Alan Watts: das unveränderbare Zentrum in sich selbst

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Der freie Mensch besitzt das Gefühl eines unveränderbaren Zentrums in sich selbst – eines Zentrums, das sich nicht genau in seinem Ego befindet und nicht genau im Leben, der Natur oder dem vom Ego so unabhängigen Unbewussten. Es ist die Mitte des Tanzes, der Punkt, um den die beiden Partner sich bewegen und in welchem sie sich ihrer Einheit bewusst sind. Der Mensch ist frei, denn dieses Zentrum lässt ihn sich im Universum absolut sicher und geborgen fühlen; er kann es überall mitnehmen, es alles vollbringen lassen, denn wie Laotse vom Tao sagte: „Indem er es anwendet, findet er es unerschöpflich.“ Dieses Zentrum ist der Punkt, von dem sein Gefühl der Ganzheit abhängt, und es entwickelt sich aus dem Vertrauen – denn er vertraut und gibt sich selbst einerseits dem Leben hin und andererseits sich selbst und ebenso dem Tanz zwischen ihnen. Gott teilt sein Leben und seine Kraft mit allen Kreaturen und vertraut ihnen so, dass sie sie nach Belieben einsetzen können, denn Gott ist das Prinzip des Vertrauens und der Liebe. Sobald der Mensch dasselbe Vertrauen und dieselbe Liebe für alle Kreaturen seines Geistes aufbringen kann, die von Augenblick zu Augenblick wechselnden Zustände seines Geistes, dann wird er eins mit Gott. Denn das Königreich des Himmels liegt eigentlich in uns – Mikrokosmos des Makrokosmos-, und der Mensch findet seine Freiheit durch Vertrauen in sein eigenes Universum, wobei er die Sonne seiner eigenen Annahme aufgehen lässt über dem Bösen wie auch dem Guten. Nun liegt hierin eine Bescheidenheit, denn da Gott sich selbst im Sünder wie im Heiligen erkennt, im Schlamm wie in den Sternen, so muss auch der Mensch, indem er an der Freiheit Gottes teilhat, sich selbst in seinen Tiefen wie auch in seinen Höhen anerkennen. Denn unsere wahren Weisheitslehrer sind nicht die Weisen und ihre Schriften, sondern die Kreaturen unseres eigenen Geistes, die Götter und Dämonen unserer Gedanken und Gefühle und deren Reaktionen auf die äußere Erfahrung. Und unter diesen Dämonen wird der schwärzeste von allen Luzifer, der Lichtbringer, genannt, denn er soll uns zeigen, dass es auch in der Finsternis Licht gibt wie im Lichte selbst.

aus: Alan Watts, „Die sanfte Befreiung“

ZDas Zentrum des Tanzes oder das Auge des Zyklons, wie es auch genannt wurde: Außen herum tobt der Bär, während es im Zentrum absolut still ist. Die Buddhisten haben das Rad als ihr Symbol gewählt, das sich an der Peripherie dreht und dreht, während die Nabe (besser der geometrische Mittelpunkt) vollkommen unbeweglich ist. Je weiter sich das Bewusstsein vom Zentrum entfernt, desto mehr wird es von der zunehmenden Bewegung mitgerissen. Wenn dies nicht gewünscht wird, taucht das Bemühen auf, stets im Zentrum des Tanzes zu bleiben. Wer einmal etwa in einen gewalttätigen Aufstand hineingeraten sollte, wird erfahren, wie schwer es ist, sich der emotionalen Raserei zu entziehen, wie schwer es ist, gewaltfrei zu bleiben, nicht Partei zu ergreifen und nicht zu werten.

