Wei Wu Wei: Existiert ‚Existenz‘?


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‚Existenz‘ ist eine begriffliche Objektivierung (ein ‚Etwas‘, das ist oder zu sein scheint). Davon abgesehen, d.h., ohne einen Bezug auf Objektivierung, hat der Begriff keine Bedeutung. ‚Existenz‘ ist daher ein Begriff, relativ zu ‚Nicht-Existenz‘.

Sieht man ‚Existenz‘ als ’scheinbar‘ an, oder ‚mit scheinbarem Sein‘, setzt man sie mit ‚Erscheinung‘ gleich, unabhängig davon, um welches Objekt es sich handelt, und man könnte alle Erscheinung als existent bezeichnen. Doch das wäre ein Widerspruch in sich, denn ’scheint zu existieren‘ impliziert das Gegenteil, ’scheint nicht zu existieren‘, und das erforderte potentielle nicht-scheinbare Existenz.

Demzufolge kann ’scheinbare‘ Existenz nicht Existenz als solche bedeuten.

‚Existenz‘ und ihr Gegenteil, ‚Nicht-Existenz‘, bleiben objektive und aufeinander bezogene Begriffe, so dass alles, von dem man sagt, es existiere oder existiere nicht, zwangsläufig ein Objekt im Geist sein muss.

Dennoch ist ein Objekt per Definition etwas, das in Erscheinung tritt, und was nicht in Erscheinung treten kann, kann kein Objekt sein. Daraus folgt, dass das, was objektiv ist, existieren kann, was hingegen nicht objektiv ist, kann nicht existieren.

Obwohl also Objektivität existieren kann, Subjektivität kann es nicht.

Kurz gesagt, ‚du‘ kannst als existent gedacht werden – sei es begrifflich oder materiell – denn ‚du‘ bist mein Objekt. Ich jedoch existiere nicht als ‚Ich‘, denn als Ich bin ich dein Subjekt. Ich kann nur existieren, als wäre ich ein Objekt, doch ein Objekt kann kein Subjekt sein, oder ein Subjekt ein Objekt, demzufolge ich als Subjekt nicht existieren kann.

Deshalb existiert – ebenso wenig wie ich – kein Ding (Objekt), aber Dinge (Objekte) können scheinbar existieren, und ihre Subjekte existieren nicht, auch nicht scheinbar.

Existenz als solche ist eine begriffliche Illusion, lediglich eine Erscheinung im Geist.

aus: Wei Wu Wei, „Nachrufe“
wwwAlso wenn ich diesen Text einem „normalen“ Menschen vorlege, wird der vielleicht sagen: „Dem seine Sorgen möchte ich haben!“, ein anderer wird mich möglicherweise fragen, ob der Verfasser nichts Vernünftiges zu tun hatte. Ein Grobian würde den Verfasser vermutlich kurzerhand zum Hirnwichser erklären und zur Tagesordnung übergehen. Da aber heute Sonntag ist und ihr eh nichts „Vernünftiges“ zu tun habt, habt ihr vielleicht Lust, eure eingerosteten Gehirne ein wenig auf Trab zu bringen. Einfach mal gucken, wo’s hakt.

Bei mir hakte es zum Beispiel im zweiten Abschnitt, in dem Wei Wu Wei den Begriff „Erscheinung“ mit dem Begriff „scheinbar“ gleichzusetzen scheint. Alle Erscheinung als existent zu bezeichnen wäre ein Widerspruch in sich, denn ’scheint zu existieren‘ impliziere das Gegenteil, ’scheint nicht zu existieren‘, und das erfordere potentielle nicht-scheinbare Existenz. Ich such mal für mein einfältiges Hirn ein einfaches Beispiel: Ein Seil, das in der Dämmerung für eine Schlange gehalten wird, ist scheinbar eine Schlange, in ‚Wirklichkeit‘ aber ein Seil. Das ändert aber nichts daran, dass die Schlange für mich als Erscheinung existiert. Dem kann ich dann wieder zustimmen: „‚Existenz‘ und ihr Gegenteil, ‚Nicht-Existenz‘, bleiben objektive und aufeinander bezogene Begriffe, so dass alles, von dem man sagt, es existiere oder existiere nicht, zwangsläufig ein Objekt im Geist sein muss.“ Insofern kann ich weder die Existenz des Seils noch die der Schlange behaupten.

