Pai-Chang: Seltene Jade schleift man nicht

JHuang-Po fragte Pai-Chang: „Was ist die Lehre der alten Meister?“ Pai-Chang verharrte im Schweigen.

„Was soll nun den kommenden Generationen überliefert werden?“ – „Ich dachte, Ihr seid ein Meister von großem Kaliber“, entgegnete Pai-Chang mit ironischem Lächeln. „Die Buddhaschaft anzustreben, die Erleuchtung zu suchen, irgendwas zu suchen, heißt die Wurzel für die Äste zu verlassen. Alle Dinge sind vollkommen, nichts fehlt. Lebt spontan! Warum im Außen suchen?“

„Aber die Suchenden benötigen Antworten, um zur Ruhe zu kommen.“ – „Ihr wollt Antworten? Hier sind welche: Schmeckt die Süße des weglosen Weges, genießt die Freuden des LEBENS und streift dabei nur in der einen WIRKLICHKEIT umher!

Man muss die Leidenschaften gewiss nicht abschneiden. Seid einfach spontan, in jedem Atemzug, in jeder Handlung – und die Absichtslosigkeit des TAO wird die Kraft sein, die Euch trägt. Zu versuchen, Objekte abzuschaffen, bildet einen Eingriff zwischen Geist und Objekt. Der Geist ist Auslöschung, das Objekt Beruhigung. Unwissende sind diejenigen, die in Meditation sitzend an nichts denken und sich für großartig halten.

Geschickte Arbeit ruiniert die ungeschliffene Jade. In der Natürlichkeit und der Spontaneität dessen, was IST, ist die ganze Schönheit des TAO offenbar.

Die Tatsache, dass Ihr über die Erkenntnisse eines anderen nachdenkt und Unklarheit und Unvollkommenheit darin seht, erweckt den Anschein einer Ahnung in Euch und nicht im anderen. Warum über die Sichtweise von anderen nachdenken? Eliminiert Eure eigene Sichtweise.

Ihr habt keinen Grund, den Geist abzulegen. Noch weniger, ihn zu zwingen, sich zu beruhigen. Darin besteht die Beruhigung. Solange man sich an die Existenz des Geistes hängt, existiert dieser sogar ohne Überlegung. Aber wenn man erkennt, was Befreiung des Geistes ist, besteht Befreiung sogar dann, wenn Überlegungen auftauchen. Davon zu reden, als ob man in der Einheit ruht oder wieder rausgefallen ist, heißt noch immer in gedanklichen Gebäuden zu leben.

Körper und Geist befinden sich immer im natürlichen Zustand. Da ist nur ein Gelebtwerden. Wenn man frei ist, ist Freiheit nicht durch irgendeine Art von Erfahrung zu bedingen. Ihr seid es, unbedingt.

Ihr braucht nichts, der natürliche Zustand ist immer gegeben, entspannt Euch. So, wie es ist, ist es gut.

Der Zustand des Wissens ist Nicht-Wissen. Nicht-Wissen ist Eure ursprüngliche Natur, durch die spontan die Essenz aller Dinge erkannt wird. Es gibt nichts, wo das Absolute nicht ist. Alles geschieht in der absoluten Wirklichkeit dessen, was IST. Sich immer wieder frisch und spontan erfassen zu lassen, das ist der Weg.

Text vermutlich von Meister Pai-Chang, veredelt von Meister RonnyDIch möchte nur eine Aussage herausgreifen: „Geschickte Arbeit ruiniert die ungeschliffene Jade. In der Natürlichkeit und der Spontaneität dessen, was IST, ist die ganze Schönheit des TAO offenbar.“ Als ich diesen Satz las, musste ich an meine Begegnung mit anthroposophischen Eltern denken und ihrer Vermeidung von Spielsachen aus Plastik für ihre Kinder. Alles musste aus Holz oder anderen unverfälschten Naturprodukten sein. Nun geht der eben zitierte Satz noch weiter: Es genügt nicht, dass das Material ein unverfälschtes Naturprodukt ist, es darf auch in keiner Weise bearbeitet oder von Menschenhand gestaltet worden sein. Der Jade-Drachen unten wäre also eine ruinierte, ungeschliffene Jade, während der Jade-Brocken oben zumindest noch etwas von seiner Ursprünglichkeit ahnen lässt. Ich nehme an, dass er so auch nicht gefunden wurde, sondern bereits irgendwo herausgeschlagen wurde.

„In der Natürlichkeit und der Spontaneität dessen, was IST, ist die ganze Schönheit des TAO offenbar.“ Ketzerische aber durchaus ernst gemeinte Frage: Gibt es irgendetwas, das nicht Ausdruck ist der Natürlichkeit und Spontaneität dessen, was IST? Gibt es also ein ZWEITES, das sich außerhalb befindet? Etwas, das die Natürlichkeit und Spontaneität dessen, was IST, ruinieren kann?

