Krishna: des Menschen Wille und Intention


BDes Menschen Wille und Intention
ist der einzige Freund des Atman.
Es ist der gleiche Wille und die gleiche Intention,
die als Feind erscheint.
Hat ein Mensch Selbstkontrolle,
dann sind seine Taten der Freund des Atman.
Der gleiche Wille eines Menschen,
der sein niederes Selbst nicht unterworfen hat,
agiert wie ein Feind.

aus: Krishna, „Bhagavad Gita, VI/6“

Das ist einer der zahlreichen Texte der Bhagavad Gita, die darauf schließen lassen, dass es sich hier um eine dualistische Lehre handelt. Da ist der Mensch und da ist der Atman, für den der Mensch mit seinem Willen und seiner Intention scheinbar Freund oder Feind ist. Und dann ist da der Mensch, der Selbstkontrolle hat oder der sein niederes Selbst nicht unterworfen hat. Da tauchen viele Fragezeichen auf und ich widerstehe mal der Neigung, den Text gleich dem Papierkorb zu übergeben. Was ist hier mit Atman gemeint und was mit dem Selbst bzw. dem niederen Selbst? Und ist nicht auch das Selbst ein niederes Selbst, wenn es der Kontrolle bedarf?

PIch stecke mal den Vers in mein Prokrustesbett und mach ihn für mich passend. Was könnte gemeint sein mit dem niederen Selbst, das durch den Menschen nicht unterworfen wird. Ich kann mir nur vorstellen, dass damit das Selbst gemeint ist, das sich für eine eigenständige, vom Ganzen getrennte Entität hält, und nun davon ausgeht, der Macher zu sein. Mit der Formulierung „der Mensch, der Selbstkontrolle hat“, kann ich dagegen gar nichts anfangen. Ich guck mir mal eine andere Übersetzung an:

Für den, der den Geist bezwungen hat,
ist der Geist der beste Freund.
Doch für den, der dies versäumt hat,
wird der gleiche Geist zum größten Feind.

Hier wird nicht mehr unterschieden zwischen Atman und Selbst, zwischen höherem (?) und niederem Selbst, sondern nur noch vom Geist, vom gleichen Geist gesprochen. Eine sträfliche Vereinfachung oder eher eine klärende Wortwahl? Wie wichtig dem Übersetzer seine Wortwahl ist, lässt sich daran erkennen, dass er eigens betont, dass es sich immer um den gleichen Geist handelt. Wenn es sich immer um den gleichen Geist handelt, kann es sich nicht um den Geist handeln, der einmal Freund und ein anderes Mal Feind ist.

Freund und Feind für wen also? „Für den Menschen“ heißt es im ersten Fall und im zweiten nur noch „für den“ und ich lass das jetzt einfach mal so stehen. Wir haben es, was „den Menschen“ betrifft, mit zwei Optionen zu tun: Einmal ist der Mensch der Freund des Geistes und empfindet diesen als Freund und einmal ist er der Feind des Geistes und empfindet diesen als seinen Feind. Was lässt nun den Menschen zum Freund bzw. zum Feind des Geistes werden? Die Antwort kann ich in dem Vers nicht finden, was mich dazu zwingt, sie mir selbst zu geben, falls ich dazu überhaupt Lust habe.FOkay, ich geb‘ mal eine ganz einfache Antwort. Ich tippe gerade Buchstaben in meinen Laptop vs. ich tippe gerade keine Buchstaben in meinen Laptop. Oder auf gut Deutsch: Wenn ich leugne, was gerade ist, krieg ich Schwierigkeiten mit dem, was gerade ist. Das, was gerade ist, wird mir zum Feind. Ich könnte es auch schöner sagen, etwa mit den Worten Rumis: „Fragst du: ‚Was ist Liebe?‘, sage ich: ‚Den Eigenwillen aufzugeben.'“ Oder ich könnte sagen: Wenn sein Wille mein Wille ist und meiner seiner, wie könnte es dann noch einen Feind geben? Feind bedeutet: zwei. Ich gegen dich. Verschwindet das, verschwindet auch der „Andere“ und mit ihm der „Feind“.

