Brigitte: Hoffnungslosigkeit und Heiterkeit

BGestern war Brigittes Kommentar zum Text von Karl Renz:

What to do?
Ich liebe solche Texte.
Ein inneres Entzücken breitet sich aus.
Wie kann eine so grundlegende Hoffnungslosigkeit
eine so immense Heiterkeit auslösen?
Ich habe keine Ahnung.

Das ist eine erstaunliche Feststellung, nicht wahr? „Wie kann eine so grundlegende Hoffnungslosigkeit eine so immense Heiterkeit auslösen?“ Die Frage katapultierte mich irgendwie zurück in meine Kindheit, zurück in die Zeit eines verloren gehenden Krieges und in die Zeit danach, als alle ungeachtet ihrer heiligen Schwüre wieder unverdrossen den nächsten Krieg vorzubereiten begannen – wie das wohl schon immer so war. Heinrich Böll fällt mir ein mit seiner Kurzgeschichte „Wanderer, kommst du nach Spa…“ und die Zeile aus dem Griechisch-Unterricht: “ Ὦ ξεῖν᾿, ἀγγέλλειν Λακεδαιμονίοις ὅτι τῇδε κείμεθα τοῖς κείνων ῥήμασι πειθόμενοι.“, die Schiller etwas frei übersetzte mit dem bekannten Spruch: „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ Das war 480 v. Chr., als sich die Spartaner in der Schlacht bei den Thermopylen bis auf den letzten Mann von den Persern niedermetzeln ließen.

Auch uns wurde dieser Satz noch als Beipiel einer vorbildhaften Haltung verkauft und dabei wehte noch ein Hauch von Stalingrad durch die Schulbankreihen. Irgendwie prägte sich dieser Satz tief in meine jugendliche Seele ein, entsprach er doch zutiefst dem Erleben meiner Welt. Später dann, als mein privates wie berufliches Leben so laut zusammenkrachte wie die Seilbahn des Alexis Sorbas aus dem berühmten Roman von Nikos Kazantzakis und ich beschloss, endlich auch mal Therapie zu machen,um den Balken im eigenen Auge besser sehen zu können, begleitete mich die ganze Zeit dann noch das trostlose Lied von den Moorsoldaten, das ich damals ständig vor mich hin sang:


Nicht einmal die trügerische Hoffnung am Ende des Liedes war noch übrig geblieben. Von wegen „Wir grüßen unsere Befreier“. Wir sind es doch, wir alle, die schon immer und schon wieder in die Kriegstrompeten blasen und dafür sorgen, dass die Kolonne der Moorsoldaten nie abreißen wird. Wie sagte Jesus im Thomasevangelium: „Liebe deinen Bruder wie deine Seele, hege ihn wie deinen Augapfel!“ Mutti Merkel hat uns doch empfohlen, uns mal wieder mit den Worten von Jesus zu beschäftigen, schließlich hat sie ja ein C im Parteinamen – also muss man sie vielleicht auch mal selbst daran erinnern dürfen.CBert Brecht sagte kürzlich: „Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffentlich meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitterkeit.“ Brigitte spricht nicht von der Hoffnung auf fehlende Bitterkeit, sie fragt ganz erstaunt: „Wie kann eine so grundlegende Hoffnungslosigkeit eine so immense Heiterkeit auslösen? Ich habe keine Ahnung.“ Wie könnte man sich das auch erklären? Es ist nicht zu verstehen. Es ist wie ein Wunder. Ich würde Brigittes Satz noch durch den Satz ergänzen wollen: Nur wenn die Hoffnungslosigkeit vollkommen gesehen und angenommen ist, kann sich diese absolute Heiterkeit entfalten, die durch nichts mehr zu erschüttern ist. Klingt vielleicht ein wenig großkotzig. Keine Ahnung, ob ich das als Insasse in Guantánamo auch noch so sagen würde. Meine christliche Sozialisierung lässt mich jedenfalls immer wieder mal eine Stelle aus der Bibel erinnern. Hier der bei Beerdigungen ziemlich beliebte Spruch aus 1. Korinther 15: „Wenn aber das Verwesliche wird anziehen die Unverweslichkeit, und dies Sterbliche wird anziehen die Unsterblichkeit, dann wird erfüllt werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“
K

 

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4 Antworten zu Brigitte: Hoffnungslosigkeit und Heiterkeit

  1. Eno Silla schreibt:

    hoffnungslosigkeit
    und
    heiterkeit

    hoffnung ist begrenzung
    hoffnungslosigkeit ist freiheit

    alles verlieren

    weil alles verloren ist
    ist alles gewonnen

    da ist freude
    in dieser akzeptanz
    trotz allem wahnsinn

    sein

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  2. Ingeborg schreibt:

    Gefällt mir

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