AAlan Watts propagiert in seinem Text nicht die Haltung eines Menschen, der nur noch Stille ist. Ich stelle mir gerade eine Buddha inmitten des abgebildeten Hexenkessels vor, der von dem ganzen Geschehen völlig unberührt bleibt. Das ist ein Bild, das gerne in spirituellen Kreisen zum Ideal erhoben wird. Alan Watts sagt: „Das Zentrum ist der Punkt, von dem sein Gefühl der Ganzheit abhängt, und es entwickelt sich aus dem Vertrauen – denn er vertraut und gibt sich selbst einerseits dem Leben hin und andererseits sich selbst und ebenso dem Tanz zwischen ihnen.“ Einerseits und andererseits und dazwischen. Der regungslose Buddha im Trubel es Weltgeschehens ist aus meiner Sicht das falsche Bild. Im christlichen Bereich gibt es die Lehre von der sog. hypostatischen Union: Jesus sei in Personalunion ganz Gott und ganz Mensch gewesen. Das hat mir immer gut gefallen – bis auf den Hinweis, dass dies nur Jesus vorbehalten gewesen sein soll. Das ist eine alte Geschichte, die einen wurden zu Göttern gemacht, die anderen mussten Menschen bleiben. Jesus ist also der Gottmensch. Jesus und, wie ich hinzufügen möchte, potenziell jeder Mensch.

Warum nur potenziell? Ein Mensch bin ich nicht potenziell, sondern tatsächlich. Beweis: Vom Weibe geboren und mit einer Geburtsurkunde auf den Weg geschickt. Na bitte, mich gibt’s also angeblich. Aber warum nur potenziell Gott? Meine Antwort: Weil ich den Gott „in mir“ vergessen habe – oder auch nicht. Wenn ich mir den Ausbruch von blinder Gewalt da oben anschaue, kann ich nur zu dem Schluss kommen: „Mensch, jeh in dir!“ Aber wer kann schon damit was anfangen? Manche gehen in sich und verkünden dann freudestrahlend, dass sie jetzt Lust auf’n Bier haben. Na ja, was anderes war da im Moment nicht zu finden. Aber jetzt mal ganz im Ernscht: Natürlich ist mit dem Gott „in mir“ dieses Zentrum gemeint, von dem der Alan Watts da redet. Dass dieses Zentrum auch in einem IS-Henker ist, der gerade einem anderen Gottmenschen den Kopf abschneidet, behaupte ich einfach mal ganz frech, ohne euch dafür auch nur ansatzweise einen Beweis bringen zu können. Mt 13, 45/46: „Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie.“ Die eine Perle steht für dieses unveränderbare Zentrum inmitten des kosmischen Tanzes. Sie war dem Kaufmann so kostbar, dass er dafür sein ganzes Hab und Gut hergab. Ich würde ja sagen: Für diese Perle muss gar nichts hergegeben werden. Sie steht einem in jedem Augenblick ganz kostenlos zur Verfügung, weil sie das innerste Sein in sich selbst ist. Blöd nur, dass das dauernd übersehen wird.

Perle

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8 Antworten zu Alan Watts: das unveränderbare Zentrum in sich selbst

  1. Eno Silla schreibt:

    Ein freier Mensch? Ja, dieses Gefühl eines unveränderlichen Kerns kenne ich sehr wohl. Es ist mir sehr vertraut. Ich habe aus diesem Kern heraus genauso verwundert in diese schrecklichschöne Welt geschaut als Kind und junger Mensch, wie jetzt als älterer Mensch. Interessant ist auch das Gefühl des Nichtalterns. Dieser unveränderliche Kern ist erstaunt darüber, dass etwas älter werden kann und verschwinden… Mit diesem Erkennen des Unveränderlichen geht (ein Verlangen nach) Freiheit einher. Vielleicht hat mich die Anarchie deswegen schon immer angesprochen. Nicht als Chaos und Gewalt verstanden, sondern als Freie Entscheidung und Gegenseitige Hilfe. Alles Zwanghafte, Gewaltätige an mir selbst und anderen Menschen war mir stets zuwider. Doch gehört es auch dazu, gehört es zu diesem Wirbelsturm Sein, offensichtlich, denn es ist. Aus diesem unveränderlichen – – – Nun hat mich ein Anruf aus dem Textfluss gerissen. Egal, ist eh alles schon tausendfach gesagt! Und wen interessiert es überhaupt?

