevolution“ mit der Professorin für Politikwissenschaft und Frauenforschung an der Universität Innsbruck Claudia von Werlhof. Diese sagte u.a. Folgendes:

  • Das Merkwürdige an der Anarchismus-Diskussion ist, dass da praktisch nie erwähnt wird, dass die Herrschaftsfreiheit aus der matriarchalen Gesellschaft kommt.
  • Wenn man das vom Etymologischen her angeht, dann ist das mit dem Begriff der Aρχή ja noch gar nicht geklärt. Denn Aρχή heißt zunächst mal nicht „Herrschaft“, sondern „Ursprung“, „Anfang“, „Gebärmutter“. Das ist der alte Aρχή -Begriff.
  • Aber wenn man den alten Begriff nimmt, dann hieße „An-archie“ ja „gegen den Ursprung“. Ich habe entdeckt, dass solche Dinge oft etwas sagen. Die Tatsache also, dass die Bewegung nicht auf „A-kratie“ abzielt – denn „Kρατία“ ist der Begriff, der ursprünglich wirklich „Herrschaft“ bedeutet – sagt etwas aus.

Nun komme ich ja nicht aus der feministischen Ecke wie die Autorin, dennoch leuchtete mir da was trotz schlaftablettenverseuchtem Hirn sofort ein.

Der Geist der Tiefe stirbt nicht.
Er ist das ewig Weibliche.
Beim Ausgang des ewig Weiblichen
Liegt die Wurzel von Himmel und Erde.

Nun handelt es sich bei diesen Zeilen nicht um Aρχή, um den Ursprung, um den Anfang, sondern gerade um das Ursprungslose, das Anfangslose. Also können wir locker den Begriff Aρχή in diesem Zusammenhang völlig streichen. Das ewig Weibliche können weder die sog. Anarchisten noch die Feministinnen für sich reklamieren und ob Herrschaftsfreiheit wirklich aus matriarchalen Gesellschaften kommt, weiß ich nicht, wage ich aber zu bezweifeln.

„Der Geist der Tiefe stirbt nicht. Er ist das ewig Weibliche.“ Ein anderer Begriff für den „Geist der Tiefe“ ist der Begriff „Dao“. In dem gleichen Text sagt Liä Dsï: „Das Unerzeugte hat die Freiheit, Zeugendes zu zeugen; das Unwandelbare hat die Freiheit, Wandelndes zu wandeln.“ Oder auf Frauen und Männer bezogen: Der Geist der Tiefe, das Dao, das Unerzeugte, Unwandelbare hat die Freiheit, Tag und Nacht, Winter und Sommer, … Frauen und Männer zu zeugen und zu wandeln. Das Dao für einen Teil der Polarität vereinnahmen zu wollen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Das Dao gehört niemandem und es erzeugt vorwährend Polaritäten. Wer sich den Quellenden Urgrund unter den Nagel reißen möchte, hat sich allein durch dieses Ansinnen als Teil der Polarität enttarnt: Patriarchat, Matriarchat – gehupft wie gesprungen.

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5 Antworten zu Liä Dsï: Der Geist der Tiefe ist das ewig Weibliche

    • Eno Silla schreibt:

      Lieber Nitya,
      gerade eben lief mir ein kleines Gedicht von Brecht über den Weg, das sehr schön die „menschliche Situation“ beschreibt:

      Sie sägten die Äste ab, auf denen sie saßen
      Und schrieen sich zu ihre Erfahrungen,
      Wie man schneller sägen könnte, und fuhren
      Mit Krachen in die Tiefe, und die ihnen zusahen,
      Schüttelten die Köpfe beim Sägen und
      Sägten weiter.
      Bertolt Brecht

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Eno,

        gar nicht so leicht, über die kopfschüttelnden Weitersäger nicht den Kopf zu schütteln. Ich bin jedenfalls schon ganz meschugge in der Birne.

