Kurt Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit

A
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In stiller Nacht und monogamen Betten
denkst du dir aus, was dir am Leben fehlt.
Die Nerven knistern. Wenn wir das doch hätten,
was uns, weil es nicht da ist, leise quält.
Du präparierst dir im Gedankengange
das, was du willst – und nachher kriegst das nie …
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
C’est la vie -!

Sie muß sich wie in einem Kugellager
in ihren Hüften biegen, groß und blond.
Ein Pfund zu wenig – und sie wäre mager,
wer je in diesen Haaren sich gesonnt …
Nachher erliegst du dem verfluchten Hange,
der Eile und der Phantasie.
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih -!

Man möchte eine helle Pfeife kaufen
Und kauft die dunkle – andere sind nicht da.
Man möchte jeden Morgen dauerlaufen
und tut es nicht. Beinah … beinah …
Wir dachten unter kaiserlichem Zwange
an eine Republik … und nun ists die!
Man möchte immer eine große Lange,
und dann bekommt man eine kleine Dicke –
Ssälawih -!

aus: Theobald Tiger, „Lerne Lachen“

B
Der Titel heiß nicht „Wunsch und Wirklichkeit“, sondern „Ideal und Wirklichkeit“. Die folgenden Zeilen, lassen dann das Idealistische eher vermissen, sie bleiben ganz profan an der Figur des Weibes hängen, die sich der Protagonist erträumt. Man möchte immer eine große Lange und dann bekommt man doch wieder nur eine kleine Dicke. Wat für’n Pech aba ooch! Wer sich nun einbildet, dass es hier nur um schnöden Fetischismus ginge, sieht sich durch den Titel des Gedichts getäuscht.

Der Begriff „Ideal“ suggeriert irgendwie etwas ganz besonders Hehres: Nächstenliebe, Vaterlandsliebe, Treue, Wahrhaftigkeit und anderes in der Preislage. Wenn man dann aber genauer hinschaut, kann man unschwer erkennen, dass der Figurfetischist einfach nur ehrlicher ist als der Idealist. In einem ganz entscheidenden Punkt unterscheiden sich die beiden Gruppierungen allerdings überhaupt nicht. Tucholsky drückt es mit den Worten aus: „Wenn wir das doch hätten, was uns, weil es nicht da ist, leise quält.“

„Man möchte immer eine große Lange, und dann bekommt man eine kleine Dicke – Ssälawih -!“ Da ist ja schon eine gehörige Portion Realismus zu erkennen, wenn man will, oder vielleicht doch eher sowas wie Fatalismus oder gar Resignation? Ob Kurt Tucholsky durch eine versehentliche oder eine bewusste Überdosierung seiner Barbiturate gestorben ist, darüber streiten sich die Götter. „Ssälawih!“ klingt in meinen Ohren eher nach Galgenhumor als nach der buddhistischen Einsicht, dass alles Leiden daher rühre, dass wir ständig etwas haben wollen, was nicht da und nicht zu beschaffen ist. Die große Lange war für unseren Protagonisten halt einfach nicht da.

Und wenn es nicht die große Lange ist, dann sind es vielleicht die Blumen oder die Mädchen oder die Männer oder die Gräber und, wenn das immer noch nicht reicht, das Verstehen:

 

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14 Antworten zu Kurt Tucholsky: Ideal und Wirklichkeit

  1. doro schreibt:

    Ich vermute mal, wenn man die große Lange mal erwischen würde, dann hätte sie eine hässliche Warze irgendwo, oder schiefe Zähne, einen Silberblick vielleicht oder einen schlimmen Dialekt. Vielleicht doch lieber in sich selbst suchen, was da zu finden ist… 

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    • Nitya schreibt:

      So mancher schwimmt im Überfluss,
      Hat Haus und Hof und Geld;
      Und ist doch immer voll Verdruss,
      Und freut sich nicht der Welt.
      Je mehr er hat, je mehr er will;
      Nie schweigen seine Klagen still.

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  2. Brigitte schreibt:

    Die Kluft zwischen Idealbild und Wirklichkeit kann unüberwindlich erscheinen. Der eigenen Erbärmlichkeit zu begegnen scheint unerträglich. Einem Ideal zu folgen bringt dich der Entfremdung näher. Du suchst nach Fluchtwegen, die allesamt in die Irre führen. Manchmal bleibt es einem nicht erspart, in den imaginären Abgrund zu springen.

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  3. LOB schreibt:

    Hat dies auf LOB's Metier rebloggt.

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  4. chantaltalia schreibt:

    Lieber Nitay,
    „Ich find ihn richtig niedlich den Kleinen“ schreibst du von dir.
    Du hattest ja gestern deinen 74.
    Hatte diesen Tag als 10. Januar gespeichert. Oh, meiner grauen Hirnzellen. Hier ein kleines für dich Ständchen von Lisa Gerard.
    herzlichst Chantal

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    • chantaltalia schreibt:

      Oh, verzeih, habe dir gerade noch einen neuen Namen verpasst: „Nitay“ Klingt ja fast nach einem alten Chan-Master. Ohne Absicht!!!! Das Alter eben. 🙂

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      • Nitya schreibt:

        Den Nitay verzeih ich dir locker, liebe Chantal, aaaber … für alles muss das Alter herhalten! Tz tz tz. Nun hatte ich gehofft, dass dieses Jahr der Geburtstags- Kelch an mir vorübergehen würde, und dann musstest du doch wieder deinen Finger tief in meine Wunde stoßen. – Na ja, der Lisa Gerard ist es dann doch wieder gelungen, den schlimmsten Schmerz etwaszu lindern. Deshalb verzeihe ich dir auch die Geburtstags-Sünde.

        Herzlichst
        Nitay

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  5. chantaltalia schreibt:

    Danke, dass du mir verziehen hast, lieber Nitya.
    Soll ich, oder soll ich nicht, das war da bei mir die Frage.
    Also, meinen Tag wirst du dann auch nicht, wie im letzten Jahr in Erinnerung rufen.
    „Dein und mein Alter und das Alter der Welt“ . Wenn kümmert’s?🙂
    liebe Grüsse in die Nacht.
    Chantal

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    • Nitya schreibt:

      Ooch, was ich für’n oller Sack bin, kann ruhig jeder wissen. Mir geht es mehr um dieses alljährliche Ritual der Glückwünsche und Danksagungen.

      Liebe Chantal, was „deinen Tag“ betrifft, werde ich schweigen wie ein Grab.🙂

      Herzlichst
      Nitya

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