Bei dem Satz versteh ich nur Bahnhof: „Ich jedoch existiere nicht als ‚Ich‘, denn als Ich bin ich dein Subjekt.“ Wie kann ich das Subjekt eines anderen sein? Hmm, höchstens in dem Sinn, dass ein anderer mich dafür hält, nämlich für ein Subjekt, das aus sich selbst heraus denken, handeln, entscheiden kann?

Dann ist da diese schöne Behauptung: „Objektivität kann existieren, Subjektivität kann es nicht.“ Ich kann nur existieren, wenn mich eines meiner Objekte, also z.B. du, zu seinem Objekt macht. Und wenn da niemand ist, der Lust hat, mich zu seinem Objekt zu machen, ich könnte auch sagen: der mich verortet: „Du bist genau da an diesem Ort in der Grenzenlosigkeit.“ Wenn da niemand ist – fühl ich mich dann verloren? Gibt es mich dann am Ende gar nicht mehr? Brauche „ich“ den anderen dafür, dass er mir meine Existenz bestätigt? Gleichgültig, ob er mich liebt oder hasst, bloß meine Existenz soll er verdammt noch mal bestätigen?

Und wenn da niemand ist, fang ich an „mit mir selbst“ zu reden, mache ich mich selbst zum Objekt? Reine Selbstbefriedigung? Aber mit jedem Gedanken, mit jedem Gefühl glaube ich zu wissen: Mich gibt es! Gott sei Dank, mich gibt es! Bloß nicht Oshos Empfehlung folgen: „Sieh‘ den, der sieht!“ Ich könnte mir ja abhanden kommen?

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14 Antworten zu Wei Wu Wei: Existiert ‚Existenz‘?

  1. Brigitte schreibt:

    Guten Morgen! Oh Mann, wie kannst du dir am freuen Morgen schon derart dein kluges Köpfchen zerbrechen;-) Sag mal, Du Nitya, verstehst du noch, wovon du da sprichst? “Klar, sonst könnte ich ja nicht darüber reden”, denkt er vielleicht. Und wer ist nun wieder dieser „er“, der sich da klammheimlich zwischen „du“ und „ich“ schleicht? Du und ich und er reine Vorstellung? Gedankenkonstrukte? Erfundene Begrifflichkeiten, Objektivierungen, Bezugspunkte, die gegenseitig sich bedingend in Erscheinung treten? Und was bitte ist nun Subjektivität? Ah, interessante Frage. Hoppla, jetzt bloß keine Antwort drauf finden.“Sieh’ den, der sieht!” Ähm… ich geh(t) jetzt ins Bett. Völlig ahnungslos. Ob ich mir im Schlaf abhanden komme? Schaun ma mal, ob ich wieder auftauche… Gute Nacht!
    Trotzdem, schön, dass Du bist,… sodele! „YOU ARE NOT“, tönt Nisargadatta mir ins Ohr. „Wen kümmerts“, darauf Ramesh Balsekar. „Alles für die Katz“, sag ich…, let it go. Freu dich einfach des Lebens und genieße das Wunder zu Sein.

    „Falls du noch über die Wirklichkeit sprechen mußt,
    sieh, wie sie sich völlig enthüllt in allem und in jedem
    Geschehnis offenbar ist.“ (Toshihiko Izutsu)

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    • Nitya schreibt:

      Mach dir mal keinen Kopf um meinen Kopf, liebe Brigitte.😉

      Das Leben ist so bunt, dass es sogar solche Knalltüten wie mich hervorbringt. Oder um mit Toshihiko Izutsu zu sprechen: Sieh, wie sich die Wirklichkeit in allem und sogar in diesem komischen Nitya völlig enthüllt und in jedem Geschehnis offenbar ist, sogar in seinem Schreibwahn.

      „YOU ARE NOT“, „Wen kümmerts“, „Alles für die Katz“, „let it go“ … alles nur Splitter in einem Gesamtkunstwerk, das alles einschließt. Alles, ohne Ausnahme. Auch die Vorstellungen, Gedankenkonstrukte, erfundenen Begrifflichkeiten, Objektivierungen, Bezugspunkte, die gegenseitig sich bedingend in Erscheinung treten, … einfach alles.

      Und „für die Katz“ impliziert sein Gegenteil „nicht für die Katz“. Mit einem „weder für noch nicht für die Katz“ könntest du jetzt vielleicht noch seliger einschlafen?