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5 Antworten zu Krishna: des Menschen Wille und Intention

  1. Eno Silla schreibt:

    Ist es nicht verrückt? Gerade eben war da nur der Geschmack des heißen Tees, das Anschalten des Rechners, das Aufrufen von Nityas Blog, das Lesen des heutigen Textes… Und plötzlich sind da viele Begriffe, die sich in irgendetwas – Geist, Selbst – was auch immer tummeln. Plötzlich ist da Freund und Feind, vorher existierten diese Begriffe nicht. Nun aber sind sie da. Freund und Feind. Bilder tauchen auf: Mein Freund M., der nun nicht mehr mein Freund ist und dann wieder doch. Eine gewisse Trauer darüber, Bilder vom Kommen und Gehen. Gestern war ich noch bester Freund, heute bin ich beinahe Feind… Puh, das alles taucht plötzlich auf, von so ein paar Zeilen angetriggert. Dann stehe ich auf und greife mir mein Exemplar der B-Gita und da ist noch eine weitere Übersetzung zu finden und dann taucht in mir ein: „Jetzt reichts!“ auf. „Es ist genug!“ Was für ein Unsinn das ist. Freund und Feind sind offensichtlich nur dann existent, wenn diese Gedanken und Vorstellungen in mir (keine Ahnung was das „in mir“ bedeuten soll) auftauchen und genauso schnell ist der ganze Spuk auch wieder verschwunden und anderes erlangt Aufmerksamkeit… So, mehr will wohl nicht geschrieben werden, denn meine Hände wollen die Teetasse mit dem köstlichen Darjeeling grei

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  2. doro schreibt:

    Für den, der den Geist bezwungen hat,
    ist der Geist der beste Freund.
    Doch für den, der dies versäumt hat,
    wird der gleiche Geist zum größten Feind.

    Mit dieser Übersetzung kann ich mehr anfangen, wenn ich es noch ein wenig verdrehe. Wenn es dann noch dieselbe Aussage bleibt, was ich bezweifle? Also, wenn man unter Geist so etwas wie die Illusion verstehen würde, dann würde es vielleicht richtig stimmig werden, denn wenn die Illusion überwunden wird, was dann hier bedeuten würde, dass man sie als Illusion erkennen würde, dann wird sie zum besten Freund. Und das finde ich eine ganz spannende Aussage. Weshalb könnte die Illusion zum BESTEN Freund werden? Vielleicht weil sie das Leben zum Glänzen bringt, weil sie feiert und Fülle bringt, Freude und Lust, weil man bewundernd davor steht und staunt? Ich weiß es nicht, warum es so ist, aber ich könnte mir durchaus vorstellen, dass die Illusion mein bester Freund ist und für den Fall, dass ich die Illusion nicht überwinde, ist sie mein größter Feind- das kann ich hervorragend nachvollziehen. Ich denke, dass meine Interpretation vielleicht gar nichts mehr mit dem Original zu tun hat, trotzdem ist darin nun dieser Gedanke, dass die Illusion mein größter Freund sein könnte, und das ist durchaus interessant.

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Doro,

      es gibt die Schulen mit ihren „Schriftgelehren“, die dir genau vorschreiben, wie du die ihnen heiligen Texte zu interpretieren hast. Leute, die sich auf alles „ihren eigenen Reim machen“ wollen, gelten ihnen als Ketzer und Häretiker und sollten am besten verbrannt, gesteinigt, gevierteilt, aufs Rad geflochten oder was weiß ich werden. Die Wahrheit kann aber jeder nur in sich selbst finden. Sie blitzt für einen Moment auf und ist schon wieder verschwunden. Wird sie festgehalten, dann … Karl Renz: “Alles, was du hervorhebst oder auf den Thron stellst, macht dich zum Sklaven.” Es ist also nicht wichtig, ob deine Interpretation vielleicht gar nichts mehr mit dem Original zu tun hat. Wichtig ist, dass es für einen Moment deine Wahrheit ist. Danke fürs Teilen!

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