Karl Renz: Du bist immer noch das, was du als Baby warst

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Das ist, als würdest du fragen: Ist mir überhaupt etwas passiert? Der Hinweis ist immer ungefähr dergestalt: Seit du ein Baby warst, ist alles, woran du dich erinnern kannst, das, was du bist – und das verändert sich niemals. Dein ganzes sogenanntes Leben lang, durch alle Anfänge und Enden und alle Veränderungen hindurch, während deiner schlimmsten Desaster, persönlich oder nicht, ist DAS gegenwärtig, was du ununterbrochen und unwandelbar bist. In dem, was du bist, hat es niemals eine Veränderung gegeben.

Aber du kannst nicht einmal wissen, was das ist. Dabei ist es DAS, was du bist, vollkommen unveränderlich. Vielleicht gibt es ein mehr oder weniger großes Erinnerungsvermögen, eine Häufung von Ereignissen, die sich um das imaginäre „Ich“ drängen, aber nicht einmal das ändert dich. Du bist immer noch das, was du als Baby warst – unbeeinflusst, frei von jeder Auswirkung. Die ganze Geschichte hatte niemals eine Auswirkung auf das, was du bist.

Daher ist das, was du bist, niemals von den immensen Tragödien deiner persönlichen Geschichte berührt worden – und geboren zu werden ist ziemlich tragisch. Aber du warst bereits DAS, bevor du geboren wurdest und durch deine Geburt und alles danach ist DEM, was du bist, nichts geschehen. Es gibt so viele Ereignisse, unzählige, sehr intensiv und sehr berührend, aber es ist nichts passiert.

Wenn ich also darauf hinweise, dann auf DAS, was-du-nicht-nicht-sein-kannst, also auf DAS, was bereits hier ist. Es ist also nichts Neues. Es ist höchst natürlich, dass du nicht-nicht-sein-kannst. Deshalb wird es das offene Geheimnis genannt und nicht geschlossene Unterwäsche.

aus: Karl Renz, „- Am I – I Am“H


Es ist so einfach und so offenbar, dass ich mir schon komisch vorkomme, es zu schreiben. Also wenn der Karl so frei ist, zu sich, also zu dem, was ich nicht-nicht-sein-kann „ich“ zu sagen, dann erlaube ich mir das auch. Mir gefällt ja sein Ausdruck „das, was ich nicht-nicht-sein-kann“ sehr viel besser als dieses ominöse DAS, in das der Verstand schon wieder so viel hineingeheimnissen kann.

Keine Geschichte hatte jemals irgendeine Auswirkung auf das, was ich bin oder besser: was-ich-nicht-nicht-sein-kann. Und zur Geschichte gehören natürlich nicht nur solche dramatischen Ereignisse wie meine Geburt oder mein erster Schultag oder mein erster Kuss und dergleichen, sondern auch alle Reaktionen dieses Körper-, Verstand- und Gefühls-Organismus, all das, womit sich Bewusstsein so gerne identifiziert und was in ständiger Veränderung ist. Das, was-ich-nicht-nicht-sein-kann, hat sich nie verändert, kann sich gar nicht verändert haben. Es ist allgegenwärtig und gleichzeitig unfassbar und unbegreiflich. Wenn Osho diese Aufforderung ausspricht „Sieh den, der sieht!“ dann versucht er, dich genau dahinein zu stupsen, genau in dieses allgegenwärtige Was-ich-nicht-nicht-sein-kann.

An deine Geburt erinnerst du dich wahrscheinlich nicht mehr, aber vielleicht an deinen ersten Schul-Tag oder an irgendeinen anderen, an einen Unfall, eine Krankheit, einen Sieg, eine Niederlage, Wogen des Glücks und des Unglücks, an Pläne und Erfolge, an tiefe Enttäuschungen, an Verzweiflung, an die große Liebe und auch an die kleineren, an all die Melodien, die dein Leben so vielfarbig werden ließen – das, was-du-nicht-nicht-sein-kannst, war immer dabei. Kann es einen treueren Begleiter geben? Also riskiere vielleicht doch diesen Blick in das hinein, was sieht. Solltest du dabei auf irgendein Etwas stoßen – das ist es nicht und wenn es Buddha höchstselbst wäre. Du weißt ja „Triffst du Buddha unterwegs …“D

Und vor allem,
Konrad, hör‘!
Lutsche nicht
am Daumen mehr;
Denn der Schneider
mit der Scher‘
Kommt sonst
ganz geschwind daher,
Und die Daumen
schneidet er
Ab, als ob
Papier es wär‘.

An was willst du dich dann noch halten? Wie 4711 ist das, was-du-nicht-nicht-sein-kannst, immer dabei. Na ja, auch Ersteres kannst du jederzeit verlieren.