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      • Brigitte schreibt:

        Sorry, wenn ich dir zu nahe getreten bin mit meiner Äußerung. Es war scherzhaft gemeint. In keiner Weise wollte ich etwas an dir bekritteln. Meine Art zu schreiben ist manchmal unüberlegt und flapsig, aber bestimmt nicht persönlich ausgerichtet. Also nichts für ungut. Ich verschwinde mal wieder🙂

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      • Nitya schreibt:

        Wie kommst du auf die komische Idee, dass du mir zu nahe getreten bist?

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      • Brigitte schreibt:

        Dieser Satz „ Mach dir mal keinen Kopf um meinen Kopf„ hat eine Irritation in mir ausgelöst. Und in mir den Anschein erweckt als wolltest du mich auf etwas hinweisen, was mir in deinen Augen nicht zusteht. Doch tatsächlich mache ich mir äußerst selten einen Kopp um irgendjemandes Kopf. Wahrscheinlich wurde dadurch eine alte Prägung in mir getriggert, verantwortungsvoller mit meinen Äußerungen zu sein und aufzupassen, was mein Gequassel unter Umständen beim Gegenüber auslösen könnte. Meist schreibe ich einfach munter und ungefiltert drauf los, wie es grad in mir auftaucht, ungehindert irgendwelcher Befindlichkeiten. Alles andere ist mir zu anstrengend und krampfig. Nun ja, ich will da jetzt kein Ding draus machen oder irgendwelche Schatten bearbeiten. Eine kleine Welle, mehr war es letztlich nicht. Deswegen hatte ich ja auch geschrieben, „sorry, wenn…“ Wenn da nix verkehrt angekommen ist bei dir, umso besser. Wie hattest du mal gesagt: „Wenns deinem Herzl gut geht, gehts meinem auch gut“ oder so ähnlich😉

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      • Nitya schreibt:

        „Mei Herzerl und dei Herzerl, die haben miteinand einen Bund: Ist dei Herzerl krank, ist meins a ned recht gsund.“ Oder so ähnlich.🙂

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  2. marcopollo schreibt:

    „Einfach mal gucken, wo’s hakt.“ Allerorts. Das ist schon ein ganz schöner Brainfuck.

    <>
    Verstehe das in etwa so (weiss nicht ob es Sinn macht, wenn nicht..egal), das man zu dem gemacht wird, den man für den anderen darstellt – der aber sagen würde, man hat sich selbst so gemacht, wie man sich für ihn darstellt.

    “Objektivität kann existieren, Subjektivität kann es nicht.”
    „Brauche “ich” den anderen dafür, dass er mir meine Existenz bestätigt? Gleichgültig, ob er mich liebt oder hasst, bloß meine Existenz soll er verdammt noch mal bestätigen?“
    Davon muss man wirklich fast ausgehen. Und zudem vielleicht davon, dass wir auch aus uns selbst ein Objekt machen ? Ein Primärobjekt vielleicht ? (sehe grad wieder, das kam dir im letzten Absatz auch in den Sinn)
    „Wenn da niemand ist – fühl ich mich dann verloren?“ Haha, dieser Satz impliziert wieder eine kleine Ahnung meinerseits.😉

    Diesen Wei Wu Wei muss ich mir mal genauer anschauen, scheint ein interessanter Typ gewesen zu sein. Wenn er denn wirklich existierte. Scheint aber so.

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  3. miesvandenbergh schreibt:

    Existierst Du nur, wenn Du eine Wirkung verursachst? Nur, was Du erfährst, ist existent?
    Wirkung: etwas was mit Deinen Sinnen (5-19!) erfahren werden kann.
    LG

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    • Nitya schreibt:

      Um eine Wirkung erzielen zu können, müsste ich erst einmal existieren. Aber bin ich es denn, der eine Wirkung erzielte? Kann es nicht sein, dass die scheinbare Wirkung einfach geschah ohne dass jemanden da war, der sie erzielte? Buddha sagte: „Handlungen geschehen, doch gibt es keinen Handelnden.“ Vielleicht hat er ja recht?
      LG

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      • miesvandenbergh schreibt:

        Der Schüler fragt Buddha: Meister, ist die Schüssel nun halb voll oder halb leer? Buddha antwortete: Welche Schüssel?
        Wer würde sehen, ob eine Wirkung geschähe?
        Ich finde es sehr spannend! GLG

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      • Nitya schreibt:

        Ein Ch’an-Meister hätte Buddha daraufhin möglicherweise die Schüssel über den Kopf gekippt, gleich ob sie nun halb voll oder halb leer gewesen wäre. Und Nargarjuna hätte Buddha vielleicht mit seinem Catuṣkoṭi beglückt. GLG

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