Ikkyû Sôjun: Lass es sich selbst dartun!

Kkein Gedanke, keine Reflexion,
kein Üben, keine Absicht –
lass es sich selbst dartun!

Ikkyû Sôjun

Kein Gedanke, keine Reflexion, kein Üben, keine Absicht – all diese Dinge, die wir alle für so wichtig halten, auf die wir uns so viel einbilden, die für uns die Grundpfeiler unserer Kultur darstellen – Ikkyû Sôjun wischt sie mit einer Handbewegung vom Tisch. Kann es ein schöneres Beispiel für den Hintergrund der Aufforderung geben, es sich selbst dartun zu lassen, als die natürliche Geburt eines neuen Erdenbürgers?

Unser Storch da oben scheint eine klare Absicht zu haben: Baby bei Mutti in spe abliefern. Mal abgesehen davon, dass er ein Phantasieprodukt ist, handelt er nur im Auftrag, ist lediglich als Bote unterwegs. Nichts tut sich von selbst dar. Und wenn wir im Alten Testament unter Mose, 3, 16 etwas zum Thema erfahren wollen, dann lesen wir das: Und zum Weibe sprach er [Gott der HERR]: „Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wenn du schwanger wirst; du sollst mit Schmerzen Kinder gebären; und dein Verlangen soll nach deinem Manne sein, und er soll dein Herr sein.“ Das hätten die ollen Frauenhasser wohl gern. Soll das natürlich sein, mit Schmerzen zu gebären? Möglichst nicht an Wochenenden, wenn die Ärzte keinen Bock haben, und überhaupt möglichst problemlos und bequem für das Heer der sog. Helfer, also vielleicht mit Einleitungen und/oder Kaiserschnitt oder ähnlichen Fisimatenten. Und das …

 
… ist die absolute Katastrophe. Das sieht ja richtig nach Vergnügen, ja geradezu nach Ekstase aus! Wie soll bei so einem Weib der Mann noch Herr sein können? Und das will dieser Kümmerling doch um jeden Preis sein! Und genau deshalb muss er alles, was es wagt, ohne seine hochherrschaftliche Erlaubnis sich von selbst darzutun, also alles wofür das Tao steht, regeln, verwalten, knechten, demütigen, anklagen oder gleich ganz vernichten.

„Wer nur den lieben Gott lässt walten …“ – es ist dasselbe wie „Lass es sich selbst dartun!“ Aber das kann so ein Herrenmensch nicht ertragen, gleich ob männlichen oder weiblichen Geschlechts. Ja natürlich gehören die Frauen, die sich nur noch am männlichen Prinzip orientieren, mit zu den Herrenmenschen. Die Welt ist gänzlich aus dem Gleichgewicht geraten. Bert Brecht schrieb in seinem Gedicht „Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King“:

Doch der Mann in einer heitren Regung
Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?“
Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung
Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt.
Du verstehst, das Harte unterliegt.“

 Das weiche Wasser in Bewegung? … also tut um Gottes willen alles, dass dieses verdammte weiche Wasser sich nicht bewegen kann! Ich habe zeitlebens diese gechlorten, toten Sportbäder gehasst. Gott sei Dank hatte ich in meiner Jugend den Lech vor der Haustür. Besiegt nun das weiche Wasser in Bewegung wirklich den harten Stein? Oder kann der harte Stein nicht doch das weiche Wasser besiegen? Auch „mit der Zeit“?

W

Aber gleichgültig, ob nun das Yin das Yang besiegen kann oder umgekehrt, ich kann mir diese wunderwolle Geburt, wie sie oben in dem kleinen Filmchen gezeigt wird, beim besten Willen nicht in dem kalten Sportbad vorstellen, sehr wohl aber an meinem Lieblingsfluss. Und wer noch irgendetwas Lebendiges in sich spürt und nicht völlig verhirnt ist, wird wohl die Freude dieser lustvollen Geburt mitempfinden können und bei dem Filmchen wohlig zu schnurren anfangen.

 

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