Karl Renz: Aber warum auch nicht?

K

Wenn du weder geboren noch frei bist,
wie kannst du dann davon ausgehen,
einen Körper zu haben
oder körperlos zu sein?

Dattatreya, „Avadhuta Gita, 1.52“ bzw. so übersetzt:

Wenn du nicht frei bist
noch je gebunden warst,
wie kannst du dann
das Selbst verstehen,
das formhaft ist
und ohne Form?

Du kontrollierst denjenigen, der dich kontrollieren will, indem du dich von ihm kontrollieren lässt. Der Kontrolleur wird durch das kontrolliert, was er kontrollieren will. Was du zu kontrollieren versuchst, kontrolliert dich, ob es dir gefällt oder nicht. Das ist die Hölle. Aber du willst frei sein; du willst Freiheit, also kontrolliert dich die Freiheit. Du bist ein Sklave der Freiheit. Freiheit ist dein Meister, und dann bist du ein Sklave.

Wenn Wahrheit dein Meister ist, dann bist du Sklave der Wahrheit. Wenn das Selbst dein Meister ist, dann bist du Sklave des Selbst. Alles, was du hervorhebst oder auf den Thron stellst, macht dich zum Sklaven. Liebe macht dich zum Sklaven der Liebe. Aber warum auch nicht?

Kein Sklave zu sein, macht dich zum Sklaven davon, kein Sklave zu sein. Kein Entkommen. Du wirst immer dienen müssen. Meister und Sklave sind ihrer Natur nach nicht verschieden.

aus: Karl Renz, „- Am I – I Am“

Ha, das hat der Karl mal wieder exakt auf den Punkt gebracht: „Kein Entkommen.“ Wie viele Stunden hast du wohl schon in deinem Leben damit verbracht, endlich den Ausgang zu finden? Und dann kommt der Karl daher und verkündet freudestrahlend: „Kein Entkommen.“ Warum freudestrahlend? Ist der Karl ein Sadist? Nee, aber dann kapierst du vielleicht, dass „Kein Entkommen“ DIE frohe Botschaft ist.

Sehr klar wird das in dem Satz: „Kein Sklave zu sein, macht dich zum Sklaven davon, kein Sklave zu sein.“ Und weiter: “ Alles, was du hervorhebst oder auf den Thron stellst, macht dich zum Sklaven.“ Kennt ihr das nicht? Immer wenn dich jemand als dies oder das bezeichnet, kriegst du ein Gefühl von Enge, ein richtiges Erstickungsgefühl? Jedes Lob, jeder Tadel, ja jede Erwähnung kann dieses Gefühl auslösen.

HDa wollen zwei junge Leute sich ganz schnell binden und heiraten und kaum haben sie ihr Ziel erreicht, fühlen sie sich schon als Sklaven des Erreichten und schielen nach dem einem Retter, der sie aus dieser unerträglichen Enge befreit. Ist der Retter gefunden, heißt es gleich: „Zurück in die Startposition!“ und man muss wieder von vorn anfangen.

M

Es gibt ja Leute, die sich gerne vor-stellen lassen bzw. diese Aufgabe nur zu gerne selbst übernehmen: „Gestatten, Dr. von Schnorrowitz!“ Oder: „Ich bin die Präsidentin des Kleingartenvereins ‚Frohes Schaffen‘.“ Anderen weniger Erfolgreichen wäre das möglicherweise eher peinlich. Aber der Grund wäre derselbe: Völlig identifiziert mit dem zu sein, was da den anderen vor-gestellt wurde. Mir war das auch immer unangenehm. Der Grund war jedoch ein anderer. Als ich beispielsweise in der Schule, in der der Schulleiter CSU-Ortsvereins-Vorsitzender war, diesen damit ärgern wollte, dass ich in die SPD ging und dort den Vorsitzenden spielte, hatte ich irgendwie meine Freiheit verloren. Ich wurde nur noch als Funktionär gesehen (der seine Befehle aus Moskau erhielt, wie das F.J. Strauß mal bestimmt hatte). Aber auch, wenn ich angeben sollte, was mein Beruf sei, hätte ich mich am liebsten unsichtbar gemacht. „Ich bin Lehrer.“ So eine Scheiße! Bin ich nicht! „Ich bin Therapeut.“ Scheiße, Scheiße, Scheiße! Das bin ich nicht! Ich habe nie verstanden, wie andere stolz darauf sein konnten, wenn sie anderen mitteilten, wer sie angeblich sind. Wer isser denn? Was isser denn? Was hatter denn? Ist er bekannt? Grauenvoll! Es gab Leute, die haben sich alle paar Jahre aus dem Verkehr gezogen und sind dann irgendwann mal wieder mit neuem Namen und neuem Aussehen aufgetaucht, nur um dieser Vereinnahmung zu entkommen. Aber der Karl hätte es ihnen sagen können: „Kein Vereinnahmter zu sein, macht dich zum Sklaven davon, kein Vereinnahmter zu sein. Kein Entkommen.“ Halleluja!

