Karl Renz: Ohne „Ich“ gibt es keine Unterschiede.


R

Wahrlich, ich bin das Absolute das Höchste;
Ich bin das Absolute und damit wesentlicher
als alles Wesentliche,
frei von Geburt und Tod,
still und nicht aufzugliedern.

aus: Dattatreya, Avadhuta-Gita [2.5.]

Was gäbe es ohne den Definierenden, der das Kommen und Gehen und Leben und Tod definiert? Wandel. Den Wandel nennt man Teufel – Meister der Zeit, Meister der Hölle, Meister der Unterschiede. Ohne „Ich“ gibt es keine Unterschiede. Es braucht jemanden, der den „Baum“ definiert, jemanden, der zwischen Wasser und anderen Dingen unterscheidet. Als Baby weißt du nichts von diesen Unterschieden. Die Konditionierung des Ichs ist zu dir gekommen, um Unterscheidungen zwischen den Dingen treffen zu können, und du hast sie erlernt. Das, was du gelernt hast, wird eines Tages nicht mehr da sein und dann wirst du wieder ohne dieses Unterscheidungssystem sein.

Es hat sich ergeben, und wird früher oder später wieder vergehen. Da es verschwunden sein wird, ist es bereits jetzt nicht da. Warum scherst du dich um etwas, das von allein verschwinden wird? Es ist von selbst gekommen und es wird von selbst wieder gehen. Warum kümmerst du dich darum? Du willst, dass es früher passiert. Geht es dir darum?

aus: Karl Renz, „Am I – I Am“

Also, zum Jahresabschluss den Dattatreya und mit dem Karl. In der Übersetzung von Wolfgang Schellhorn lauter Dattatreyas Vers:

Ich allein bin das Höchste.
Ich bin das Materielle
und das Immaterielle,
das Heilige.
bewege mich nicht hin und her.
Ich bin unbestimmbar
und unerschütterlich.

„Vive la différence!“ hatte ich gestern gesungen. Heute kommt der Karl daher und behauptet: „Ohne ‚Ich‘ gibt es keine Unterschiede.“ Gestern stand ich mal kurz am Küchenfenster und guckte hinaus auf die Lärchen, die Sträucher, die Hecke, die Wiese, den Häuserblock, der da seit Kurzem steht, und da gab es ein Vorne und ein Hinten, und dann gab es kein Vorne und kein Hinten mehr und alles verschmolz zu einem ununterscheidbaren Ganzen. Kennt ihr bestimmt auch alle. So ähnlich, dachte ich, muss wohl ein Baby die Welt wahrnehmen. Es nützt ja nichts, die alt bekannten Dinge nicht mehr zu benennen. Das ist doch nur eine einzige krampfhafte Anstrengung. Aber wenn die Augen nicht mehr diesen konzentrierten, analytischen Blick haben und ganz weich und offen werden, verschwinden die Unterschiede tatsächlich, zum Beispiel die Unterschiede der Räumlichkeit. Interessanterweise scheinen sich dann auch die Unterschiede der Zeitlichkeit aufzulösen. Und das „Ich“? Welches „Ich“? Hat er also doch recht, der Karl? „Ohne ‚Ich‘ gibt es keine Unterschiede.“
YVon Shankara kennen wir den Ausdruck vom „Kleinod der Unterscheidung“. Gibt es also doch Unterschiede? Der Karl ist ja nicht blöd und würde wohl kaum behaupten, dass es keinen Unterschied zwischen einem Gartenzwerg und einem Kän-Guru gibt. Und Shankara bestimmt auch nicht. Die haben doch keine Tomaten auf den Augen. Dattatreya hat die Antwort: „Ich allein bin das Höchste.“ Wenn der Kerl nicht größenwahnsinnig ist, dann meint er wohl ein anderes „Ich“ als der Karl, wenn der sagt: „Ohne ‚Ich‘ gibt es keine Unterschiede.“ Marianne wird jetzt vielleicht wieder sagen, dass wir uns alle nur im Kreise drehen und dass das zu Nichts führen würde. Nun, in diesem Fall soll es uns zum „Kleinod der Unterscheidung“ führen. Dattatreya sagt, woran man das „Ich“, von dem er spricht, erkennen kann: „Ich allein bin das Höchste. Ich bin das Materielle und das Immaterielle, das Heilige, bewege mich nicht hin und her. Ich bin unbestimmbar und unerschütterlich.“

Nun wäre der Karl nicht der Karl, wenn er nicht höchst unspirituell sagen würde: Du kamst ohne Unterscheidungsvermögen – eines Tages wirst du sowieso wieder ohne dein Unterscheidungsvermögen sein. Warum hast du’s bloß so eilig damit, es wieder loszuwerden?

Kürzlich zitierte Ronny den Ramana Maharshi: „Was nicht geschehen soll, wird niemals geschehen, wie sehr man sich auch darum bemüht. Und was geschehen soll, wird bestimmt geschehen, wie sehr man sich auch anstrengt, es zu verhindern. Das ist gewiss. Weise zu sein bedeutet daher, still zu bleiben.“

Ich wünsch euch … keine Ahnung was. Lasst es euch einfach gut gehen!

S

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6 Antworten zu Karl Renz: Ohne „Ich“ gibt es keine Unterschiede.

  1. fredo0 schreibt:

    „Wahrlich, ich bin das Absolute das Höchste;
    Ich bin das Absolute und damit wesentlicher
    als alles Wesentliche,
    frei von Geburt und Tod,
    still und nicht aufzugliedern.“

    so könnte man , etwas pompös , die Verblüffung umschreiben , als mich ( den üblicherweise Wahrnehmenden ) Wahrnehmung in sich selbst aufsaugte …
    und nichts mehr war ( ist ) …
    und dieses „nichts“ den Duft von tiefen absoluten Frieden hat(te) …

    und … der Verblüffung zweiter Teil … ich dies überlebte … wieder „ausgespuckt“ wurde …

    also … was konnte ich dann nur „sein“ ? … doch nix anderes wie dieser „tiefe Friede“ , der als einziges Bestand behielt in diesem „Nix“Moment …

    oder aber , mal wieder etwas indisch pompös :

    „Wahrlich, ich bin das Absolute das Höchste;
    Ich bin das Absolute und damit wesentlicher
    als alles Wesentliche,
    frei von Geburt und Tod,
    still und nicht aufzugliedern.“

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  2. Eno Silla schreibt:

    Mit „Ich“ gibt es keine Unterschiede

    auf der suche nach klaren worten
    fällt mir nur nichts ein
    mist

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  3. marcopollovich schreibt:

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