Kodo Sawaki: Der Vogel singt nicht, um zu …

 SDen Buddhadharma zu leben, bedeutet volle Aktivität im Unwissen: Der Berg denkt nicht, dass er hoch ist. Das Meer denkt nicht, dass es weit und tief ist. Alles entfaltet seine volle Aktivität im Universum. Das Lied des Vogels, das Lachen der Blume entfalten sich von selbst, ganz unabhängig vom Menschen, der am Fuß des Felsens in Zazen sitzt. Der Vogel singt nicht, um den Menschen in Zazen mit seinem Lied zu beehren. Die Blume blüht nicht, um vom Menschen für ihre Schönheit bewundert zu werden. Genauso sitzt auch ein Mensch nicht in Zazen, um „Satori“ zu bekommen.

Jeder einzelne von uns verwirklicht sich einfach selbst durch sich selbst zu sich selbst.

aus: Kodo Sawaki, „An dich, dem die Augen der anderen keine Ruhe lassen“

A„Um zu“ ist eine der selbstverständlichsten Forderungen an all unser Tun. Alles andere wird als „sinnlos“ oder etwa als „brotlose Kunst“, wie sie mir auch mein Vater immer wieder unter die Nase gerieben hat, bezeichnet. Wir alle haben unsere Aufgabe auf dieser Welt zu erfüllen, heißt es, andernfalls hätten wir unser Leben vergeudet. Welchen Sinn hat das, dass ich gerade meinen heutigen Beitrag vom Stapel lasse? Mir fällt nichts dazu ein. Wenn Kodo Sawaki sagt: „Das Lied des Vogels, das Lachen der Blume entfalten sich von selbst, ganz unabhängig vom Menschen, der am Fuß des Felsens in Zazen sitzt.“, dann kann ich nur sagen: Nachdem mir kein vernünftiger Grund für meine Schreiberei einfällt, ist die Schreiberei halt mein Lied, das sich ganz von selbst entfaltet. Eine völlig „brotlose Kunst“.

Ich muss gerade an meine allererste Therapiesitzung denken. Eine junge Frau war für drei Wochen zu täglichen Sitzungen gekommen. Und auf sie wartete in einem abgedunkelten und ausgepolsterten Therapieraum wie die Spinne im Netz ein völlig unerfahrener sog. Therapeut, der den Kopf voll mit irgendwelchen Therapiekonzepten und -methoden hatte, die er nun erfolgreich an die Frau zu bringen hoffte. Aber die junge Frau reagierte nicht, jedenfalls nicht, wie sich das der Therapeut vorgestellt und gewünscht hätte. Sie schwieg. Sie wollte sich auch nicht hinlegen. Sie stellte sich in eine Ecke des Raumes, mit dem Gesicht in diese Ecke, und schwieg. Eine kleine Weile versuchte ich noch mit List und Tücke, sie dazu zu bringen, mit mir zu kommunizieren. Aber da gab es kein Entgegenkommen von ihrer Seite. In meinem Bauch grummelte es gehörig. Da war einerseits der Druck, innerhalb der Einrichtung, in der ich arbeitete, einen Erfolg vorweisen zu können, und andererseits eine geradezu heilige Scheu, meine Klientin aus ihrer Ecke herauskriegen zu wollen. Es wäre mir absolut gewalttätig vorgekommen. Ich entschied mich dafür, meinem Gefühl zu folgen und die Sache mit dem Erfolg einfach zu vergessen. In der nächsten Sitzung würde sich sowieso alles auflösen, dachte ich. Aber nichts schien sich aufzulösen. Meine Klientin kam zwar pünktlich, aber sie stellte sich sofort in ihre Ecke und schwieg. Sie schwieg ganze drei Wochen lang. Am letzten Tag kam sie zu mir, legte ihren Kopf in meinen Schoß und weinte, weinte und weinte. In diesen Tränen schien sich alles aufzulösen. Zuletzt umarmte sie mich lächelnd und sagte freudestrahlend „Danke“. Sie bedankte sich vermutlich, weil ich sie nicht „therapeutisch“ bedrängt hatte, sondern ihr die Zeit gelassen hatte, die sie brauchte, um ganz selbstständig und zum richtigen Zeitpunkt aus ihrer Verpuppung herausschlüpfen zu können. Mit einem „um zu“ hätte ich alles zerstört.