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  1. fredo0 schreibt:

    Mein Lieblingssatz „dao fa ziran“ sagt dies ja aus …

    Tao zeigt sich („zeigend“…lediglich) in der Eigenart der Dinge/Teile …
    ( übrigens eine gewisse Verwandschaft zum Satz „Leere ist Form …Form ist Leere“ )

    etwas „expliziert“ formuliert : Tao zeigt sich nur indirekt , und dann nur in der konsequenten Eigenart aller Objekte , und der daraus resultierenden zwangsläufigen Beziehung von alles zu allem in Raum und Zeit .
    wenn da nur manchmal bei mancheinem ein „leerer Moment“ das Übrigbleibende sich selbst „offenbart“ , sich also zeigt , was ich das „Eigentliche“ nenne , zeigt sich halt gar nix ( als ein Objekt )… denn das „Eigentliche“ ist nicht vorzeigbar / erkennbar / erlebbar … es kann lediglich „bemerkt werden“ in diesem übrigbleiben.
    weshalb ich es auch , von zeit zu zeit, das (unberührbare) Ruhende nenne …
    Wie „zeigt“ sich dann Tao im (danach wieder) alltäglichen (Er)Leben ?
    halt im „fa ziran“ … in dem jegliche „Äußerung“ als eine Entsprechung gesehen werden kann … ja bei gründlicher „Ent-täuschung“ gesehen werden muss …
    es zeigt sich , stets und ausschließlich , was sich zu zeigen hat , nicht auf Grund irgendeiner selektiven (Einzel)bestimmung eines höheren Bestimmers , sondern allein auf Grund der halt vorhandenen Konstellation … eine Konstellation , die ihre frühere und folgende Geschichte bereits in genau dieser Konstellation inne hat ( ! ) … und nur entsprechend dieser in der dynamischen EigenArt der zwangläufigen „Äußerung“ in Raum und Zeit zur Wandlung kommen kann … halt in dem was „fa ziran“ meint … der Eigen-Art der Dinge im dynamischen Kontext ihrer Konstellation in Raum und Zeit , und der daraus resultierenden Zwangsläufigkeit ihrer jeweiligen „Äußerungen“ ( als immanente Ent-faltung ) …
    es bedarf also gar keines zusätzlichen eingreifenden Schöpfers ( wie in christlicher Vorstellung ) , der gar noch von Augenblick zu Augenblick korrigierend eingreifen müsste ( womit er ja die Perfektheit „eigener“ Schöpfung in Frage stellen würde , er handelte dann als Be-Stimmung aus reiner Stimmung ) …

    Jedoch … einmal „konstelliert“ funktioniert das Ding ganz von allein … und zwar perfekt …
    diese Perfektheit ist eine große Entdeckung des Daoismus , zumindest ließ es mich bereits im ersten Kontaktes mit dieser „Denke“ in meinen jungen Jahren dieses perfekte bereits erahnen …

    das was ist , und sich aus besagter „Konstellation“ ergeben hat , gerade ergibt , und ergeben wird , ist stets -perfekt- ge-äußert ( ins Außen als Erscheinung getreten )…

    da es ja (zweifellos) bereits zum Äußern von Eigenart (ziran) gekommen ist , was sich im schlichten „Ereignen“ zeigt , gibt es daran nix mehr zu deuteln … es ist stets was da ist … und genau darin zeigt sich das , was IST …

    dao (das was IST ) fa ziran (zeigt sich stets in dem was gerade da ist ) …

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  2. Nitya schreibt:

    人 法 地 ………rén fǎ dì …….Der Mensch richtet sich nach der Erde
    地 法 天 ………dì fǎ tiān ……Die Erde richtet sich nach dem Himmel
    天 法 道 ………tiān fǎ dào …Der Himmel richtet sich nach dem Dào
    道 法 自 然 ….dào fǎ zì rǎn .Das Dào richtet sich nach seinem eigenen Weg

    Laozi – Daodejing – Kapitel 25
    aus: Hilmar Klaus, „Das Tao der Weisheit, Mainz Verlag, 2008, S. 116“

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