Carsten Rachow: Der Witz vom selbstlosen Selbst ist der Witz vom ichlosen Ich.

C„Sprache wirkt“, weshalb ich hier anstelle des unpersönlichen „Selbst“ das sehr persönliche „Ich“ verwende. Und schon wird sichtbarer, was einer wirklich behauptet, wenn er sagt, er hätte „selbstlos“ gehandelt oder wenn er „mehr Selbstlosigkeit“ fordert: „Ich habe ichlos gehandelt. Ich fordere mehr Ichlosigkeit.“ Da lacht sogar der Affe …

Selbstlosigkeit oder Ichlosigkeit existiert nicht (außer als geglaubtes Konstrukt). Jedes selbstlose Handeln ist voller Selbst, ist voll von Ichheit. Und damit voll von dem, was ich „das Bessere“ bezeichne, also der in jedem agierenden Ich wirkende Impuls, die eigene essentielle Gutheit in relativer Weise zum Ausdruck bringen zu wollen. Dies bedeutet: Sogar derjenige, der behauptet, er habe „völlig selbstlos“ gehandelt, er habe also nicht an sich und sein eigenes Wohl gedacht, sondern nur zum Wohle eines anderen gehandelt, wird dabei „erwischt“ werden können, wie er selbst die Variante „selbstlos agieren“ als besser bewertete als die Variante „nicht-selbstlos agieren“. Und in dieser inneren geistigen Sekunde hat er durch eben diese Bewertung an wessen Wohl gedacht? Richtig, an sein eigenes. Denn FÜR IHN fühlt es sich zunächst „besser“ an, so zu agieren und nicht anders; erst danach könnte es sein, dass sein Handeln auch zum Wohle eines anderen beiträgt.

Deshalb ist jede Selbstlosigkeit voller Selbst. Jede Ichlosigkeit ist voller Ich. Jeder Altruismus ist voller Egoismus. Und wo ein Ich ist, ist Aktivität, ist Erzeugung, ist das individuelle Sichausdrückenwollen. Was „hinaus“ gedrückt werden soll, ist das Ich – ist seine eigene Gutheit. Dies tut das Ich über seine geistigen Bewertungen. Dann folgt es „dem Besseren“, was niemals „das Bessere“, immer aber „mein Besseres“ ist. 

Das ist der Witz vom selbstlosen Selbst: Ein Ich erkennt nicht, was es selbst tut. Doch eigentlich – und das nun wieder erkennt vielleicht der lachende Affe nicht – ist eine solche Unbewusstheit nicht zum Lachen. Sie erzeugt nämlich viele Irritationen, viel Unklarheit, viel inneren Schmerz.

Ich dachte daher, all dies ein wenig sichtbarer zu machen, könnte helfen, diesen Schmerz ein wenig zu lindern …

Quelle: Carsten Rachow

LIch muss erst mal ein bisschen meckern. Ich finde, der Affe lacht zu Unrecht – falls man überhaupt je zu Unrecht lachen kann. Carsten schreibt: „Deshalb ist jede Selbstlosigkeit voller Selbst. Jede Ichlosigkeit ist voller Ich. Jeder Altruismus ist voller Egoismus.“ Der Begriff Selbstlosigkeit wird hier in einem bei uns umgangssprachlichen Sinn gebraucht: Selbstlos = altruistisch = das eigene Selbst hintan stellen und den anderen dienend hilfreich sein. Wenn Buddha von Anatta spricht, dann ist damit im Sinne des Wortes „Nicht-Selbst“ gemeint. Also kein dienendes, hilfreiches Selbst, sondern gar keins oder noch besser: Weder ein Selbst noch keines. Was denn dann, darüber schweigt des Sängers Höflichkeit. Leider haben „die Buddhisten“ bis auf einige Ausnahmen nach meinem Dafürhalten diesen Hinweis total verwässert bzw. geradezu vernichtet.

Andererseits – Carsten beginnt seinen Beitrag mit dem Hinweis: „‚Sprache wirkt‘, weshalb ich hier anstelle des unpersönlichen ‚Selbst‘ das sehr persönliche ‚Ich‘ verwende.“ Das würde ich eine Methode nennen und zwar eine Methode, die durchaus hilfreich sein kann. Menschen, die vom „Nicht-Tun“ hören, glauben häufig, dass es nichts mehr zu tun gäbe. Viele Menschen, die vom Nicht-Selbst hören weisen jede persönliche Verantwortung weit von sich. Und dann beklagen sie sich, wenn in ihrem Leben was schief läuft. Da lacht dann wirklich der Affe zu Recht. Aber wie ist das vermittelbar? Die alten Ch’an-Meister haben es mit Schweigen oder mit unlösbaren Rätseln oder mit Prügel versucht und es lässt sich, wenn überhaupt, nur paradox ausdrücken: Da ist niemand, der Verantwortung haben könnte und nun – übernimm sie! Oder wie ich es mal in Umkehrung eines Esso-Spruchs ausdrückte: Es gibt nichts zu tun, packen wir’s an! Witzigerweise habe ich diese Formulierung später mal in einem Buch von Rainer Langhans entdeckt. Oder wie es der leider etwas in Vergessenheit geratene deutsche Philosoph Hans Vaihinger gesagt hat: „Handle, als ob du der Handelnde wärest, mit dem Wissen, dass du nicht der Handelnde bist!“ Man könnte auch noch die bekannte Sufi-Weisheit zitieren: „Binde dein Kamel an! Gott braucht deine Hände.“ Na ja, da taucht sprachlich schon wieder eine Person namens Gott auf, aber man muss ja nicht alles persönlich nehmen.

