Huang-pos Weihnachtsbotschaft: Äonen nutzloser Anstrengungen

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Stellt euch einen Krieger vor, der vergessen hat, dass er seine Perle auf der Stirn trägt, und sie überall sucht. Er könnte die ganze Welt durcheilen und würde sie doch nicht finden. Würde aber jemand, der Bescheid wüsste, seinen Irrtum aufklären, würde er sogleich erfassen, dass die Perle die ganze Zeit dort war. Ebenso werdet ihr Schüler des Weges, wenn ihr euren wirklichen Geist nicht als Buddha erkennt, diesen überall sucht, euch auf verschiedenste Handlungen und Übungen einlasst und durch solche stufenweisen Praktiken das Ziel zu erreichen versucht, auch nach Äonen eifrigster Suche nicht imstande sein, den Weg zu finden.

Diese Methoden lassen sich nicht vergleichen mit dem plötzlichen Ausmerzen aller begrifflichen Gedanken, im sicheren Wissen, dass es überhaupt nichts gibt, was absolute Existenz besitzt, nichts, an das man sich klammern kann, nichts, auf das man bauen, nichts, in dem man verweilen kann, nichts, was Subjekt oder Objekt ist. Nur indem ihr verhindert, dass begriffliches Denken entsteht, werdet ihr Bodhi erfahren. Dann werdet ihr auch Buddha erfahren, der immer in eurem eigenen Geist existierte. Alle Äonen eifrigsten Suchens werden sich als ebenso lange Zeit nutzloser Anstrengungen erweisen. Es wird sein wie bei dem Krieger, der seine Perle fand: Er entdeckte nur, was er all die Zeit auf der Stirn trug, und dieses Entdecken hat nichts zu tun mit seinen Anstrengungen, die Perle anderswo zu finden. Darum sprach Buddha: Ich habe durch die vollkommene unübertreffliche Erleuchtung wahrlich nichts dazugewonnen.“

aus: Huang-po, „Der Geist des Ch’an“

BObwohl die Brille da oben ja eigentlich eine Suchhilfe ist, ist sie im vorliegenden Fall der Gegenstand der Suche, so wie in der Geschichte von Huang-po die angeblich verlorengegangene Perle des Kriegers Gegenstand seiner Suche ist. Der Sinn ist derselbe, aber das Brillenbeispiel ist uns vielleicht etwas näher als der perlengeschmückte Krieger. Für mich ist diese Geschichte das Herz dessen, wofür Tao-Ch’an steht. Heute ist ja Weihnachten, hab ich mir sagen lassen, und ich finde, dass das eine schöne Weihnachtsgeschichte ist, eine Geschichte zugleich, die in die Zeit der dunkelsten Tage passt: „Und das Licht leuchtet in der Finsternis – und die Finsternis hat es nicht begriffen.“ Die Finsternis begreift es nicht und kann es auch gar nicht begreifen. Und doch leuchtet das Licht in der Finsternis. Opa findet seine Brille auf der Stirn, lacht und kräht: „Mann, bin ich doof!“

Eigentlich geht’s hier natürlich nicht um eine Brille, sondern um eine Perle. Die Perle ist ein Symbol. Ihr erinnert euch an Jesus und sein Gleichnis vom Kaufmann, der alle seine Waren verkaufte und dafür einzig diese eine Perle erwarb: „Der Sucher ist das Gesuchte.“

Wenn das Enkelkind den schon leicht vertrottelten Opa daran erinnert, dass die Brille, die er sucht, auf seiner Stirn klebt, was gibt es dann noch zu denken, zu üben oder gar noch stufenweise den Weg zur Erkenntnis, wo sich die Brille befindet, zu beschreiten, … es ist einfach klar. Natürlich hat man dann aus diesem simplen „Gott, bin ich blöd!“ vom Opa eine eigene spirituelle Schule gebastelt, die Schule der blitzartigen Erleuchtung, und diese Schule kann sich nun den Rest aller Zeiten mit der Schule der stufenweisen Erkenntnis um den wahren Weg herumstreiten. Menschen müssen halt richtig zwanghaft immer alles organisieren. Was Opa wohl dazu sagen würde, der inzwischen dank des Enkels Nachhilfe seine Brille gefunden hat?

