Ikkyû Sôjun: dort wo der Geist uns nicht finden kann

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wir sind verloren
dort wo der Geist uns nicht finden kann
völlig verloren

Ikkyû Sôjun

10Dort, wo der Geist uns nicht finden kann … in meinem kindlichen Gemüt entsteht natürlich sofort das Bild von einem Geist, der da durch die Gegend streift auf der vergeblichen Suche nach mir: „Nitya, wo bist du?“

GAber der Nitya hat ja mal wieder was Besseres zu tun. Der ist viel zu beschäftigt. An seiner Tür hat er das Schild „Niemand zu Hause“ aufgehängt, damit der Geist, sollte der ihn wider Erwarten doch aufstöbern, Bescheid weiß und sich erst mal vom Acker macht. Kann’s ja später wieder versuchen. Vielleicht erwischt er den Nitya ja mal, wenn der Zeit zum Meditieren gefunden hat? Na ja, nun dürfte sich der Nitya natürlich nicht beklagen, wenn’s in seinem Gemüt aussähe wie auf dem Bild ganz oben. Er wäre zwar nicht radioaktiv verseucht, aber völlig verseucht von seinen Gedanken. Gute Gedanken, miese Gedanken. Gedanken sind einfach Gedanken. Missbrauch hin, Missbrauch her und die Reptiliengehirne und die kranken Ausgeburten der Hölle und … denken, denken, denken, … ja und die Flüchtlinge … und überhaupt …

Ist das so? Unter dem Haiku von Ikkyû ist eine Version der zehnten Station aus dem Zyklus der zehn Stiere zu sehen. Da tanzt irgend so ein verrückter Heini herum, offensichtlich sehr vergnügt, hinter ihm – das könnte vielleicht der Zenkreis sein, und dann ist da eine Sektflasche, aus der fröhliche Perlen in die Luft steigen. Für die, die sich daraus noch keinen Reim machen können, ist noch ein Schild zu sehen mit der Aufschrift IN THE WORLD BUT NOT OF IT. Wie ist das jetzt mit dem verrückten Heini? Ob der noch denkt? Oder ist er deshalb so vergnügt, weil er’s geschafft hat, mit dem Denken aufzuhören? Das wäre ja mal wieder ganz nach dem Geschmack der spirituellen Streber: Es schaffen … Da ist nichts zu schaffen. Da muss auch nichts aufhören. Nicht einmal das Denken! Es genügt, sich gegenwärtig zu sein: Ganz in der Welt und doch nicht von ihr zu sein.

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Ikkyû Sôjun

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3 Antworten zu Ikkyû Sôjun: dort wo der Geist uns nicht finden kann

  1. Eno Silla schreibt:

    „Ich habe soviel von Gott gelernt,
    dass ich mich weder einen Christen, Hindu,
    Moslem, Buddhisten oder Juden nennen könnte.
    Die Wahrheit hat mir soviel von Ihr selbst zuteil werden lassen,
    dass ich mich weder Mann, Frau, Engel,
    ja sogar nicht einmal eine reine Seele nennen könnte.
    Die Liebe hat so gründlich mit Hafiz Freundschaft geschlossen,
    dass sie jedes bisher in meinem Verstand gekannte Konzept
    und jedes darin enthaltene Bildnis
    zu Asche verbrannt und mich davon befreit hat.“

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    • Elwood schreibt:

      Ganz konkret

      Mach einen Spaziergang, wenn es noch nicht zu dunkel ist,
      Schnapp ein bisschen frische Luft, versuch zu lächeln.
      Kommt ein vertrauenswürdiger Fremder vorbei,
      So sag ihm etwas Freundliches.

      Lass stets das Wissen deines Herzens sprechen.

      Du könntest es auch ganz konkret angehen:

      Nimm deinen Partner, deine Geliebte genau so in die Arme
      Wie bei eurer ersten Begegnung.
      Lass Zärtlichkeit aus deinen Augen strömen
      Wie die Sonne, die der Erde ihren warmen Blick schenkt.

      Spiel ein Spiel mit ein paar Kindern,
      Teile dich einem Freund mit,
      Sing deinen Haustieren und Pflanzen
      Ein paar deftige, freche Lieder vor –
      Wäre es nicht toll, wenn sie auch trunken und wild würden!

      Lass uns anstoßen auf jede Sprosse der Leiter,
      Die wir bei unserer Entwicklung gemeistert haben.
      Flüstere der ganzen verrückten Welt zu:
      „Ich liebe dich! Ich liebe dich!“

      Hören wir auf, über Gott zu lesen –
      Wir werden Ihn nie verstehen.

      Springt auf, reckt eure Fäuste gen Himmel
      Und stoßt drohende Warnrufe ans ganze Universum aus,

      Dass euer Herz nicht länger
      Ohne wirkliche Liebe leben kann!

      Ich hörte Gott lachen: Gedichte inspiriert von Hafiz

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