Karl Renz: Er ist dumm genug, mit sich selbst zu spielen.

 A

So wie sich die Schärfe, die Kälte und Weichheit
nicht vom Wasser unterscheiden,
da sie die Natur des Wassers sind,
unterscheiden sich Prakriti und Purusha,
als die mir innewohnende Natur nicht von dem,
was ich bin.

Avadhuta Gita, 2.9.

Die zweifelhafte Existenz wird sich immer aus der zweifelhaften Existenz heraus anzweifeln und dadurch, dass sie sich selbst anzweifelt, versuchen, den Zweifel loszuwerden. Sie werden versuchen, den Zweifel loszuwerden, um dadurch wirklich oder wissend zu werden. Weil es dann nicht mehr zweifelhaft wäre. Aber der Versuch „zu werden“, wird immer ein zweifelhafter Akt bleiben. Er läuft unentwegt ab. Das ist eine unendliche Geschichte. Sie ist wie Shiva, der sein eigenes Puppenhaus baut und selbst zur Puppe wird, weil er mit den Puppen spielt. Und dann versucht er, keine Puppe zu sein und bleibt eben deshalb eine Puppe. Und das ist die Natur Shivas, der zum Jiva wird. Er spielt mit sich selbst herum, erschafft Abbilder von sich und glaubt dann irgendwann an sein eigenes Bild. Deshalb kann er nicht einmal einen anderen beschuldigen. Er ist dumm genug, mit sich selbst zu spielen. Und dann wird es zum wirklichen Spiel. Dann versucht er, aus dem Spiel rauszukommen, weil er genug hat oder es ihn langweilt. Aber das ist unmöglich, weil er niemals im Spiel war.

aus: Karl Renz, „Erstes und Letztes“LIn meiner Halbstarken-Zeit hab ich mir natürlich bisweilen einen Western reingezogen und ich musste immer grinsen, wie ich da aus dem Kino rauskam. Während der Film lief, hatte ich mich offensichtlich derart mit meinem Helden identifiziert, dass ich ungefähr so daher kam, wie der Typ da oben. Ich muss richtig gefährlich ausgesehen haben – und natürlich nicht nur ich. Das ist wirklich eine grandiose Fähigkeit, sich derart in eine tatsächliche oder vorgestellte Figur hineinversetzen zu können, dass man anfängt, zu ihr zu werden. Scheinbar, versteht sich. Also da hält mich ein Polizist auf der Straße an, weil ich mal wieder zu schnell gefahren bin und, also ihr werdet es nicht glauben: Der Typ hält sich tatsächlich für einen Polizisten!

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in die Schule kam, um dort Kunsterzieher zu spielen. Das war für mich, als wenn sich ein Schauspieler auf seinen Auftritt vorbereitet. Als Kunsterzieher hatte ich ja fast schon der Auftrag, ein bisschen schräger als die anderen daher zu kommen. Also ein bisschen, man musste als Beamter ja immer noch so einigermaßen im Rahmen bleiben. Ich merkte allerdings sehr bald, dass meine Kollegen ihre Rolle gar nicht spielten, sondern ganz ernsthaft glaubten, sie zu sein. Und sie hielten mich auch für meine Rolle. Und bis auf ein paar Ausnahmen auch die Schüler. Das war echt fatal. Jetzt musste ich meine Rolle so ernsthaft spielen, dass niemand auf die Idee kam, dass ich sie nur spielen würde. Als ich dann in das Bühnenfach Fortbildungsleiter wechselte, muss ich wohl angefangen haben, mich mit dieser Rolle so sehr zu identifizieren, dass ich einen Streit mit meiner Vorgesetzten so ernsthaft betrieb, dass ich ihr meine Rolle vor die Füße schmiss und mich an einem anderen Theater nach einer neuen Rolle umsah, die mir irgendwie mehr Freiheit zu versprechen schien. Wieder ein neuer Identifikationstraum: Mehr Freiheit.

Nochmal der Karl, weil er das so schön auf den Punkt bringt: „Und das ist die Natur Shivas, der zum Jiva wird. Er spielt mit sich selbst herum, erschafft Abbilder von sich und glaubt dann irgendwann an sein eigenes Bild. Deshalb kann er nicht einmal einen anderen beschuldigen. Er ist dumm genug, mit sich selbst zu spielen. Und dann wird es zum wirklichen Spiel. Dann versucht er, aus dem Spiel rauszukommen, weil er genug hat oder es ihn langweilt. Aber das ist unmöglich, weil er niemals im Spiel war.“ Wie hätte es mehr Freiheit geben können, wenn der, der glaubte, mehr Freiheit erreichen zu können, niemals im Spiel war?N

 

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Eine Antwort zu Karl Renz: Er ist dumm genug, mit sich selbst zu spielen.

  1. Brigitte schreibt:

    What to do? Ich liebe solche Texte. Ein inneres Entzücken breitet sich aus. Wie kann eine so grundlegende Hoffnungslosigkeit eine so immense Heiterkeit auslösen? Ich habe keine Ahnung.

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