„Jeder einzelne von uns verwirklicht sich einfach selbst durch sich selbst zu sich selbst.“ Amen.F

 

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9 Antworten zu Kodo Sawaki: Der Vogel singt nicht, um zu …

  1. MaRia schreibt:

    danke für den authentischen bericht der nicht sprechen wollenden frau beim therapeuten. MaRia

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    • Elwood schreibt:

      Auch Dir liebe MaRia Danke für Deine tollen Texte.
      Als meine Mutter meinen Vater wegen eines anderen Mannes verlies, brachte er sich auch um, so hies es. Meine Mutter haben die Schuldgefühle bis zu ihrem Lebensende nicht verlassen.
      Schön, dass Du einen anderen Weg gegangen bist und jetzt so erliche Texte über Dein Leben und Wirken schreibst.

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    • Nitya schreibt:

      Nun ja, ich konnte nur mit ein paar dürren Worten den Ablauf grob umreißen. „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist unsichtbar für die Augen.“ hinterließ uns Antoine de Saint-Exupéry. Es ist ja nicht nur unsichtbar, sondern auch unsagbar. Man kann es bestenfalls zwischen den Zeilen entdecken.

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  2. Brigitte schreibt:

    Wunderschön. Zwei Menschen, die sich wirklich begegnen. Sich selbst, einer im anderen. Beide lauschend und offen für das, was und wie es sich zeigen will, ohne einzugreifen. So können sich innere Verkrustungen auf sanfte Weise lösen. Einfach durch Achtsamkeit und Wertschätzung für das Geschehen an sich. Ein Segen für beide.

    Ich kenne keine Heilung
    ausser derjenigen, die mich zu sagen befähigt:
    HIER BIN ICH DU.
    (Douglas Harding)

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  3. Savitri schreibt:

    …so schön! Danke❤

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  4. fredo0 schreibt:

    als vater ein recht großen patchwork-familie hatte ich natürlich auch mit diversen geistern der vergangenheit zu tun , die den ein oder anderen der menschen meiner familie heimsuchten .

    so hatte zum beispiel einer meiner söhne , daniel , damals etwa 3 bis 4 jahre alt , die merkwürdige und recht strapaziöse angewohnheit des öfteren nachts zu erwachen , und dann wie am spieß schreiend , die gesamte familie aus den betten zu treiben … alles trösten und ablenken blieb völlig vergeblich … er am nächsten morgen völlig heiser … der rest der familie gerädert und unausgeschlafen …
    da es kein ende nehmen wollte , mit diesen merkwürdigen attacken und die augenringe der restfamilie bereits auffällig wurden , nahm ich ihn , nachdem alles beruhigen weiterhin nutzlos blieb , beim nächsten schrei-event aus dem bett , und hielt in ganz fest in meinen armen , um etwas verzweifelt wohl eine art gegendruck zu erzeugen. der kleine mann im pressgriff schaute mich von unten nur mit großen augen an , und sagte : „papa , das muss raus “ . ich stutzte einen moment , lies in aus meinen haltenden armen frei , setzte ihn in sein bett , wo er alsbald wieder zu schreien begann , und statt erneut zu trösten oder abzulenken , feuerte ich ihn stattdessen an : „schrei dani , schrei ! so laut du kannst … !“ … und der rest der familie , die natürlich auch in der türe seines zimmers standen , fiel nach anfänglichem staunen mit begeisterung in das “ schrei dani ! schrei ! so laut du kannst !“ ein …
    ( „schrei dani , schrei !“ wurde danach zu einem geflügelten wort unserer patchwork-horde , und dies bis heute . ich bin mir sicher , dass es als kollektives familiäres erinnern auch an diesem weihnachtsfest wieder seinen anlass finden wird , zumal dieser daniel gerade dabei ist , mich zu einem großvater zu machen😀 )
    noch ein zwei mal besuchten ihn damals die dämonen , dann war es „ausgeschrieen“ und dies hat ihm wohl bis heute einen beneidenswert tiefen schlaf geschenkt …

    erfolgreich … selbst … austherapiert😀

    ( denn , wie ich denke , ist häufig das irritierende verhalten eines menschen nicht ursache einer störung , sondern bereits der versuch einer hoffentlich erfolgreichen selbsttherapie , mal so ein wenig amateurpsychologiert )

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