Karl Renz: Es ist alles tot.


T
Das Selbst, das dem Himmel gleich dargestellt wird,
ist tatsächlich selbst der Himmel.
Es ist reines Bewusstsein,
ohne Tadel, allwissend – vollkommen.

aus: Dattatreya, „Avadhuta Gita, 2.12“

So wie du in Abwesenheit bist, was-du-bist, bist du auch jetzt in der Anwesenheit, was-du-bist. Egal, was in der Anwesenheit passiert, es kann nichts bewirken. Es gibt für dich keine Konsequenz. Denn wenn das [zeigt auf den Körper] verschwunden ist, bist du immer noch in der Anwesenheit dessen, was-du-bist.

Also, was auch immer in der Anwesenheit des Lebens, wie es ist, passiert – es hat nicht den geringsten Einfluss auf das, was-du-bist. Was du als Wissen oder Verstehen erlangst, ist alles … [pustet in die Luft] – kommt und geht. Es wird verschwunden sein, es ist schon verschwunden. Das, was gekommen ist, ist bereits gegangen. Es ist alles tot.

Alles Kommen – die flüchtigen Schatten, Empfindungen, Erfahrungen tiefsten Verstehens und all das, das alles ist …[pustet in die Luft] – Unterhaltung! Nur zum Spaß.

aus: Karl Renz, „Heaven And Hell“
PGefährliche Aussagen, die der Karl da macht. Wir können sie auch etwa in der Bhagavad Gita finden. Diese Aussagen können leicht zu dem Schluss führen: Es ist vollkommen gleichgültig, was du tust – alles nur Unterhaltung, alles nur zum Spaß. Die Aussagen können jede Schweinerei, die man sich ausdenken kann, rechtfertigen. Erzähl das mal den Unterdrückten, Hungernden, Vergewaltigen, Gefolterten, Ermordeten, … war ja nur’n Spaß! Versteht ihr etwa keinen Spaß? Alles [pustet in die Luft] ist nur Unterhaltung. Das ist die Grausamkeit des totalen Tyrannen.

Unterhaltung für wen? Spaß für wen? Für das, was-ich-bin? Das, was-ich-bin, ist jenseits von Kommen und Gehen, jenseits von Spaß und Unterhaltung. Das, was-ich-bin, ist auch kein grausamer Tyrann. Nein, Dattatreyas Aussage kann keinem Idioten zur Rechtfertigung für seine Schweinereien dienen.

Ich habe es schon ein paarmal erzählt und falle hoffentlich niemandem allzu sehr auf die Nerven, wenn ich es jetzt wieder tue. Aber ich muss einfach bei diesem Thema wieder an meinen alten Kunstdozenten Heinz Butz denken, der vor ein paar Tagen 90 Jahre alt wurde. Was immer er berührte, wurde zu etwas Heiligem und wenn es die Türklinke war, die er gerade öffnete. Sie wurde zu etwas Heiligem allein durch seine liebevolle Achtsamkeit, mit der er diese Berührung vollzog. Für einen Moment war diese Türklinke etwas absolut Besonderes, dem die größte Hochachtung entgegengebracht wurde. Meister Eckhart hat diese Hochachtung für den jeweiligen Augenblick ausgedrückt durch den bekannten Satz: „Immer ist die wichtigste Stunde die gegenwärtige; immer ist der wichtigste Mensch, der dir gerade gegenübersteht; immer ist die wichtigste Tat die Liebe.“

Karl Renz: „Alles Kommen – die flüchtigen Schatten, Empfindungen, Erfahrungen tiefsten Verstehens und all das, das alles ist …[pustet in die Luft] – Unterhaltung! Nur zum Spaß.“ Auch das hat seine eigene Wahrheit, aber es ist in dieser Welt der kranken Hirne nicht ratsam, diese Formulierung zu wählen.

Es ist alles tot? Nein, natürlich nicht. Leben ist unendliche Kostbarkeit. Auch das hat seine eigene Wahrheit. B

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Karl Renz: Es ist alles tot.

  1. marcopollo schreibt:

    Im Grunde meint er damit doch, das Leben ist eine Art Simulation. Aber wir alle können irgendwo (nicht) begreifen, was für eine kostbare.

    Gefällt mir

  2. fredo0 schreibt:

    Ich mag den Hinweis von Karlchen „es ist alles tot“ , für mich ein besonders lebendiger Hinweis …😉 .
    In einer Welt der immer größeren Besonderheiten (quantitativ und qualitativ ) , einer Welt der immer extremeren Aufwertung von Erlebnis und daraus resultierender Objektgeilheit und Abhängigkeit zu erwähnen , dass keines dieser „begeilten“ Objekte ein eigenständiges Leben hat , also unabhängig „eigen“ und das gar „ständig“ wäre , scheint mir passend .
    Eine Formulierung unserer Zeit .

    Die Kostbarkeit muss ( bzw. kann ) ja nicht gemacht oder entdeckt werden , sie ist ein automatisches Resultat der Aufwertung von „Was jetzt gerade geschieht“ wenn diese jjunkeemäßigen Sehnsüchte in ein Kommendes ( sich endlich besonders zeigendes ) dann peu a peu entschwinden .
    Anfangs mag da oft eine Art Frustration sein … denn das „Besondere“ als Sehnsuchtspunkt verblasst … etwas scheint dann dem Erleben zu „fehlen“ , …. doch in Folge „enttarnt“ sich die Kostbarkeit des Jetzt von ganz allein , einfach in dem halt die bisher noch verdeckenden Sehnsüchte entschwinden …

    Gefällt mir

  3. Gabi schreibt:

    Wenn Du von Heinz Butz erzählst, wie er die Türklinke anfasst, oder wie er sagt: Spüren Sie`s ? , dann schwappt eine Welle durch den Bildschirm, für den Augenblick ist Ruhe im Hirnkarton und ich ertappe mich mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Merci euch beiden!

    Gefällt mir

    • Nitya schreibt:

      Liebe Gabi,

      jetzt hast du mir ein breites Lächeln ins Gesichts gezaubert. Was könnte man sich mehr wünschen als das, dass dieser eine Augenblick der liebevollen Achtsamkeit, dass dieses „Spüren Sie’s?“ so ansteckend ist wie eine höchst ansteckende Krankheit, gegen die auch das stärkste Antibiotikum nichts ausrichten kann.

      Herzlichst
      Nitya

      Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s