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6 Antworten zu Karl Renz: Du bist immer noch das, was du als Baby warst

  1. doro schreibt:

    „Keine Geschichte hatte jemals irgendeine Auswirkung auf das, was ich bin oder besser: was-ich-nicht-nicht-sein-kann. 

    Das, was-ich-nicht-nicht-sein-kann, hat sich nie verändert, kann sich gar nicht verändert haben. Es ist allgegenwärtig und gleichzeitig unfassbar und unbegreiflich.“

    Immer wieder habe ich Probleme mit der Frage, was das dann alles soll… Warum erscheint „mir“ alles? Gibt es darauf Antworten? Findet eine Art Entwicklung statt, dadurch, dass der Traum stattfindet? Anscheinend nicht, denn wir hören ja grade, dass alles bleibt. 

    Ist es dann einfach „das Leben“, also muss es förmlich passieren, einfach eine Äußerung der Lebendigkeit? Oh je… 

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Doro,

      das-was-ich-nicht-nicht-sein-kann oder das-was-sieht, ist jenseits von Form und Zeit. Wie könnte es sich entwickeln? Entwicklung kann nur da geschehen, wo Form und Zeit vorhanden sind. Aber weil du Entwicklung sagst: Wenn du dir die Evolution anschaust, kannst du zweifellos Entwicklung entdecken. Auch wenn du dir ganz einfache Dinge anguckst, kannst du die Entwicklung sehen. Du kochst dir ein Ei, aus dem Ei, das du eben der Henne geklaut hast, wird ein gekochtes Ei. Das ist zweifellos eine Entwicklung. Und du kannst dieser Entwicklung sogar einen Sinn geben, wenn du willst: Das gekoche Ei sollte dein Frühstück verschönern. Also auf der Ebene der Form und der Zeit bleibt nichts, alles wandelt sich. Und Menschen verpassen dann den Erscheinungen den Sinn, der ihnen gerade in den Kram passt. Das-was-ich-nicht-nicht-sein-kann, bleibt von all dem unberührt.

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  2. fredo0 schreibt:

    werte Doro
    Für mich ist der Schlüssel der Begriff ( neutrale ) Neugier . ( besser noch das englische Curiosity )

    Diese braucht auch keine Entwicklung , Verbesserung, Erhöhung , Erweiterung.
    Ihr reicht stets das simple Angebot dessen was halt gerade beliebt zu erscheinen.
    Sie sucht keinen „Sinn“ , sondern „würdigt“ lediglich die Curiosität jedes neuen Momentes.
    Wenn es überhaupt eine „Tugend“ geben sollte , ist es für mich diese bescheidene Zufriedenheit mit dem Angebot zur „Beneugierung“ dessen was gerade beliebt zu erscheinen .

    Kein Augenblick ist so mies , dass er nicht dieser Neugier würdig wäre …
    😀

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  3. doro schreibt:

    „Entwicklung kann nur da geschehen, wo Form und Zeit vorhanden sind.“ (Nitya)

    Oh, eine neue Tür. Wie schön, dass das meinen Geist nun völlig verwirrt. Schön kraus gerupft sieht’s da jetzt aus! Danke, lieber Nitya für’s Bilder aus dem Kopf schütteln.

    „Sie sucht keinen ‚Sinn‘, sondern ‚würdigt‘ lediglich die Curiosität jedes neuen Momentes.

    Wenn es überhaupt eine “Tugend” geben sollte, ist es für mich diese bescheidene Zufriedenheit mit dem Angebot zur “Beneugierung” dessen was gerade beliebt zu erscheinen.“ (fredoO)

    Lieber fredoO, bedeutet das dann, dass in dem, was wir als unser Leben wahrnehmen, Neues erscheint? Ist das eine Überraschung? Was erzeugt diese Aufmerksamkeit? Ich habe immer eher die Vorstellung gehabt, dass dieser Traum, oder als was man es auch immer bezeichnen mag, „mich“ verwirklicht, ausdrückt, wie und was „ich“ bin. Dabei meine ich nicht die einzelnen Geschichten, sondern eher Schönheit, Leiden, Freude, Liebe, Sterben, Werden und Vergehen. Ich habe zwar neulich erst durch die Hilfe eines Freundes sehen können, dass auch Gefühle letztlich nur Geschichten sind, die genauso wenig „echt“ sind, wie die anderen Geschichten, aber wäre die von Dir beschriebene Neugier, die ich für mich mal mit Interesse, Aufmerksamkeit oder Anteilnahme assoziiere, dann eine „Eigenschaft“ von ‚das-was-ich-nicht-nicht-sein-kann‘? (dieser Name ist wirklich alleine schon eine Meditation) Ich glaube nicht, dass Du das so gemeint hast, oder? 

    „Kein Augenblick ist so mies , dass er nicht meiner Neugier würdig wäre …“ (fredoO)
    Oh, ja!🙂

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