W
SJa, würden jetzt sicher viele sagen und etwa an das Beispiel des natürlichen Laufs eines Baches oder Flusses denken und an seine von Menschenhand kanalisierte Form. Natürlich ist im zweiten Fall der Fluss in seiner Natürlichkeit und Spontaneität ruiniert worden, da brauchen wir nur an Victor Schauberger denken. Hmm, und wie ist das mit der „Menschenhand“ und dem „Menschengeist“? Stehen die außerhalb der „Natürlichkeit“?

Gibt es irgendetwas, das außerhalb der Natur stehen könnte? Das kommt darauf an, wie wir „Natur“ definieren, würden vielleicht einige sagen. „Körper und Geist befinden sich immer im natürlichen Zustand.“ Vielleicht ist es hilfreich, sich auch noch einmal diesen Abschnitt zu vergegenwärtigen:

Ihr habt keinen Grund, den Geist abzulegen. Noch weniger, ihn zu zwingen, sich zu beruhigen. Darin besteht die Beruhigung. Solange man sich an die Existenz des Geistes hängt, existiert dieser sogar ohne Überlegung. Aber wenn man erkennt, was Befreiung des Geistes ist, besteht Befreiung sogar dann, wenn Überlegungen auftauchen. Davon zu reden, als ob man in der Einheit ruht oder wieder rausgefallen ist, heißt noch immer in gedanklichen Gebäuden zu leben.

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9 Antworten zu Pai-Chang: Seltene Jade schleift man nicht

  1. marcopollo schreibt:

    Ein kleines Fazit zum Jahresende:
    Die Essenz dieses Blogs ist für mich, der Versuch uns mithilfe der Sprache dem Gedanken zu nähern, dass es nix zu bereden gibt. Die Gedankenanregung drüber nach zu denken, dass es nichts zu denken gibt. Jeder Gedanke wird formuliert, somit kann das Denken nur eine stille Art des Sprechens sein. Wird ein Gedanke nicht formuliert, bleibt er rein und gewissermaßen unzugänglich fürs sprachliche Bewusstsein – halt eben nur mehr fühlbar, erfahrbar, erlebbar. Was erstrebenswert erscheint, insofern, in diesen ursprünglichen Zustand zurück zu kehren. Informationen austauschen kann wunderbar funktionieren: Über Bahnpreise sprechen, über Kochrezepte, übers Fußballspiel. Alles was darüber hinausgeht, ist irgendwo sehr schwierig. Diese Sichtweise mithilfe von Sprache zu vermitteln, macht aber natürlich durchaus wieder Sinn, da sie anregen kann, über sich selbst hinaus zu gehen.

    Also im Grunde gibt es nichts zu bereden, oder ? Natürlich frag ich mich auch, warum ich mich hier überhaupt zu Wort melde, und schlussendlich hab ich nicht mehr als eine Ahnung. Eine formulierte Ahnung und eine unformulierte.😉

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  2. chantaltalia schreibt:

    Der grüne Jade-Brocken gefällt mir auch viel besser, als der Jade-Drachen. Die Natur ist einfach perfekt. Ich verstehe die Kunst aber nicht so, dass sie den Anspruch hat, die Natur korrigieren zu wollen oder perfekter zu sein. Kunst will menschliche Inhalte transportieren, sichtbar machen. Die Natur kopiert sich immer wieder selbst. In der Kunst ist das ihr Tod. Da sehe ich den Unterschied.🙂

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Chantal,

      das sehe ich weitgehend wie du. Nicht zustimmen würde ich allerdings dem, dass Natur nur sich immer wieder selbst kopiert. Da würde mir dann eher Andy Warhol einfallen. Ich würde sagen: Nichts wiederholt sich in der Natur jemals. Jedes Blatt ist ein Unikat. Was die großen Veränderungen betrifft, dauert in der Natur nur alles ein Weilchen, bis die Veränderungen sichtbar werden.

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      • chantaltalia schreibt:

        Lieber Nitya, wo du recht hast, hast du recht… Zum Glück bist du nicht Andy Worhol, sonst gäb es hier auf deinem Blog jeden Tag den gleichen Frass, wie in manchen Satsangs, wo alles immer aus der EINEN Suppe kommt.
        Bei mir gibt es heute Abend eine Gemüsesuppe.
        Herzlichst Chantal

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      • Nitya schreibt:

        „… jeden Tag den gleichen Frass, wie in manchen Satsangs, wo alles immer aus der EINEN Suppe kommt.“ Hihi, das kam aber aus dem Herzen!

        Ich hoffe, dir hat deine Gemüsesuppe wohl gemundet!
        Herzlichst
        Nitya

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  3. Baboji schreibt:

    Ein sehr starker Text!

    “ und die Absichtslosigkeit des TAO wird die Kraft sein, die Euch trägt“

    TOP🙂

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