Ich stimme Carsten vollkommen zu, wenn er sagt: „Jeder Altruismus ist voller Egoismus.“ Ich stimme ihm zu, wenn er auf die Wichtigkeit, Verantwortung zu übernehmen, hinweist (- auch wenn dies eine paradoxe Intervention ist). Ich stimme ihm nicht zu, wenn er sagt: „Selbstlosigkeit oder Ichlosigkeit existiert nicht (außer als geglaubtes Konstrukt).“ Wobei ich bei dem Begriff „existieren“ auf meinen gestrigen Beitrag verweisen möchte. Dass viele Leute aus irgendetwas Gehörtem, Gelesenem ein Konstrukt machen, bedeutet ja nicht, das es tatsächlich nur ein Konstrukt ist. Guckt doch mal drauf auf die Seiten von Carsten. Da ist einiges zu finden, was euch interessieren könnte.

A

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8 Antworten zu Carsten Rachow: Der Witz vom selbstlosen Selbst ist der Witz vom ichlosen Ich.

  1. Brigitte schreibt:

    spannend! danke für den Link.

    Vor zwei, drei Tagen bin ich über eine umfangreiche website gestolpert. Könnte für den einen oder anderen vielleicht auch interessant sein. Oben in der Zeichensymbolik findet man die einzelnen Themenbereiche zum Anklicken. Hier mal zum Schnuppern zwei Artikel über Sprache und Denken:
    http://www.gleichsatz.de/b-u-t/can/fospra.html
    http://www.gleichsatz.de/b-u-t/spdk/izutsu1b.html

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  2. Marianne schreibt:

    In meiner Wahrnehmung dreht sich die Diskussion um das „spirituelle Ich“ immer wieder in den gleichen Kreisen, ganz egal, ob sich ein Terence Gray, ein Nitya, oder ein Carsten Rachow dazu äußern…Platt ausgedrückt: Sie führt zu Nichts!
    Nachdem ich nur wenige Semester Philosophie studiert habe, überlasse ich hier die Konzeptbildung lieber Leuten, die sich damit auskennen:
    Gendlin:

    Die Person oder das Ich ist anoematisch. Noema heißt in der Philosophie ein Inhalt, ein Objekt, ein Etwas. Das Ich ist nicht ein Inhalt. …Das heißt für mich: Den Satz, „das Ich oder die Person ist …“ kann man nicht zu Ende sagen. Was immer man nach dem „ist“ sagt, ist falsch. Man kann das Ich nicht mit etwas anderem beschreiben.

    Im Erleben scheint der Bezugspunkt (-rahmen), den wir mit „Ich“ oder „Selbst“ bezeichnen, in verschiedenen Lebensaltern und auch bei verschieden geprägten Persönlichkeiten sehr unterschiedlich in Erscheinung zu treten.
    In der „mystischen Erfahrung“ gibt es hier wohl Übereinstimmungen, die kommuniziert werden können. Über längere Zeiträume scheinen – nach dem Eintreten in solche Erfahrungen – natürliche Entwicklungen stattzufinden, die als eine Umstrukturierung (dauerhafte Verwandlung) der Ich-Bezüge gedeutet werden können. So verstehe ich das Anatta-Konzept im Buddhismus, als eine Beschreibung, wie Erleben „organisiert“ sein kann.

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    • Nitya schreibt:

      „Die Diskussion führt zu Nichts!“

      Na prima, dann hat sie ja ihr Nicht-Ziel nicht erreicht. Herz was begehrst du mehr!

      „So verstehe ich das Anatta-Konzept im Buddhismus, als eine Beschreibung, wie Erleben ‚organisiert‘ sein kann.“ Wunderbar! Organisier du nur immer weiter! Und irgendwann, falls wir uns im Jenseits mal treffen sollten, erzählst du mir, wohin dich deine Organisierei geführt hat!

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      • Marianne schreibt:

        Wie kommst du drauf, dass ICH das organisiere … ? In meiner Wahrnehmung (meinem Erleben) bilden sich solche Strukturen ganz von alleine, ohne mein Zu-Tun … und … natürlich ist „jedes Erkennen ein Tun“ …😉
        Freue mich schon auf „unsere“ Begegnung im Jenseits! 😀

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      • Nitya schreibt:

        „natürlich ist ‚jedes Erkennen ein Tun'“ … Wer tut denn da? Etwa doch ein Ich oder ein ICH oder sonst irgendeine Gedankenkonstruktion? „Und was hat das mit Buddhas Anatta zu tun?“ frag ich mal so als blutiger Laie.

        „Unsere“ Begegnung ist allerdings auf „Erkennen durch „Tun“ angewiesen. Also ich werde eine rote Nelke am Nachthemdkragen befestigen – oder was trägt man da so als Engel – um dir das Ekennen zu erleichtern.

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      • Marianne schreibt:

        Wenn du mir als „Engel“ erscheinen wirst, könntest du ja auch ein „Halleluja“ singen … Deine Stimme wäre sicher unverwechselbar im himmlischen Chor!😉
        <3lich
        Marianne

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