Also, ich hab’s ja nicht so mit Weihnachten und dem ganzen Klimbim. Ich bin froh, wenn der Budenzauber vorbei ist. Süßer die Kassen nie klingeln … aber wenn schon, wie schön wäre es, wenn sich alle daran erinnern würden, dass es nichts zu tun gibt und dass es nur dieser kleinen Erinnerung bedarf: „Es gibt überhaupt nichts, was absolute Existenz besitzt, nichts, an das man sich klammern kann, nichts auf das man bauen, nichts, in dem man verweilen kann, nichts, was Subjekt oder Objekt ist.“, dass da nur dieser eine Augenblick ist des „Spüren Sie’s?“, an den Gabi gestern freundlicherweise erinnert hat. Wäre das nicht ein feines Weihnachtsgeschenk?

KUnd das Licht leuchtet in der Finsternis –
und die Finsternis hat es nicht begriffen.

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11 Antworten zu Huang-pos Weihnachtsbotschaft: Äonen nutzloser Anstrengungen

  1. Eno Silla schreibt:

    Dezemberblüte:

    Schöne Tage (ohne nutzlose Anstrengungen) wünscht Euch allen
    Eno

    „Ohne die Sache des Alltäglichen aufzugeben,
    werden Bedingtes und Name-und-Form zu Luftschlössern.
    Namenlos, formlos lasse ich Leben-und-Tod hinter mir.“

    P’ang-yün

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  2. Brigitte schreibt:

    Als Kind war Weihnachten für mich die schönste Zeit. Nicht wegen der Geschenke. Nein. Es lag etwas Verheißungsvolles in der Luft. Etwas in mir tat sich auf, das ich nicht greifen konnte. Etwas Unvorstellbares, das mich ergriff. Und das machte es so wertvoll.

    Seltene Jade schleift man nicht

    Huang-Po fragte Pai-Chang: „Was ist die Lehre der alten Meister?“ Pai-Chang verharrte im Schweigen.

    „Was soll nun den kommenden Generationen überliefert werden?“ „Ich dachte, Ihr seid ein Meister von großem Kaliber“, entgegnete Pai-Chang mit ironischem Lächeln. „Die Buddhaschaft anzustreben, die Erleuchtung zu suchen, irgendwas zu suchen, heißt die Wurzel für die Äste zu verlassen. Alle Dinge sind vollkommen, nichts fehlt. Lebt spontan! Warum im Außen suchen?“

    „Aber die Suchenden benötigen Antworten, um zur Ruhe zu kommen.“ „Ihr wollt Antworten? Hier sind welche: Schmeckt die Süße des weglosen Weges, genießt die Freuden des LEBENS und streift dabei nur in der einen WIRKLICHKEIT umher!

    Man muss die Leidenschaften gewiss nicht abschneiden. Seid einfach spontan, in jedem Atemzug, in jeder Handlung – und die Absichtslosigkeit des TAO wird die Kraft sein, die Euch trägt. Zu versuchen, Objekte abzuschaffen, bildet einen Eingriff zwischen Geist und Objekt. Der Geist ist Auslöschung, das Objekt Beruhigung. Unwissende sind diejenigen, die in Meditation sitzend an nichts denken und sich für großartig halten.

    Geschickte Arbeit ruiniert die ungeschliffene Jade. In der Natürlichkeit und der Spontaneität dessen, was IST, ist die ganze Schönheit des TAO offenbar.

    Die Tatsache, dass Ihr über die Erkenntnisse eines anderen nachdenkt und Unklarheit und Unvollkommenheit darin seht, erweckt den Anschein einer Ahnung in Euch und nicht im anderen. Warum über die Sichtweise von anderen nachdenken? Eliminiert Eure eigene Sichtweise.

    Ihr habt keinen Grund, den Geist abzulegen. Noch weniger, ihn zu zwingen, sich zu beruhigen. Darin besteht die Beruhigung. Solange man sich an die Existenz des Geistes hängt, existiert dieser sogar ohne Überlegung. Aber wenn man erkennt, was Befreiung des Geistes ist, besteht Befreiung sogar dann, wenn Überlegungen auftauchen. Davon zu reden, als ob man in der Einheit ruht oder wieder rausgefallen ist, heißt noch immer in gedanklichen Gebäuden zu leben.