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    • Nitya schreibt:

      „Egal, ist eh alles schon tausendfach gesagt! Und wen interessiert es überhaupt?“

      Mich z.B, lieber Eno. Und es gibt eine ganze Menge Leute, die hier mitlesen und nicht schreiben. Es gibt von Walter Kempler den Satz: „Gespräch ist wechselseitige Selbstdarstellung.“ Das ist es doch worum es hier eigentlich geht. Nicht „wer hat recht?“, sondern doch einfach nur „ach so kann das auch gesehen und erlebt werden!“ Danke also, dass du das mit uns geteilt hast!

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      • Eno Silla schreibt:

        Lieber Nitya, ich kann ja überhaupt nicht anders. Es will einfach schreiben und dieses Nichts „das-ich-nicht-nicht-sein-kann“ schaut zu, mischt sich nicht ein, bewertet nicht und ist doch unentrinnbar das Auge des Sturms mit allem wegschauen, einmischen und genüßlicher Abwertung.

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  2. fredo0 schreibt:

    es gibt auch die nackte freude am „rechten“ wort zur „rechten“ zeit , werter eno …
    und die hast du mir gerade bereitet …🙂

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    • Eno Silla schreibt:

      lieber fredoO, danke dir für rechte worte zur rechten zeit!
      „Warum wird die Wahrheit so oft vergewaltigt? Weil sie nackt ist!“ hab ich mal irgendwo gelesen, die von dir erwähnte nackte freude lies diese assoziation aufsteigen. nackte freude ist ein schönes bild!

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  3. doro schreibt:

    Egal, ist eh alles schon tausendfach gesagt! Und wen interessiert es überhaupt?

    Lieber Eno!
    Auch mich interessiert, was Du schreibst. Es ist wirklich verrückt, oder? Denn Du hast ja recht, alles ist schon tausendfach gesagt, und doch existiert dieser Blog seit Jahren und natürlich nicht nur hier, sondern überall und seit so langen Zeiten redet und schreibt man darüber. Es gehört nicht viel Hellsicht dazu, wenn man prognostiziert, dass auch noch viel darüber geredet und geschrieben wird.
    Wenn ich darüber nachdenke, so habe ich das Gefühl, dass zum einen für den Schreibenden der Reiz darin liegt, dass diese Flut an unbeschreiblichen Eindrücken irgendwie zum Ausdruck gebracht werden will. Die Überwältigung ist so stark, dass der Wunsch, diese Freude mitzuteilen, eine neue Facette beizutragen und den eigenen Zugang oder Schlüssel zu offenbaren, sehr drängend ist.
    Für den Leser liegt der Reiz im immer wieder neuen Erlesen des eigentlich unbeschreiblichen vielleicht darin, immer wieder in diese Unendlichkeit zu kippen. Das haben Padma und Torsten in dem vor 2-3 Tagen hier im Blog zu findenden Interview über Advaita-Fallen für mich sehr stimmig erklärt. Mir geht es jedenfalls so, dass ich immer wieder an die Ozean-Oberfläche gelange und in meiner Welle schwimme. Berichte wie Deiner, Eno, sind Einladungen zur Versenkung und immer wieder neue Zugänge zum Unbeschreiblichen… Es ist schön zu lesen, was ich auch wahrnehme, Deine Wahrnehmung des eigenschaftslosen, unberührten und doch ungeheuer präsenten und Anteil nehmenden Ganzen.
    Danke

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    • Eno Silla schreibt:

      Liebe doro,
      DANKE!
      Schwimmen wir, von der aufgewühlten und verwirrenden Oberfläche in tiefste Tiefenstille und wieder zurück, was auch sonst, haben wir eine Wahl – ungetrennt-alles-sein!
      Alles Liebe und eine herzliche Umarmung von
      Eno

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