Goethe (Freimaurer): Wer immer strebend sich bemüht, …


S

Wer immer strebend sich bemüht,
Den können wir erlösen
.

Ich könnte es auf die simple Formel bringen: Wo IST ist, soll SOLL werden. Das Symbol der Freimaurer ist dafür der Rauhe Stein, an dem so lange herumgehämmert werden soll, bis er absolut rechtwinklig und glatt geworden ist, ein Ziel, das natürlich immer nur annähernd erreicht werden kann. Das Ziel ist der ideale Mensch. Die Freimaurer stehen damit natürlich nicht allein. Die ganze Menschheit scheint geradezu davon besessen zu sein, sich zu veredeln. Allein wie der weise Erich Kästner schon am Schluss seines Gedichtes über die Entwicklung der Menschheit vermerkte:

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
Den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
Bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
Noch immer die alten Affen.

Was Goethe dazu wohl gesagt hätte? In den paar Jahren, in denen ich bei den Freimaurern war, habe ich mich nie wohl gefühlt. Dieser ständige Anspruch, an seiner Vervollkommnung zu arbeiten, hat mich eigentlich nur genervt. Da mir damals das Daodejing bereits bestens vertraut war, wusste ich, dass es auch noch eine ganz andere Haltung zu diesem Thema gibt. Eine Haltung, die nicht zu dieser SOLL-IST-Schizophrenie führt und zu diesem unterschwelligen Schuldgefühl, nie genug getan zu haben, um das hehre Ziel zu erreichen. Es gibt auch eine Haltung, die die Vollkommenheit des IST sieht. Das ist keine Philosophie und das nachzubeten würde gar nichts bringen außer Heuchelei, aber es gibt diese Möglichkeit. Im Moment habe ich eine saumäßige, aber absolut vollkommene Erkältung. Ich kann kaum die Buchstaben sehen und muss auch gleich wieder ins Bett. Ich fühl mich so schwach, dass ich es kaum von hier bis in die Küche schaffe, aber was soll ich sagen: Es ist ein wirklich vollkommener Zustand. Das bedeutet nicht, dass ich die Erkältung nicht ganz gern wieder los wäre, aber auch das ist vollkommen. Es gibt überhaupt nichts, was nicht vollkommen wäre. Und wer die Schönheit des unbehauenen Steins nichts sehen kann, der … na ja, der kann sie halt nicht sehen. Und wenn mir jetzt jemand sagen würde, dass ich einfach eine faule Sau bin und mir die dazu passende Philosophie gebastelt hätte, dann kann ich nur antworten, dass er nicht weiß, wovon er redet. Aber ich will ja niemandem meine Haltung verkaufen. Wer gern an sich und seinem Charakter herumhämmert, soll das um Gottes willen tun. Viel Vergnügen, kann ich da nur sagen.E

So und jetzt veredele ich mich ganz schnell weiter im Bett.

 

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7 Antworten zu Goethe (Freimaurer): Wer immer strebend sich bemüht, …

  1. Elwood schreibt:

    Also ich bemüh mich wirklich strebend diesen ganzen Quatsch zu verstehen und den Weg zu finden. Außerdem bemüh ich ich leidlich diese strebende Bemühungen endlich mal sein zu lassen. Aber irgendwie bekomm ich ne Ahnung, das diese ganzen Bemühungen ins Leere laufen und so lässt irgentwas von allein von dieser Bemühung ab, die Bemühungen loss werden zu wollen, meine Bemühungen zu beenden, diesen Quatsch zu verstehen.

    Bei Lichte betrachtet sind wir im Grund
    Noch immer die alten Affen.
    Nur mit anderen Waffen

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    • Nitya schreibt:

      dafür hat er ne Brille dazu bekommen!

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      • Elwood schreibt:

        Ja das stimmt wohl lieber Nitya und er(der Mensch) hat noch etwas anderes dazubekommen:
        Seine unerschütterlichen Glauben Er(der Mensch) sei das Maß aller Dinge. So hat er jetzt das Meter-Maß (ursprünglich irgendein Körpermaß wie Ellenlänge oder andere Körperlängen), die Zahlen(wohl von seinen Fingern) und die Abstraktion – Kategorisierung. Und was macht er damit? Jetzt kann er ein 1000 Meter hohes Haus bauen, das Wasser in mehreren Etappen nach oben in ein kleines Gefängnis pumpen, um damit Obama durch das Weiße Haus wieder nach unten flutschen zu lassen.
        Und was hat das jetzt mit „Entwicklung“ zu tun?
        Unsere Kognitiven Fähigkeiten haben es bis heute nicht geschafft sich selbst in Frage zu stellen und den Größenwahn, der aus diesem Vermessungswahn entsteht und sich im mörderischen Konkurrenzkrieg entlädt, mal nicht als „Entwicklung“ zu verstehen. Vielleicht könnte man es ja mal „Verwicklung“ nennen, ein verwickelt sein in unseren unterscheidenden Geist, eine Anhaftung – Identifizierung an die von uns produzierten Dinge im Geiste. So käme es dann vielleicht tatsächlich zu einer „Ent – Wicklung“ – zum Nullpunkt.
        Aber solange wir glauben, wir „Entwickeln“ uns zu etwas Höheren(Höher als was?), solange zerstören wir nicht nur die Lebensgrundlage unseres beharrten Verwandten sondern auch unsere eigene.
        Der Mensch hat die kognitiven Fähigkeiten aus der Natur bekommen, das beschert uns die Unterscheidungsfähigkeit zwischen Gut und Böse – Schön und Hässlich, ein Gefühl des Getrenntseins und zur Kompensation das geile Gefühl der Macht mit allen Götzen-Dramen im Schlepptau und außerdem im Winter eine warme Zentralheizung.
        Ist doch perfekt, wohin will man sich noch entwickeln? Oder bin ich jetzt schief gewickelt?

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  2. chantaltalia schreibt:

    http://www.ingwertee.net/ingwertee-rezept/
    gute Besserung lieber Nitya

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  3. doro schreibt:

    „Wo IST ist, soll SOLL werden. Das Symbol der Freimaurer ist dafür der Rauhe Stein, an dem so lange herumgehämmert werden soll, bis er absolut rechtwinklig und glatt geworden ist, ein Ziel, das natürlich immer nur annähernd erreicht werden kann. Das Ziel ist der ideale Mensch.“

    Oh, ist das gruselig. Das Prinzip der Gleichmacherei je nach Mode unterschiedlicher Ideale folgend findet man ja fast überall wieder (Modezeitschriften, Schulen, Vereine usw.)
    Es gibt meines erachtens mehrere bedenkliche Punkte daran:
    1. Wer bestimmt, wann welchen Idealen gefolgt wird?
    2. Wer ist wirklich an der Macht?
    3. Was passiert mit den Menschen, die dem Ideal nicht entsprechen?
    4. Was passiert mit der Psyche der Menschen, die sich verbiegen wollen, um dem Ideal zu entsprechen?
    Daraus entsteht Hass, Terror, und Angst vor/gegen Diversität. Warum wird nicht einfach wertgeschätzt, was für eine Lebendigkeit jenseits von Norm und Uniform existiert? Den anderen im Griff zu haben und kontrollieren zu können, ihn einzuschätzen und seine Reaktionen abschätzen und prognostizieren zu können.

    Und wie kommt es, dass es diesen „perfekten und vollkommenen Menschen“ nicht geben wird? Könnte es sein, dass er eigentlich schon perfekt ist, wenn es Erziehung und Druck zur Verdrehung und Verbiegung nicht gebe? Würde es vielleicht viel erfolgreicher sein, auf Heilung zu hoffen statt Ideale zu verfolgen?

    Lieber Nitya, ich hoffe, Dein Zustand wechselt bald in vollkommene Gesundheit! Gute Besserung.

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  4. Gabi schreibt:

    Lieber Nitya- Du sprichst mir aus der Seele. Mir geht diese ganze Potentialentfaltungspflicht und der Optimierungswahn sowas von auf die Nerven! Und der Quatsch ist ansteckender als jeder Schnupfen! Er bohrt sich ins Gemüt wie ein rostiger Nagel und verursacht eitrige Unzufriedenheit. Da lobe ich mir den “ Club der beautiful losers“ den ein paar Mädels in Berlin gegründet hatten. Die hatten es lustig und haben sich einfach und schlicht geholfen. Grüße aus Berlin

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Gabi,

      ein Hoch auf den ”Club der beautiful losers”! Irgendwiemusste ich dabei an die Bremer Stadtmusikanten denken, die hatten es auch lustig, als sie die Räuber zum Teufel gejagt haben. Und die Potentialentfaltungsverpflichter und Optimierungswahnsinnigen sind tatsächlich nichts anderes als Räuber, die sich als Retter in der Not verkleidet haben. Ich brauche bloß an die Optimierung von Produktionsprozessen mit dem Ziel der Reduzierung der Personalkosten denken. Da ist dann Schluss mit lustig. Das mit dem rostigen Nagel im Gemüt trifft die Sache exakt. Eitrige Unzufriedenheit – genau.

      Moin Moin aus Hamburg

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