    Körper und Geist befinden sich immer im natürlichen Zustand. Da ist nur ein Gelebtwerden. Wenn man frei ist, ist Freiheit nicht durch irgendeine Art von Erfahrung zu bedingen. Ihr seid es, unbedingt.

    Ihr braucht nichts, der natürliche Zustand ist immer gegeben, entspannt Euch. So, wie es ist, ist es gut.

    Der Zustand des Wissens ist Nicht-Wissen. Nicht-Wissen ist Eure ursprüngliche Natur, durch die spontan die Essenz aller Dinge erkannt wird. Es gibt nichts, wo das Absolute nicht ist. Alles geschieht in der absoluten Wirklichkeit dessen, was IST. Sich immer wieder frisch und spontan erfassen zu lassen, das ist der Weg.“

    Frohe Weihnachten

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    • Nitya schreibt:

      Liebe Brigitte,

      meine schönsten Weihnachten waren in meiner Jugend. Nach dem häuslichen Weihnachts-Fest“ mit den Eltern bin ich mit meinen beiden Brüdern in den tief verschneiten Wald gelaufen. Das war wrklich absolut zauberhaft diese unglaubliche Stille. Danach sind wir in die Bahnhofskneipe zu den ganzen Pennern und haben uns ein Bier reingezogen oder auch mehr. Da war auch eine ganz eigenartige Stimmung. Ganz nah am Wasser gebaut. Schließlich sind wir noch zu den Katholen in den Dom in die Mitternachts-Christmette gegangen. Damit war unser Weihnachtsprogramm abbgerundet.

      Danke für den Klasse-Text! Darf ich fragen, woher du ihn hast?

      Dir und euch allen noch frohe Weihnachten!

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      • Brigitte schreibt:

        Lieber Nitya, freut mich, dass dir der Text gefällt. Er stammt aus dem Buch „Einfach nur DAS: Leben im natürlichen Zustand“ von Ronny Hiess.

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      • Nitya schreibt:

        Ach ja, mein Gedächtnis! Muss ich gleich mal gucken, in welchem Stapel sich der Ronny mal wieder versteckt hat. Vielleicht hat er ja eine Quelle angegeben. Liebe Brigitte, danke für deinen Hinweis! Pai-Chang und Huang-po – das ist einfach wundervoll!

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      • Nitya schreibt:

        Nee, Ronny hat keine Quellenangaben gemacht. Muss ich ihn mal fragen, wo er diesen wunderbaren Text gefunden hat. – Vielleicht gibt’s da ja noch mehr?😉

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      • Marianne schreibt:

        Vielleicht hat Ronny ihn ja selbst geschrieben?
        Danke, liebe Brigitte, fürs Mit-Teilen …❤ lich
        Marianne

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      • Nitya schreibt:

        An einer Reihe von Aussagen kam mir auch schon der Verdacht. Sollte Ronny tatsächlich so ein Schlitzohr sein? Also da soll man nicht vom rechten Glauben abfallen!

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      • Ronny schreibt:

        Nein der Text ist nicht von mir, hab ihn vor XJahren im Internet gefunden, als ich am ersten Manuskript gearbeitet habe fand ich diesen Text wieder und war in dem Moment so unwiederstehlich das er ins Buch kam. Ich gehe davon aus dass das ein Gespräch von den Oben genannten Huang Po und PaiChang und wenn nicht dennoch Brilliant

        Einige Passagen hab ich, im Ausdruck, geändert – an den Kernaussagen gibts ja für mich nix zu drehen

        Liebe Grüße, Ronny

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      • Nitya schreibt:

        Lieber Ronny,

        danke für die Aufklärung: „Einige Passagen hab ich, im Ausdruck, geändert – an den Kernaussagen gibts ja für mich nix zu drehen.“ Wunderbar!

        Herzlichst
        Nitya

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  3. fredo0 schreibt:

    auch ich wünsche allen hier viele schöne bunte eier ….
    …oder so ähnlich …
    😀

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