Huang-po: in Wahrheit gibt es keinen unveränderlichen Dharma

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Die kanonischen Schriften der Drei Fahrzeuge sind Hilfsmittel für vorübergehende Anforderungen. Sie wurden gelehrt, um solchen Anforderungen gerecht zu werden, und sie sind deshalb von vergänglichem Wert und voll Unterscheidungen. Würde man dieses begreifen, dann bestünden keine Zweifel mehr darüber. Vor allem ist es wesentlich, nicht eine besondere, für eine bestimmte Gelegenheit passende Lehre zu wählen und diese, weil sie im Kanon aufgezeichnet ist, als unveränderlichen Lehrsatz aufzufassen.

Und warum? Weil es in Wahrheit keinen unveränderlichen Dharma gibt, den der Tathāgata hätte predigen können. Anhänger unserer Schule würden dies bestimmt niemals behaupten. Wir wissen bloß, wie alle gedankliche Aktivität beruhigt und auf diese Weise die Gelassenheit erreicht werden kann. Wir beginnen nicht mit dem Nachdenken über die Dinge, um dann in Verwirrung zu enden.

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

BIch fang mal mit der für mich wesentlichen Aussage an: „Wir wissen bloß, wie alle gedankliche Aktivität beruhigt und auf diese Weise die Gelassenheit erreicht werden kann. Wir beginnen nicht mit dem Nachdenken über die Dinge, um dann in Verwirrung zu enden.“ Eigentlich könnte ich an dieser Stelle auch schon wieder aufhören, denn damit ist im Grunde alles gesagt. Wenn das Nachdenken über was auch immer aufhört, kann erst gar keine Verwirrung entstehen und damit der ganze Wahnsinn.

Hmm, darf ich jetzt nicht einmal mehr denken? Eben noch ließ Schiller den Marquis sagen:

Gehn Sie Europens Königen voran.
Ein Federzug von dieser Hand, und neu
Erschaffen wird die Erde. Geben Sie
Gedankenfreiheit.

Und schon will einem dieser Huang-po die Gedankenfreiheit wieder wegnehmen? Am liebsten die ganze Aufklärung, auf die wir uns doch so viel einbilden? Ob der das so meint, der Huang-po? „Huang-po, denkst du noch? Wenigstens so’n bisschen ab und an? Nicht mal einen einzigen Gedanken im Jahr?“ Huang-po schweigt. Nee, stimmt gar nicht. Er ist eingeschlafen.DAlso wie ist das nun mit der Denkerei? Klar denkt der Huang-po, behaupte ich mal, obwohl er mir noch nie vorgestellt wurde. Klar denkt er und dann denkt er wieder nicht, je nachdem. Er kratzt sich auch nicht ständig am Kopf. Nur wenn’s juckt. Und genau so hält er es auch mit dem Denken. Wenn’s ihn juckt, denkt er. Es juckt ihn nur ziemlich selten. Gelassenheit ist kein guter Nährboden für zwanghaftes Denken. Aber wenn der Hung-po sich für den Winter milchsaures Sauerkraut herstellen will – keine Ahnung, ob er je auf so’ne Idee gekommen ist –, wird er wohl den einen oder anderen Gedanken gedacht haben. An den Sinn des Lebens hat er vermutlich keinen einzigen Gedanken verschwendet. Zusammenfassung: Bei der Herstellung von Sauerkraut dürft ihr in Maßen Denken, ansonsten … wozu denken?

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3 Antworten zu Huang-po: in Wahrheit gibt es keinen unveränderlichen Dharma

  1. doro schreibt:

    Wir beginnen nicht mit dem Nachdenken über die Dinge, um dann in Verwirrung zu enden.
    aus: Huang-po

    Werter Herr Huang-po!
    Ich möchte Ihnen gern über meine Familie berichten. Ich lebe mit meinen Großeltern zusammen im Haus. 
    Meine Großmutter ist für ihr betagtes Alter noch ungewöhnlich schnell unterwegs. Den ganzen Tag läuft sie hierher und dorthin, steckt überall ihre Nase in alle Angelegenheiten, und sie redet und erzählt den ganzen Tag. Fast niemals gibt sie Ruhe, mal ist sie ziemlich schlau, mal ganz schön blöde. Wie alte Damen so sind. 
    Mein Großvater hingegen sitzt den ganzen Tag vor dem Ofen. Er ist still und verträumt. Setzt man sich zu ihm, so erzählt er lange Geschichten aus vergangenen Zeiten. 
    Ach, ihre Namen habe ich noch nicht genannt… Meine Großmutter heißt Nachdenken, mein Großvater heißt Erinnern. Was soll ich nun mit den beiden Alten machen? Ich kann sie doch nicht einfach so ins Heim stecken! Und außerdem: nur, weil sie nicht die Wahrheit erzählen, bedeutet das noch lange nicht, dass sie lügen. 
    Nein, Herr Huang-Po, ich werde meine beiden Alten pflegen und weiter mit ihnen reden und leben, denn, wer weiß, was sich daraus ergibt. 
    Herzliche Grüße!
    Doro

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    • Nitya schreibt:

      Tja, was soll ich dazu sagen, werte Doro?
      Soll ich überhaupt etwas sagen?
      Gelassenheit bedeutet, mit dem zu leben, was ist.
      Also auch mit diesen Großeltern.
      Grüß sie also schön von mir, bevor ich gleich wieder in Schweigen versinke.
      Jedem das Seine.
      Herzliche Grüße!
      Huang-po

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  2. Schöner Text, lieber Nitya!

    Aus eigener Erfahrung kann ich das nur bestätigen. Benjamin Hoff sagte es so schön:

    „Die zuverlässigste Weise, angespannt, ungeschickt und verwirrt zu werden, ist es, einen Geist zu entwickeln, der sich zu sehr anstrengt — ein Geist, der zu viel denkt“.

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