Linji: Keine Spur von seinem Dasein hinterlassen

 

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Wer auch immer in den Weg eintritt, ohne seine Essenz zu durchdringen, wird die Opfergaben, die er empfing, zurückgeben müssen. …

Lasst mich euch sagen, dass diejenigen nichts als Karma erzeugen, die allein auf einem einsamen Gipfel leben oder nur einmal am Tag essen, lange Zeit ohne sich hinzulegen sitzen oder den lieben langen Tag mit Umkreisungen ihre Wertschätzungen zum Ausdruck bringen.

Wenn jemand seinen Kopf, seine Augen, sein Mark, sein Hirn, seine Burg, seine Frau, sein Kind, seine Elefanten, sein Pferd oder seine sieben Schätze spendet, dann verursachen diese Taten Leid an Körper und Geist und enden in Kummer. Es ist besser, nichts zu tun und einfach und unkompliziert zu sein. Selbst die Bodhisattvas, die die zehn Stufen der Übung vollendeten, suchen dann vergeblich nach der Spur eines solchen Anhängers des Weges.

Darum heißt es, dass alle Himmelswesen mit Freuden erfüllt seien und irdische Gottheiten ihre Füße vor Bewunderung anhöben, und dass unter den Budddhas der zehn Richtungen keiner sei, der so einen nicht priese. Warum? Weil der Mensch des Weges, der gerade jetzt meiner Rede lauscht, keine Spur von seinem Dasein zurücklässt.

aus: Linji Yixuan, „Linji Yulu“

L

Wer von Linjis Schülern
Schert sich
Um die wahre Überlieferung?
In ihren Schulen
Ist kein Obdach
Für den blinden Esel,
Der unterwegs
Mit Stab und Strohsandalen
Wahrheit findet.
Hier übt man Zen auf sicherem Boden,
Bequem zurückgelehnt,
Für eigenen Gewinn.

aus: Ikkyû Sôjun, „Im Garten der schönen Shin“

Ikkyû stöhnte immer wieder über die „Religioten“, die sich im Namen Linjis in seinem Kloster tummelten. Kein Wunder, dass er sein Amt als Abt dieses Klosters nicht besonders schätzte und sich lieber bei den Huren und Säufern herumtrieb oder sich in die Einsamkeit der Berge flüchtete, bloß weg von diesen Quasselstrippen und aufgeblasenen Hohlköpfen. Linjis wahre Überlieferung war ja auch viel zu armselig, als dass man mit ihr hätte groß angeben können. Linji sagte: „Es ist besser, nichts zu tun und einfach und unkompliziert zu sein.“ Die Fischer und die Holzfäller waren genau das – einfach und unkompliziert. Und sie taten nichts, um irgendetwas zu erreichen, was ihnen eine besondere Bedeutung gegeben hätte. Kein Wunder dass sich Ikkyû bei ihnen wohler fühlte als bei seinen Klosterbrüdern.TLinji und Ikkyû waren wahre Brüder im Geiste. Das mussten sich die beiden ganz bestimmt nicht erzählen, dass der Mensch des Weges keine Spur von seinem Dasein zurücklässt. Na ja, so ganz ist ihnen das nicht gelungen, sonst könnten wir uns heute ja nicht an ihrem Dasein berauschen. Es geht dabei wohl auch mehr um die Absicht als um den Erfolg. Auch die Wildgänse, die über den See flogen, sind uns in Wort und Bild erhalten geblieben. Worum es auch da ging, war die fehlende Absicht. Weder der See noch die Wildgänse wollten sich je irgendwie verewigen. Und die beiden Geistesbrüder da oben wollten nichts, als in Ruhe ihr Bier zu trinken.

 

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2 Antworten zu Linji: Keine Spur von seinem Dasein hinterlassen

  1. chantaltalia schreibt:

    Im Garten der schönen Shin?
    Gerade im Facebook gefunden und hier geteilt.🙂 Samsara.

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  2. Baboji schreibt:

    Ikkyu in Bestform🙂

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