Linji: Es ist das Lebendige und Leuchtende in dir

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Die Unwissenheit ist der Vater. Dein intensiver Gedanke, der vergeblich nach seinem eigenen Ursprung sucht, wie ein Ton, der in der Leere widerhallt und erkennt, dass es nichts weiter zu suchen gibt – dies wird „den Vater töten“ genannt.

Gier ist die Mutter. Dein einer intensiver Gedanke, der in die Welt des Begehrens eintritt, mit Gier sucht, erkennt, dass alle Phänomene leere Formen sind und so alles Anhaften abwirft – dies wird „die Mutter morden“ genannt.

Inmitten des Dharmadhatu, wenn du keinen einzigen Gedanken mehr hegen kannst und dich in völliger Dunkelheit befindest, wohin du auch gehst – dies wird „das Blut Buddhas vergießen“ genannt.

Wenn dein einziger Gedanke erkennt, dass all deine Täuschungen letztlich leer sind und du von nichts abhängig bist –dies wird „die Harmonie der Glaubensgemeinde zerstören“ genannt.

Wenn du verstehst, dass Ursache und Wirkung leer sind, Geist leer ist, die Phänomene leer sind, und wenn dein einziger Gedanke bereit zum Abtrennen und zum Überschreiten von allem ist und du nichts mehr zu tun hast – dies wird „die Sutren und Buddhas Abbild verbrennen“ genannt.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

Vorausgegangen war Linjis Hinweis:

Es gibt weder einen weltlichen noch einen überweltlichen Buddha oder Dharma. Weder erscheinen noch verschwinden diese. Selbst wenn es solche Dinge gäbe, wären sie bloß Namen und Ausdrücke. Sie sind wie Spielzeuge für Kinder und medizinische Verordnungen. Nichts als schöne Phrasen. Doch schöne Phrasen sind an sich nicht solcher Art. Es ist das Lebendige und Leuchtende in dir, das sieht, hört, weiß und wertschätzt, welches all diese Namen zuschreibt. Tugendhafte Mönche, begeht die fünf schweren Verbrechen, denn nur dann könnt ihr gewiss Befreiung erlangen.

Und dann will ein Mönch von Linji wissen, um welche schweren Verbrechen es sich da handelt und Linji erklärt sie ihm. Das klingt jetzt alles sehr buddhistisch und Linji scheint sich irgendwie über das Ganze ziemlich lustig zu machen. Das alles seien bloß Namen und Ausdrücke, nichts als Spielzeuge für Kinder oder bestenfalls medizinische Verordnungen, nichts als schöne Phrasen. Aber worum zum Teufel geht’s ihm denn dann eigentlich. Er gibt da diesen kleinen Hinweis: „Es ist das Lebendige und Leuchtende in dir, das sieht, hört, weiß und wertschätzt, welches all diese Namen zuschreibt.“ Es ist nicht dies oder das, es ist das Lebendige, Leuchtende in dir. Es geht darum zu verstehen, dass Ursache und Wirkung leer sind, dass der Geist leer ist, die Phänomene leer sind. Es geht darum, in sich die Bereitschaft zu spüren, sich von dem ganzen Krempel abzutrennen, alles zu überschreiten und zu sehen, dass du nichts mehr zu tun hast.

KWas bleibt denn dann noch? Kürzlich musste ich an Fredo denken und seinen Lieblingsbegriff aus dem daoistischen Bereich: Ziran. Das ist alles, was bleibt. Ziran, dieser schlichte Zustand der „Wie-es-ist-heit“ oder „Istigkeit“, wie es Osho genannt hat. Das ist das Schöne an den alten Ch’an-Meistern, dass sie so ganz im Dao verwurzelt sind. Sie waren nicht wie die indischen Buddhisten an geschliffenen, wissenschaftlichen Analysen oder am spekulativen Denken interessiert, sondern an der unverstellten Lebendigkeit des Augenblicks. Was soll es da noch zu tun geben? Entweder kriegst du’s mit, jetzt und jetzt und jetzt … oder du kriegst es halt nicht mit. Wenn du jetzt darüber nachdenkst, was du jetzt mitkriegen sollst, hast du’s schon verpasst. Es gibt nichts, an was du dich halten könntest oder wie es Tilopa formulierte:

Mahamudra ist jenseits aller Worte und Symbole,
Aber für Dich, Naropa, ehrlich und loyal, muss dies gesagt werden.
Die Leere braucht keine Stützen, Mahamudra ruht im Nichts,
Ohne jede Anstrengung, einfach nur, indem du gelöst und natürlich bleibst,
Kannst du das Joch zerbrechen und Befreiung erlangen.

Oder wie ich es jetzt frecherweise einfach mal dem Fredo in den Mund lege: „Ich sag nur ‚Ziran‘. Den Rest kannste vergessen!“

Z

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Eine Antwort zu Linji: Es ist das Lebendige und Leuchtende in dir

  1. chantaltalia schreibt:

    Einen lieben Gruss aus der Tiefseewelt.

    Gefällt mir

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