Jed McKenna: Die Wahrheit zerstört alles


AFür viele Menschen ist Spiritualität ein Parkspaziergang an einem sonnigen Tag, voller hübscher Gedanken an Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen. Es ist Softcore-Spiritualität, mir softem Schwerpunkt, softer Beleuchtung und softer Musik, total sanft und flauschig, und alles spitzt sich zu einem welterschütternden Höhepunkt zu, der anscheinend nie eintritt. Jeder, der einen echten Prozess des Erwachens durchläuft, würde eine derartige Seichtheit mit den gleichen Augen betrachten wie Männer auf einem blutigen Schlachtfeld, die Kinder im Hinterhof Krieg spielen sehen. Du redest von einer Revolution, aber Revolutionen sind keine Nachmittags-Teekränzchen mit feinem Porzellan und gespreizten kleinen Fingern, es sind höllische Alpträume, aus denen du nicht erwachen kannst. Echte Spiritualität ist ein brutaler Aufstand, bei dem sich der Unterjochte erhebt und seine Freiheit um jeden Preis einfordert. Es ist nichts, was Menschen tun, um sich selbst zu verfeinern, sich Verdienste zu erwerben oder mehr Freude und Bedeutung im Leben zu finden. Es ist der selbstmörderische Angriff auf einen Feind von unvorstellbarer Überlegenheit.

„David und Goliath“ ist ein guter Vergleich. Unser Goliath ist riesig und mächtig, und er sieht alles. Unser David ist mickrig und schwach, dumm und blind. Es gibt in diesem Kampf rein gar nichts, was für ihn spricht, nichts außer seinem Mut zu kämpfen und seinem Stein. Wir können uns diesen Stein als die Wahrheit vorstellen, und die Wahrheit ist es, die Riesen tötet. Die Wahrheit zerstört alles. Goliath verfügt über alle Macht und jeglichen Vorteil außer der Wahrheit, und deshalb können wir kämpfen und siegen; wir haben Wahrheit, und Maya hat sie nicht. Trotzdem ist es nicht mit einem Mal getan, indem David den Stein wirft und Goliath tot umfällt. Es ist ein langes, hässliches Ringen, weil wir sowohl Freund als auch Feind sind; sowohl David als auch Goliath sind in uns beheimatet. Jeder winzige Landgewinn fordert von uns alles, was wir haben. Die Lektionen werden uns nicht in Form kurioser kleiner Parabeln geliefert, sondern in Form von unwiederbringlichen Verlusten, Lektion für Lektion, Verlust für Verlust. Jeder Schritt ist ein Verlust, und solange es noch mehr zu verlieren gilt, gilt es auch noch weitere Schritte zu tun. Alles ist verloren. Nichts ist gewonnen.

aus: Jed McKenna, „Spirituelle Dissonanz“DLieber Norbert, gestern kommentiertest du u.a. mit diesen Sätzen: „Wenn es mir Erleichterung verschafft, ein Stoßgebet gen Himmel zu schicken (und an wen, das suche ich mir auch aus) oder eine Puja abzuhalten oder ein Mantra zu murmeln, dann halte ich das für ein ‚winner script‘ im Wilsonschen Sinne. Die meisten Gläubigen aber pflegen keinen bewussten Umgang, und sie kritisieren Menschen wie mich, die sich die Dinge aus Religionen rauspicken, die ihnen helfen, ‚ganz oder gar nicht‘, dieser Spruch kommt oft. Hört sich für mich an wie ‚mitgehangen, mitgefangen‘, als ob Religion an und für sich was Heiliges wäre.“

Jed McKenna würde deine Position wohl mit den eingangs zitierten Worten beschreiben: „Für viele Menschen ist Spiritualität ein Parkspaziergang an einem sonnigen Tag, voller hübscher Gedanken an Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.“ Ich würde das noch ergänzen wollen mit: Für viele Menschen ist Spiritualität so etwas wie eine hoffentlich erfolgreiche Therapie. Wenn alle anderen Therapien versagt haben, kann man seine Hoffnung vielleicht auf eine spirituelle Therapie setzen: „Wenn es mir Erleichterung verschafft …“ Nichts dagegen, um Gottes willen! Wer hätte kein Verständnis dafür, wenn es sich jemand gut gehen lassen will. Und wer hätte Verständnis für Menschen, die sich zur höheren Ehre Gottes halb zu Tode fasten, geißeln, Nägel durch ihre Gliedmaßen treiben und dergleichen mehr?

Jed McKenna geht es ganz sicher nicht um „ein ‚winner script‘ im Wilsonschen Sinne“. Geht es ihm um überhaupt irgendetwas? Hat er eine Absicht? Sucht er sich dafür etwas Passendes aus? – Ich würde sagen, es passiert wie ein Unfall. Niemand wäre – nach allgemeingültigem Maßstab – so blöd, sich das anzutun, was unser Protagonist sich da antut: „Ein selbstmörderischer Angriff auf einen Feind von unvorstellbarer Überlegenheit.“ Und: „Ein langes, hässliches Ringen, weil er sowohl Freund als auch Feind ist; sowohl David als auch Goliath sind in ihm beheimatet.“ Welcher Vollpfosten sucht sich schon so ein Drama aus? „Die Lektionen werden ihm nicht in Form kurioser kleiner Parabeln geliefert, sondern in Form von unwiederbringlichen Verlusten, Lektion für Lektion, Verlust für Verlust. Jeder Schritt ist ein Verlust, und solange es noch mehr zu verlieren gilt, gilt es auch noch weitere Schritte zu tun.“ Von wegen „ein ‚winner script‘ im Wilsonschen Sinne“: „Alles ist verloren. Nichts ist gewonnen.“ Wer sucht sich so etwas aus – es sei denn, er ist ein Getriebener, es sei denn er muss so sein, wie er aus unerklärlichen Gründen einfach ist. Und alles, wobei es darum geht ist: Die Wahrheit zerstört alles.

