Nietzsche: Aber was liegt an allen Gläubigen!


NDer Mensch der Erkenntnis muss nicht nur seine Feinde lieben… Genau das sagt Jesus: „Liebet eure Feinde“. Man hat es für einen sehr tiefsinnigen, bedeutsamen Anspruch gehalten, aber er ist gewöhnlich, weltlich. Jeder gewöhnliche Morallehrer kann sagen: „Liebet eure Feinde.“ Zarathustra ist aus einem anderen Schrot und Korn. Er sagt:

Der Mensch der Erkenntnis muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch seine Freunde hassen können. Eben darum sagt er: Hütet euch vor eurem größten Feind, vor Zarathustra. Und besser noch: Schämt euch seiner! Vielleicht betrog er euch! Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur ein Schüler bleibt.

Der Meister will, dass du der Meister bist, nicht Jünger bleibst. Jeder Meister, der will, dass du für immer und ewig Jünger bleibst, ist kein Meister; er ist unecht und betreibt im Namen der Spiritualität Ausbeutung und legt das Dasein der Menschen in Ketten und Fesseln. Ein wahrer Jünger zahlt eines Tages seinem Meister dadurch zurück, dass er ein Meister wird. Das ist kein Zeichen von mangelnder Verehrung, sondern die größte Verehrung, die es geben kann. Der Jünger hat die Sehnsucht des Meisters erfüllt.

Man vergilt es seinem Lehrer schlecht, wenn man immer nur ein Schüler bleibt. Und warum wollt ihr nicht an seinem Kranze rupfen? Ihr verehrt mich; aber wie wenn eure Verehrung eines Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage! Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid meine Gläubigen. Aber was liegt an allen Gläubigen!

aus: Osho, „Zarathustra – ein Gott der tanzen kann“

OWenn die kleinen Vögel flügge geworden sind, machen sie, dass sie aus dem Nest kommen, hab ich mal gehört; und wenn der Nachwuchs dazu keine Lust hat, helfen die Eltern mächtig nach, dass er sich baldmöglichst vom Acker macht. Glaube ich mich jedenfalls erinnern zu können, erscheint mir auch folgerichtig. Das Ganze ist eine Einbahnstraße. Die einen kommen, die anderen gehen. Erwachsen werden bedeutet nun mal in erster Linie flügge zu werden und aus eigener Kraft allein in den Himmel zu fliegen. Bei den Menschen scheint das sehr häufig nicht mehr so richtig zu funktionieren. Viele Eltern können ihre Kinder nicht mehr loslassen und viele Kinder nicht mehr ihre Eltern. Beide scheinen nie richtig erwachsen geworden zu sein. Kein Wunder, wenn Eltern und Kinder sich zunehmend zur Last fallen. Und kein Wunder, wenn sie ständig nach etwas oder jemandem suchen, der ihnen den Halt gibt, den sie sich von ihren Eltern gewünscht haben. Und wenn es nicht die richtigen Eltern sind, dann muss halt ein Gott oder einer seiner Stellvertreter herhalten.

Nietzsche hat nicht mehr erlebt, dass man die Nag-Hammadi-Schriften ausgebuddelt hat. Sonst würde er vielleicht wissen, dass Jesus gar nicht so weit weg war von seinem Zarathustra. Der hatte nämlich seinen Schülern gesagt: “ Wer seinen Vater nicht verachtet und seine Mutter, wird nicht mein Schüler sein können.“ Jesus wollte allem Anschein nach für seine Schüler so wenig zur verehrungswürdigen Bildsäule werden wie Zarathustra. Er wusste wohl, dass er sie so nur erschlagen würde.
LLGR
Allen Protagonisten des Textes war eines sehr klar und Teil ihrer Botschaft: Du kannst deine Wahrheit nur ganz allein in dir finden. Ikkyû Sôjun drückte es so aus:

wofür lässt du dich zum Gebet
auf deine dümmlichen Knie nieder?
morgen ist gestern

Verehrung, Glauben, dieser ganze Mist, der nichts anderes ist als Ausdruck neurotischer Infantilität, hat nur zur Folge, dass sich alle bis in alle Ewigkeit im Kreise drehen und es mit dem großen Sprung aus einer längst überholten Entwicklungsstufe nicht schaffen. Da hilft auch nicht der große Sprung zu den Sternen. Ein Gläubiger ist nun mal einfach ein in seiner Entwicklung stehengebliebenes Kind. Da hilft kein Gott und kein Engel. Auch keine Bruder-, Lichter- oder sonst irgendeine Kette.

Du bist vollkommen alleine.

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4 Antworten zu Nietzsche: Aber was liegt an allen Gläubigen!

  1. thomram schreibt:

    Richtig.
    Gut gebrüllt🙂

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  2. fredo0 schreibt:

    du bist vollkommen ( du bist bereits voll des kommenden )

    du bist vollkommen alleine ( du bist vollkommen im alles einen )

    vollkommenheit ist stets im bereits DA .

    nichts anderes kann das DA sein , als vollkommen .
    denn es ist stets zur fülle gekommen .

    ( mal so den schwung des gedankens aufnehmend „gewortdeutelt“ )

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  3. Thomas Faulhaber schreibt:

    Die Wege, die du gehen kannst, sind nicht die richtigen…

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  4. marcopollo schreibt:

    „Du bist vollkommen alleine.“
    Gibt es etwas echteres, wahreres, besseres, schöneres, lebendigeres ?
    Meine Fresse, warum wird sowas nicht gelehrt ? In der Schule, zuhause, überall.
    Einige wissen´s, die meisten verdrängen´s, die wenigsten wollen´s wahr haben.

    „Ein Gläubiger ist nun mal einfach ein in seiner Entwicklung stehengebliebenes Kind.“
    Ein gefährliches, kein verspieltes. Wie soll man mit so einem umgehen ? Am besten steckt man ihm einen Lutscher ins Maul und lässt ihn schlecken. Aber kaum ist der ausgelutscht, fängt das Gebrülle wieder von vorne an. Mamma mia!:/

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