Jos Slabbert: Der Verräter

 D

Nichts ist für ihn unmöglich.
Da er die Dinge geschehen lässt,
er kann für das Wohlergehen der Leute sorgen
wie eine Mutter für ihr Kind.

Der Taoist hat die Toleranz von jemandem, der weiß, dass seine Ideen weniger wichtig sind als sein eigenes Wohlergehen. Er lebt in der ständigen Gewissheit darüber, dass seine Überzeugungen nicht so wertvoll sind wie das Wohlergehen anderer.

Er hat die Geduld eines Menschen, der weiß, dass seine Einsichten begrenzt und einem ständigen Wandel unterworfen sind. Er hat die Demut eines Menschen, der weiß, dass das, was wirklich wichtig ist, meist jenseits des Geistes und der Sprache liegt. Zwietracht zu schaffen, um ihren eigenen, begrenzten Standpunkt zu verteidigen ist dem Weisen fremd. Er betrachtet Harmonie als die Essenz eines sinnvollen Lebens.

Daher ergreift der Weise im intellektuellen Disput nicht Partei. Er trägt nicht die Farben einer Sekte oder Partei. Er lässt nicht im Wind patriotisch die Flaggen wehen. Er singt nicht mit tränenerfüllten Augen Hymnen. Er weigert sich, „für sein Land zu sterben“. Er weigert sich, für irgendwelche nationalistischen Belange oder in patriotischem Eifer zu töten. Auch nicht, um die Gier seiner Regierenden zu befriedigen, oder weil er irgendeiner Propaganda anheimgefallen ist.

Er ist ein wahrer Krieger. Eher würde er sich als Verräter bezeichnen lassen, als sich selbst zu verleugnen. Er hat sich selbst überwunden und kann daher nicht überwunden werden.

aus: Jos Slabbert, „Der moderne taoistische Weise“, übersetzt von Susi Yin

CAls Ausgleich scheinbar zu dem, was gestern Jed McKenna vom Stapel gelassen hat: „Er [Der Weise] betrachtet Harmonie als die Essenz eines sinnvollen Lebens.“ Aber steht es wirklich im unvereinbaren Gegensatz zu den gestrigen Aussagen? Jos Slabberts Text über den „modernen taoistischen Weisen“ ist seine Deutung des Daodejing. Modern sind daran nur seine Bezüge zum heutigen Zeitgeschehen, nicht aber seine Grundaussagen. Mir gefiel hier schon die Überschrift: „Der Verräter“. Ein Taoist ist ganz zwangsläufig ein Außenseiter und Outlaw und damit ein Verräter in den Augen der Gesellschaft. Mir wurde das das erste Mal so voll bewusst, als ich bei meiner Kriegsdienstverweigerung antreten und meine Glaubhaftigkeit beweisen musste. Da hatte der Staat doch tatsächlich die Möglichkeit der Verweigerung geschaffen und seine Büttel taten nun alles, um diese Möglichkeit wieder zunichte zu machen. Mein Vorgänger war durchgefallen, obwohl er sogar einen Rechtsanwalt der IDK an seiner Seite hatte. Dieser flüsterte mir beim Rausgehen noch verschwörerisch zu: „Machen Sie sich keine Hoffnung! Die sind knallhart.“ Nun, dann hab ich ja nichts zu verlieren und kann in die Vollen gehen, dachte ich mir. Mit dieser Haltung gebe ich immer mein Bestes. Mann, versuchten die mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Aber auch meine Freunde sagten vorwurfsvoll: „Ich geh zum Bund, damit du verweigern kannst.“ Sollte ich mich jetzt für dieses Opfer auch noch bedanken und mich schlecht fühlen? Ich tat nichts dergleichen. Wie sagt Jos Slabbert: „Er weigert sich, ‚für sein Land zu sterben‘.“ Das passt ja nicht so recht zu dem doofen „Dulce et decorum est pro patria mori“-Spruch von Horaz, den der junge Bert Brecht mit diesen Worten geißelte:BDer Ausspruch, dass es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, kann nur als Zweckpropaganda gewertet werden. Der Abschied vom Leben fällt immer schwer, im Bett wie auf dem Schlachtfeld, am meisten gewiß den jungen Menschen in der Blüte ihrer Jahre. Nur Hohlköpfe können die Eitelkeit so weit treiben, von einem leichten Sprung durch das dunkle Tor zu reden, und auch dies nur, solange sie sich weit ab von der letzten Stunde glauben. Tritt der Knochenmann an sie selbst heran, dann nehmen sie den Schild auf den Rücken und entwetzen wie des Imperators feister Hofnarr bei Philippi, der diesen Spruch ersann.

Jos Slabbert bringt es exakt auf den Punkt, er sagt: Der taoistische Weise ist „ein wahrer Krieger. Eher würde er sich als Verräter bezeichnen lassen, als sich selbst zu verleugnen.“ Er verzichtet nur zu gerne auf die Anerkennung und den Beifall der Gesellschaft. Sich selbst verleugnen, bedeutet, das Tao verleugnen – auch und gerade gegenüber dem „eigenen“ sog. Ego, das nichts anderes ist als das Gemeinschaftswerk der Gesellschaft, die seit undenklichen Zeiten hinter irgendeinem Phantom herjagt. Und damit sind wir schon wieder ganz bei Jed McKenna: Spiritualität ist eben kein Parkspaziergang an einem sonnigen Tag, voller hübscher Gedanken an Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Jos Slabbert: Der Verräter

  1. Eno Silla schreibt:

    der brösel udo und sein gefolge:
    immer wieder für eine unterhaltsame stunde gut:
    ein echter taoist?
    blöde frage!
    tao ist!

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s