H

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5 Antworten zu Jed McKenna: Die Wahrheit zerstört alles

  1. fredo0 schreibt:

    und was hilft ?
    vertrauen … hmmm … nun ja …. ich würde eher sagen , die dünne schicht vertrauen aus dem , dass es mich bisher noch nicht vernichtet hat , und warum es dass denn dann in nächster zeit tun sollte . Irgendwann gewiss , aber ist es da dann um irgendetwas schade ?
    was bleibt ist anyway nur dieser tanz … ein tanz auf den wogen von ereignissen , die das chaos beliebt , in mein leben jetzt gerade aufblubbern zu lassen.
    und seifenblasen hab ich schon immer gerne betrachtet.
    muss mehr sein ? … bedarf es tatsächlich irgendetwas festem , verlässlichen ? … oder ist nicht gerade die verlässliche ungewissheit über ein morgen wiederum das , was eine merkwürdige stabilität bringt ?
    wenn es keinerlei stabilität gibt im leben … dann bedarf es ihrer auch nicht …

    es erinnert mich an ein früheres videospiel … da schwimmen holzstämme in einem fluss … es gilt das andere ufer zu erreichen … die einzige chance ist es , sich … kurz … einem stamm anzuvertrauen … und ( ! ) ihn alsbald in richtung eines nächsten zu verlassen … der mögliche weg geht durchaus auch manchmal retour … und nur der tanz des hin und her verhindert ein versinken im fluss … ein bild , was mir gut zu beschreiben scheint , was mir leben ist …
    vertrauen fassen in ein jetzt … doch dann nicht ein an-dauern erwarten … sondern sich … einfach so (was oft gar nicht so einfach ist ) alsbald dem nächsten vertrauen überlassend finden …

    es war mir nicht dieser brutale kampf zwischen beharren und lösen , den mackenna schildert , … irgendwie geschah dies mir eher „gleitend“ , und damit wenig dramatisch , doch ist es sicher ein weg ohne wiederkehr , eine einbahnstrasse in die weglosigkeit , ja , irgendwie auch heimatlosigkeit … nicht nur im örtlichen , sondern auch in den gefühlen von zugehörigkeit und verlässlichkeit .
    man wird sich selber fremd , und damit auch die , die einem nahe dünkten …
    eine welt der fremde … doch nicht verlassen , denn da war nie eine heimat , die verlassen oder verloren sein könnte …
    irgendwie war ich wohl nie wirklich hier , hier auf dieser welt … nur zu gast ? oder
    nur ein traum in einem traum ? …
    doch wer bräuchte da unbedingt eine antwort ?
    und … was bleibt dann ?
    … eine seltsame leichtigkeit in dem , was einem das leben als ereigniss zumutet … und eine stille freude darin , das sich genau dies (zumindest für mich selbst) als die wahre natur des homosapiens erweist … er ist halt ein nomade , durch und durch …
    ein wanderer durch den augenblick …
    man kann es genießen …
    wenn man es nicht anders haben will .

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    • Nitya schreibt:

      Das mit den Holzstämmen auf dem Fluss finde ich ein Klasse-Bild! Das mit dem Vertrauen dagegen eher eine Milchmädchen-Rechnung. Wenn ich auf 5 Baumstämme erfolgreich gesprungen bin, garantiert mir das in keinster Weise, dass mir auch der 6. Sprung gelingen wird. Der Absturz ist in jedem Moment möglich. Na ja, was solls? Plumps.

      „da war nie eine heimat , die verlassen oder verloren sein könnte …“ wie wahr, wie wahr. Wer das sieht, macht sich auch nicht groß noch Hoffnungen, dass sich das je ändern könnte. Die Heimat ist die Heimatlosigkeit.

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  2. Eno Silla schreibt:

    Eugen Drewermann schleudert einen Stein auf den übermächtigen Goliath des Elends und der Zerstörung:

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  3. Brigitte schreibt:

    schön beschrieben von Fredo …

    gleichwohl liegt mir die Dramaturgie von McKenna, die er ja ganz bewusst einsetzt, das Seichte, Lauwarme, Halbherzige plakativ aufzuzeigen und in die Tonne zu treten. Alles oder nichts, ganz oder gar nicht… lass dein Herz brechen, komme was da wolle. Nicht mehr und nicht weniger. Papaji sagte mal zu einem Suchenden: „Der gesamte Kosmos ist nur ein Punkt in deinem Herzen. Hast du jetzt in diesem Moment Zweifel? Ja. Dann geh vor die Tür und hack dir den Kopf ab.“ Mir gefällt das;-)

    ……….

    kein Entkommen

    wieder
    renne ich durch die Hölle
    fliege in den Himmel
    falle in Abgründe

    reiße Masken nieder
    setze die nächste auf
    tanze mit dem Teufel
    kämpfe mit Gott

    nirgendwo
    dämmert Heimat auf
    kein Leuchtfeuer
    in der Ferne

    kann nicht bleiben
    wo ich bin
    kann nur sein
    wo ich nicht bin

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