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2 Antworten zu Karl Renz: Aber warum auch nicht?

  1. doro schreibt:

    „aber dann kapierst du vielleicht, dass ‚Kein Entkommen‘ DIE frohe Botschaft ist“

    Ehrlich gesagt finde ich nicht, dass sich der Karl Renz hier anhört, als wenn er Frohe Botschaften verkünden würde. Warum denn immer solch kämpferisches Vokabular? Nun habe ich grade erst die be- und verzaubernde Maya betrachtet, schaue schweigend und staunend in die Welt hinaus und freue mich, und nun kommt der Renz mit einem krachenden „Kein Entkommen“ daher und degradiert Maya in meinen Augen zu einem schnöden Gefängnis.

    Ein zweites Thema und meines Erachtens völlig dualistisch sind solche Sätze wie „Was du zu kontrollieren versuchst, kontrolliert dich, ob es dir gefällt oder nicht.“ Und:“du willst Freiheit, also kontrolliert dich die Freiheit.“ oder:“Wenn Wahrheit dein Meister ist, dann bist du Sklave der Wahrheit.“, „Wenn das Selbst dein Meister ist, dann bist du Sklave des Selbst.“, „Kein Sklave zu sein, macht dich zum Sklaven davon, kein Sklave zu sein.“ 

    Mich schüttelt’s richtig. Natürlich hat er recht damit. Aber eine frohe Botschaft sehe ich dort nirgendwo. Und zusätzlich noch der Gedanke, dass hier jemand durch etwas zum Sklaven gemacht wird.

    Ich kann auch nicht glauben, dass er grade echte Liebe im Herzen bewegte, als er aufschrieb: „Liebe macht dich zum Sklaven der Liebe.“ Ich behaupte, dass man nicht Sklave der Liebe sein kann. Ich kann Sklave von Sex, Abhängigkeit, Beziehung, Hormonen, Missbrauch oder Befriedigung sein, Sklaven der Liebe gibt es in meinen Augen nicht, aber vielleicht kann ich’s auch nicht sehen… 

    Ich schalte da lieber meinen Kopf aus und halte es doch mit Huang-po, lieber schweigen und nicht denken. Lieber alleine am See den Gänsen zusehen, als hiermit meinen Kopf zu verdrehen.

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  2. Elwood schreibt:

    Auf was ich meine Aufmerksamkeit „richte“ bekommt für mich Bedeutung.
    Mein Glaube an diese Bedeutung bindet mich – versklavt mich.
    Angefangen mit meiner Person meinem Ich, das von Haus aus nach Bedeutung sucht,
    mit allem was es dazu benutzt (sich identifiziert) um das „Ich“ eine (bedeutende) Form zu geben und (möglichst sicher)zu erhalten.
    Dies ist einfach alles was wir uns in begrifflicher Form vorstellen können, da die Begriffe (und ihr Glaube an sie) unsere ganze Objektivierte Welt herstellen und verfestigen kann.
    Wir Menschen folgen unseren Begriffen, die uns was bedeuten, da sie uns die Unterscheidungen erst ermöglichen und sogar Schöpferisch tätig sein lässt (zumindest glauben/hoffen wir das).
    Es ist unsere Formgebung, die uns berauscht.
    Die Begriffe sind aber auch eine Abstrahierung, eine Filterung der Unüberschaubarkeit der Wirklichkeit durch Worte.
    Die Filtrierung ist eine sehr starke Reduzierung, eine Begrenzung, ein Tunnelblick, eine Illusion(Traum) und ein gebunden sein durch ihren Glauben(Versklavung).
    Zur Versklavung gehört einfach alles was mit dieser Begrifflichkeit zusammen gehört.
    Alles was mit Ihr konstruiert worden ist, natürlich auch der Wunsch der Begrifflichkeit zu entfliehen.
    Kein Entkommen….
    Es kann aber passieren, dass diese Illusion, mein „Traum“ als solcher bemerkt wird und damit den Begriffs-bedeutungen der Glaube entzogen wird.(der Absolutheitsanspruch)
    Das Eine (Unartikulierte) und die Form – (Artikulierte) ist untrennbar miteinander verbunden.
    „Form ist Leere und Leere ist Form. Form wird zur Leere und Leere wird zur Form.“

    Man sieht deutlich meine Bemühungen, muss wohl Bedeutung für mich haben….
    Vielleicht glaube ich jetzt einfach mal dem Shunryu Suzuki…..

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